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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 466 Dr. V Lochs Wochenschrift Rr. 28 Zirkulare aufnimmt, ist einfach unerhört. Man mutz vor allem bedenken, datz dieser Landesverband nicht etwa eine rein t'irolerische Körperschaft ist. Er erhält eine grotze Subvention von der Regierung, natürlich aus Steuergeldern, zu denen selbstverständlich auch die Juden beitragen. So kommt es denn zuguterletzt, datz die Juden auf dem Umweg über die Steuerämter die Mittel herbeitragen, mit denen ihnen dann die schwersten moralischen Beleidigungen zugefügt werden. Soweit braucht man sich aber doch wirklich nicht alles gefallen zu lassen. Wir haben noch einige Abgeordnete und Faktoren der Öffentlichkeit, welche auf die Negierung einwirken können. Das aber macht keinen Aufenthalt oder Einschränkung durch die Selbsthilfe. Wir Juden dürfen uns der Hetze und Gewalttätigkeit der Tiroler Antisemiten unter keinen Umständen aussetzen. Wenn man es gewaltsam darauf anlegt, datz wir ins Ausland gehen, um unseren Urlaub dort zu verbringen, so werden wir keinen Schaden dabei nehmen. Das Ausland hat.Naturschönheilen genug, es ist im Punkte des Unterkunfts- und Perpflegungswesens sehr gut organisiert, und vor allem eines: jenseits unserer Grenzen, es sei denn die russische und rumänische, ist man kultiviert, denkt man nicht daran, die Juden zu beleidigen, wenn sie als Gäste kommen und die Leidenschaft der Landbevölkerung gegen sie aufzuwiegeln. Das ist eine tirolerische Erfindung, welche von der österreichischen Regierung toleriert und patentiert wird. Da gibt es keine andere Hilfe als die Konsequenzen zu ziehen. Im Interesse der Be?- drohten und im Interesse der Moral. Die Erwiderung sÄr die Tiroler Antisemiten mutz von der Statistik kommen, von der Sprache der Ziffern, die den Leuten sagen werden, wieviel 'sie verloren haben. Dadurch werden sie nüchtern werden und damit ist auch der zweite Teil der Frage erledigt. Denn denkenden und kaltblütigen, der Hetze nicht zugänglichen Leuten ist der Antisemitismus im ganzen eine lügnerische Phrase. So entsteht ein Grund mehr für uns Juden zum Ferienmotto für 1912: Los von Tirol! Zum 70. Geburtstage des Grhriwrates Professor Hermau« Cohen. Am 4. Juli feierte Hermann Cohen seinen 70. Geburtstag, der seine besondere Bedeutung noch dadurch erhält, daß diese Feier mit dem Abschluß seiner akademischen Wirksamkeit etwa zusammenfällt; bekanntlich zieht sich mit dem Ende dieses Semesters Cohen von seiner L-hrtätigkeit an der Marburger Universität zurück. Die politischen Tageszeitungen Deutschlands brachten zu seinen Ehren ausführliche Artikel, feiern den Denker, der ein eigenes großes System der Philosophie geschaffen, der bahnbrechend war im Verständnis der Kantschen Philosophie, der den Weg zur richtigen Erkenntnis der Platonischen Zdeenlehre gewiesen hat: die ausgeglichene harmonische Persönlichkeit, den stoischen Weisen. Allein Hermann Cohen ist auch ein großer jüdischer Philosoph, der die jüdischen Gedankenschätze der Welt offenbarte. Mit prägnanten Worten schildert ein verehrender Schüler des hervorragenden Denkers sein Eintreten für d e Sache des Judentums. In einer Betrachtung im „Berliner Tageblatt" schreibt Paul Natorp: „Für eine Sache aber hat er mit immer wachsendem Anteil und immer tieferem Erfolg sich unmittelbar und in umfassender eigener Beteiligung eingesetzt: für d'e äußerlich gerechte Stellung, vor allem aber die innere ideelle Reinerhaltung und ständige Erhöhung des Judentums. Wie er im Vorwort zu Lange 1881, in der Schrift über den Sabbat im selben Jahre, und dann immer wieder es ausgesprochen hat, war es seine wohlgeprüfte Ueberzeugung: daß zwar die Ueberwindung der konf.ssionellen Schranken als ideales Z cl immer festzuhalten sei, daß aber nur in derMannigfaltigkeit der individuellen Gestaltung, wie sie in den religiösen Gemeinschaften sich historisch herausgebildet hat, der geschichtliche Fortschritt zu solchem Ideal hin sich vollziehen, daß in der „Idealisierung der Einzelzüge" dieser religiösen Mannigfaltigkeiten allein die „begriffliche Vollendung dieses geschichtlichen Gedankens" (der