Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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» sä Dr. Bloch’s uetmaa Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums -- Wien, 19. Juli 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. IX/i. Hahngaffe 18. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie». OCr- _ — - --==00? Vrsugsprri» für Srstrrrrilh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Fürs Bunbnft: Halbjährig 10 Kronen. San,jährig 20 Kronen. Anzeigen: Die Snal gefpal» 2 tene Petitzeile 4» Heller. C, o P -Q o Tk. ft. Püftljrarftafl>natnt Clearing** IDetfeebt ■fflr. 810.976. Redattion und Administration: Wien IX/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Sensationelle Enthüllungen. — Die Juden in einer alten freien Reichsstadt. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Südtirol nicht antisemitisch. Los von Tirol. Auszeichnung für Tapferkeit. Die griechischen Aerzte für das obligate Schächten. Die Mitarbeiter des Professors Metschnikow. Jean Jaques Rousseau über das Judentum. Petach-Tikwoh. Jaffa. — Das deutsche Geistesleben und die Juden. — Korrespondenzen: Gemeinderat Max Fank — gestorben. Ein Wort an unsere Jungmannschaft. Landesverband für jüdische Statistik und Emigrationswesen in Galizien. Profeffor Phil'ppsons Rücktritt vom Vorsitz des Gemeindebundes. Paris. Installierung des Oberrabbiners von Rom. Generalinspektor Emanuel Steiner. Kischenew als Jubelstadt. Sympathiekundgebung des Kaisers von Rußland für die Antisemiten. Warschau. Ein Gewissenszwang gegen jüdische Arbeiter. Pogromandrohungen eines russischen Gouverneurs. — Vermischtes. — Feuilleton: Wie ich Philosemit geworden. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Sensationelle Enthüllungen. Jetzt ist es aktenmäßig festgestellt, wie die Wiener Christlich-Sozialen bei den letzten Gemeinderatswahlen siegten. Wenn wir wirklich in einem Kulturstaat lebten, müßte der größte Teil der Majorität der Ratsstube durch Gendarmen von ihren Sitzen verwiesen werden. Unerhörter Schwindel wurde systematisch und von Amtswegen betrieben und nicht nur zu vielen Tausenden freisinnige Wähler um ihr Wahlrecht betrogen, sondern auch zu vielen Hunderten wurden unter Aufsicht und über Betreiben magistratisch angestellter Personen falsche Stimmen abgegeben. Ein armer Mensch, welcher die freßgierigen Christlich-Sozialen auf das schändlichste mißbraucht und dann um den hartverdienten Sündenlohn fce* trogea haben, ist nun zum furchtbaren Ankläger gegen seine Auftraggeber geworden. In der Redaktion einer sozialdemokratischen Zeitung hat dieser Herr Prinz zwar nur die unerhörte Korruption bei den Stichwahlen im dritten Bezirk zu Protokoll gegeben. Es unterliegt aber nicht dem mindesten Zweifel, daß. nicht ein einzelner Fall vorliegt, sondern ein System des Betruges in der ganzen Stadt und daß die christlichsozialen Erfolge in der letzten Wahlkampagne nichts anderes sind, als ein kolossaler Diebstahl. Ein kurzer Auszug aus den Aussagen des Herrn Prinz wird das beweisen. Er wurde von dem Leiter der christlichsozialen Agitation im III. Bezirk, Herrn Spitaler, eingeladen, bei den Stichwahlen für den christlichsozialen Kandidaten Julius Prochazka mitzutun. Dann schrieb ihm der beeidete (!) Leiter der Wahlkatasters (!) im III. Bezirk, also ein städtischer Beamter, aus dem Amtslokal heraus eine Karte, mit 80 Agitatoren zur Wahl zu erscheinen. Dafür wurde ihm mündlich eine Stelle im Wahlkataster zugesagt. Die Krone des Schwindels war es, daß Prinz vom beeideten (!) Leiter des Wahlkatasters, Walter, aufgefordert wurde, aus dem Amtsbureau des Wahlkatasters die dort befindliche Diensttasche abzuholen, in welcher sich 384 Wahllegitimationen und ebenso viele Stimmzettel für Prochazka befanden. Unter Anleitung des beeideten (!) Beamten wurde nun Prinz dazu angehalten, in einem versteckten Hotelzimmer die Legitimationen zu verarbeiten, das heißt, sie zur Abgabe falscher Stimmen zu verwenden. Davon wußte nach Prinzens Aussage der christlichsoziale Kandidat Prochazka und der Bezirksoorsteher Spitaler. Unter Aufgebot besonderer Vorsicht wurden denn auch wirklich von namentlich angeführten Agitatoren 103 falsche Stimmen abgegeben und mit zwei Kronen für das Stück, zusammen mit 206 Kr., von dem beeideten (!) Herrn Walter in Gegenwart anderer beeideter (!) Beamter des Wahlkatasters ausbezahlt. Die Beamtenstelle bekam Herr Prinz aber nicht. Deswegen sendete er das bereits erhaltene Geld an den Beamten Walter zurück' und wendete sich jetzt an die Oeffentlichkeit, um sie über die Christlich-Sozialen sensationell aufzuklären. Er erzählte bei dieser Gelegenheit noch viele andere erbauliche Wahrheiten über die feine Gesellschaft im Rathause. Der Wahlkataster wird von den amtlichen beeideten Stellen so angelegt, daß die Wohnungsänderungen freiheitlicher Wähler nicht durchgeführt werden, die der christlichsozialen jedoch sorgfältig. Bekannte Christlich-Soziale bleiben in der Wählerliste auch dann» wenn sie Armenunterstützung erhalten oder ein Verbrechen begangen haben. Gegen solchen Massenschwindel erscheint es fast als eine Kleinigkeit, daß der christlichsoziale Kandidat und seine Frau im Amtslokal des Wahlkatasters Legitimationen und Stimmzettel zu beliebiger Verwendung erhielten. Stellen wir als Endergebnis der sensationellen, durch Zeugen und Dokumente bekräftigten Enthüllungen also fest: Der amtliche, auf Kosten der allgemeinen Steuern hergestellte Wahlkataster für die Gemeindewahl ist ein Massenschwindel, ein großer Betrug zugunsten der Christlich-Sozialen. Christlichsoziale beeidete (!) Beamte dieses Wahlkatasters organisieren und leiten am Tage der Wahl einen Massenbetrug durch falsche Stimmzettel eigens geworbener und kostümierter Agitatoren, von denen einer bei der Abgabe der 8. Stimme verhaftet wurde. Die christlichsozialen Kandidaten und Agitationschefs verfügen über das amtliche Material des Magistrats.