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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 482 Nr. 29 Es sind schon Wegen weniger skandalöser und massenhafter Betrügereien Wählen annulliert worden. Diesmal wird es hoffentlich der Partei schlecht ergehen, welche schon seit Jahren ihr politisches Dasein davon fristet, dah man ihr nichts beweisen kann. Schöne Bundesgenossen haben sich die patentierten Inhaber der arischen Moral, die DeuLschnationalen, ausgesucht. Ein Sturm der Empörung geht durch die Oeffentlichkeit. Nur die christlichsoziale Presse schweigt verlegen, wagt es nicht, die Dinge überhaupt zu erwähnen, die aber schon lange ein öffentliches Geheimnis waren und nur erst jetzt öffentlich bewiesen wurden. Die beste Verwaltung Europas hat nun gezeigt, dah sie der tiefste Sumpf Europas ist und an Korruption den berüchtigten Körperschaften der gleichen Art nicht nachsteht. Die Enthüllungen Hrabas, Silberers, Verganis werden ohne Ende fortgesetzt und sind jetzt auf dem Gipfelpunkte angelangt. Man könnte jetzt eine ganze Reihe von Wiener Gemeinderäten nennen, deren Majoritäten sicher nach der Methode erreicht wurden, welche man im dritten Bezirk angewendet hat. Wenn unsere Behörden nicht bloß Gesetze herausgeben, sondern für ihren Teil auch halten wollen, so werden sie wohl wissen, was sie jetzt zu tun haben. An den freiheitlichen Parteien aber ist es, die amtlichen Protektoren der amtlichen Wahlkataster der Stadt Wien in Bewegung zu bringen. Die Iu-en in einer alte« freie« Reichsstadt. Von Haus Heinrich Ehrler (Friedrichshafen). Dieser Tage hat sich auch in Deutschland eine Reihe notabler Namen mit eurer öffentlichen Erklärung gegen die immer noch fortwuchernde Ritnalmordlegende gewendet. Da ist es wohl nützlich, einmal ein historisches Schulbeispiel näher zu beleuchten, das aufzeigt, aus welchen Quellen dieser verhängnisvolle Irrtum letzten Endes entflieht und welche moralische Verheerungen er im Laufe der Jahrhunderte angerichtet Hat. Es ist bekannt, dah die Juden zur Zeit des Mittelialters besonders in den Bodenseestädten schweren Verfolgungen ausgesetzt waren. Konstanz, Ravensburg, Lindau, Buchhorn, Ueberlingen, Meersburg hatten das 14. und 15. Jahrhundert hindurch wiederholt ihre Judenhetzen. Die Ravensburger Stadtgeschichte zumal bietet die interessante Gelegenheit, vom Ausbruch des „Schwarzen Todes" anno 1349 bis zum Jahre 1808, da das Stadtverbot und der „Leibzoll" aufgehoben wurden, den Weg dieser Drangsale zu begleiten. Die erste Kunde von einem offenen Judenmassacre knüpft sich eben an das erste grohe Sterben durch den „Schwarzen Tod", der 1347 von Italien aus auf den Handelsstraßen nach Deutschland eindrang und etwa zwei Drittel der Bevölkerung hinraffte. Den Bodensee erreichte die Seuche im Jahre 1348; von Jakobi 1349 bis Pfingsten 1350 starben in der Stadt Ravensburg 2000 Menschen beiderlei Geschlechts ohne die Kinder. Man weih allgemein, wie diese Heimsuchung auch anderwärts den Juden zur Last gelegt wurde. „Von diesem sterbotte wurden die juden in der welt verlluometet und gezigen in allen landen, dah sie die wassers und bronnen vergisst hätten." Die also Verklagten wurden ihrer Habe beraubt, gefoltert und schockweise verbrannt: in Lindau, in Konstanz (dreihundertdreiunddreihig) und Ravensburg. Hier waren sie, kaiserlichen Schutz suchend, vergebens auf die Burg geflohen. „Es fand , sich aber darnach," erzählt der Chronist weiter, „dah den Juden Unrecht geschehen war: denn das gleiche Sterben dauerte noch sehr lange, nachdem man die Juden verbrannt und ausgewiesen hatte." (Aus diesem Milieu hat Wilhelm v. Scholz den Stoff zu seinem „Juden von Konstanz" genommen. Dort war ein Jude namens Terrason, um sein Leben zu retten, zum Christentum übergetreten. Seine Feigheit aber reute ihn. Cr schloß sich mit seinen zwei gleichfalls getauften Söhnen in sein Haus ein und verbrannte sich darin, indes er zum Fenster hinausrief/ er wolle als Jude, nicht als Christ sterben. Vierzig Häuser der Judengasse brannten dabei nieder.) Von Ravensburg aus ging dann das Zeichen einer allgemeinen.Feuerverfolgung im Jahre 1428 bis 1430 über die Bodenseestädte. Den Anlaß gab eben die jetzt in. Rußland wieder landläufige Beschuldigung, die Ravensburger und Lindauer Juden hätten auf einer Hochzeit zu Ravensburg an einem Christenknaben einen Ritualmord verübt. Es ist nicht uninteressant zu vernehmen, wie sich der Vorgang in dem Bericht der zweihundert Jahre später geschriebenen Chronik des Stadlarztes Ludwig Schlappwitz romanhaft verdichtet. (Es spielt darin auch merkwürdigerweise ein Fuhrmann eine ähnliche Rolle, wie in dem jüngsten Prozeh von Czenstochau.) Die Erzählüng also besagt: „Es hatte allhier ein reicher Jude mit Namen Eleazarus eine einzige Tochter, welche er einem andern Juden versprochen. Als nun diese beiden Hochzeit gehalten und viele Jüdin aus benachbarten Städten dazukamen, da lief ein Schulknabe mit Namen Etterlin von Brugg bei Zürich gebürtig, der zum Studieren hiehergekommen, als er dieses Freudenfest gehört, mit andern, ihm bekannten Judenkindern, in dieses Haus, das Fest mitanzusehen. Da nun Eleazarus ihn gesehen, rief er ihn und führte ihn in die Küche, daselbst den Braten zu wenden, dem er auch fröhlich gefolgt. Als nun der Abend herbeigekommen. rief Eleazarus zween seiner bekannten Juden und eröffnete ihnen seinen Vorsatz, diesen Christenknaben zu ermorden und das Blut grausamer Weise von ihm zu nehmen. Da nun der Knabe, der nichts Böses argwöhnte, von dem Eleazar nt einen heimlichen Okt geführt worden war, verbanden sie ihm den Hals mit einem Schleier, daß er nicht schreien konnte, zogen ihn aus und legten ihn nackend auf einen Tisch, stachen ihn mit spitzigenscharftn-Messern und. Nadeln in mlle..Ad.etn bis auf die Fußsohlen, daß das Blut vom Tisch in die darunter gestellten Geschirre herabfloß, bis er endlich seinen Geist aufgegeben. Nach vollbrachter Tat schoben sie den Körper in einen Sack und warfen solchen bis nach beendeter Hochzeitsfeier unter die Treppe, da sodann einer, Anselmus mit Namen, den Sack auf seine Achsel genommen und außer der Stadt einen guten Weg weil getragen, dem die anderen gefolget, unterwegs aber einem Fuhrmann mit leerem Wagen begegnet waren. Diesen beredeten sie, er solle den Sack bis in den Wald führen, sie wollten ihm den dreifachen Lohn dafür geben. Da nun der Fuhrmann den Sack in den Wald geführt und auf ihr Begehren abgeladen hatte, bekam er von ihnen ein gut Stück Geld mit dem Beding, daß er ihnen mit einem Eid versprechen sollte, etwas zu verrichten, was ihm nicht schaden würde. Als nun der Fuhrmann aus Begierde zum Gelde darein gewilligt, hießen sie ihn den toten Knaben aus dem Sack nehmen. Da er solches getan, entsetzte er sich und wollte davon laufen; die Juden aber bedrohten ihn, ihm alles Uebels zu tun und auf ihn zu zeugen, wenn er nicht dazu schweigen würde, worauf er sich endlich bewegen ließ, und tat, was sie wollten: legte dem Knaben seine Kleider an, stieg auf einen Baum, an welchem die Juden den Knaben mit einem Strick um den Hals gebunden an einen Ast zu befestigen befahlen, um die Vorbeigehenden glauben zu machen, der der Knabe sei entweder von einem Mörder gehangen worden, oder er habe sich selbst aus Verzweiflung erhängt. Knaben, die in den Wald kamen, Vogelnester zu suchen, ersahen ihren Schulkameraden, kamen in die Stadt geloffen, und seinen Kostherrn geholt, der es dem Rat angezeigt, von denen viele hinausgegangen, den Knaben herabgenommen und gefunden, daß das unschuldig Blut von Mördern vergossen sein müsse. Unterdessen erscholl die Tat hin und wieder auch an entfernten Orten ..... Darauf (nach einem Geständnis des inzwischen dingfest gemachten Fuhrmanns)' man bald allerorten nach den Juden gegriffen, besonders nach dem Eleazar, sie scharf befragt, und als sie mit Zeugnissen überwunden worden, auch die Tat endlich selbst bekannt, sind sie nach ihrem verdienten Lohn bestraft, nemlich Eleazar, Anselm und Moyses mit dem Haupte unter sich durch alle Gassen nach dem Galgen geschleppt, mit glühenden Zangen auf dem Rad zerstoßen und lebendig verbrannt worden. Der gemeldete Fuhrmann war Nikolaus Knoll, ein Karrer, hernach zu Ueberlingen gefangen, gerichtet und aufs Rad gelegt worden. Die Juden aber und Jüdinnen so zu Ravensburg und Lindau waren, wurden um solches begangenen Mords willen an St. Ulrichsabend allhier alle verbrannt. Worauf auch anno 1430 von Bürgermeister und Rat und ganzer Gemeinde beschlossen worden, daß hiesür zu ewigen Zeiten bei dem Eid weder Jud noch Jüdin mehr in der Stadt Ravensburg „hushäblich" sitzen sollen. Dergleichen und anderen Mutwillen haben die Juden zuvor auch auf der Rauhenegg allhier ausgeübt gegen ein Kruzifix, auf welches sie geschossen, auch in den

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