Einheit der Religion) sich darstellen könne. Gerade „auf der Einmütigkeit in den Grundlagen der Religion, welche heute zwischen deutschen Christen und deutschen Juden gegeben und, wo sie verkannt wird, herstellbar ist", beruht für ihn „die Möglichkeit und die Zuversicht einer nationalen Eintracht" der beiden Bekenntnisse; nicht aber „auf der Veranlagung oder Verleugnung des älteren"; daher er freilich den Uebertritt des Juden, ohne Ueberzeugung von der Wahrheit des christlichen Goltcsbegr'ffs, als „Religionsschändung" brandmarkt. Diese Einsicht nach beiden Seiten zur Anerkennung zu bringen, erkannte er als gleich sehr nationale wie religiöse Pflicht. Erne eindrucksvolle Betätigung dieser Stellungnahme war es, als er vor zwei Jahren auf dem Weltkongreß für freies Christentum zu Berlin die „Bedeutung des Judentums:, für den religiösen Fortschritt der Menschheit" einem auserlesen/n internationalen Hörer kreise näherzubringen suchte Was er sonst, besonders für die Pflege der Wissenschaft des Judentums, getan hat, ist bekannt genug." Als die Wogen des Antisemitismus an der Brutstätte dieser schmachvollen Bewegung stürmten, schrieb Hermann Cohen in dem kritischen Nachtrage der von ihm edierten „Geschichte des Materialismus" von Friedrich Alb. Lange: »Indessen darf auch andererseits nicht verkannt und nicht unterschätzt werden, daß historische Pietät zugleich eine Gefahr für die Freiheit der Ethik bildet, insofern sie zu konfessioneller Enge und dadurch zum Religionsfanatismus führen kann. Der Offenbarungkglaube, den jetzt nicht allein die historische Bildung, sondern fast ebenso einmütig die wissenschaftliche Theologie aufgegeben, hat in den dafür beliebten Umdeutungen des göttlichen Wortes die alte Enge und Uüwahrhaftigkeit theologischer Auffassung nicht wirklich überwunden. Jede Absonde: ung eines literarischen Dokuments und einer geschichtlichen Persönlichkeit von dem allgemeinen Jntercsse der Weltliteratur und dem allgemeinen Gesetz der Weltgeschichte ist Mythologie und führt fast unvermeidlich zu befangener Auffassung fremder Religion? quellen, damit aber zu Haß und Scheelsucht, die nicht des Glaubens legitime Kinder sind. Gerade diese in einem Zeitalter, das auf seine geschichtliche Bildung pocht, so anstößige historische Engherzigkeit in der gegenseitigen Beurteilung der Religionen bestärkt den Verdacht gegcn die erziehlich: Brauchbarkeit der Religion überhaupt. Während in allen Fragen der Wissenschaft und der Kunst das vergleichende Interesse begünstigt wird, wird es bei der Religion, wo die Horizonterweiterung am meisten nottut, vernachlässigt, und die größten Philologen machen Schullnabenschnitzer, wo es gilt, der eigenen Konfession den Besitztitcl eines Satzes zu retten und der fremden ihn wegzudenten. Und natürlich sind es immer nur sittliche Gedanken, um die die Konfessionalisten sich streiten; denn um ein Dogma über die eine oder die andere der göttlichen Naturen wird heutzutage keine Bemühung mehr geschätzt. Daher denn die Bekenner der fremden Religionen, denen die fragliche religiöse, das ist aber vielmehr sittliche Wahrheit abgeleugnet wird, dadurch moralisch enthauptet werden. Ein erstaunliches Beispiel solch religiösen Unrechts bietet die neuerliche Exegese am Gebot der Nächstenliebe, welches in den Evangelien nur als Zitat aus dem Alten Testament erscheint, in dem man es jetzt aber nur auf die Volksgenossen bezieht, während an der betreffenden Stelle ein paar Verse weiter es zum Ueberfluß ausdrücklich heißt: „Du sollst den Fremdling lieben wie Dich selbst". Hugo Grotius hatte auch diese falsche Meinung, aber er hatte doch die Ehrlichkeit, hinzuzufügen, daß nach der Interpretation des Talmud der Nächste jeder Mensch sei. Unserem Zeitalter fehlt dieses Minimum von historischer Wahrhaftigkeit, obzwar wir seit Herder den Sinn für Weltliteratur haben sollen, der den echten Grund menschlicher Gesinnung bildet. Diese der wissenschaftlichen Wahrheit widerstrebende, den Sinn für Wahrhaftigkeit ertötende böse Einwirkung der religiösen Reaktion, welche das Ende des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, ist der eigentliche Herd und das giftigste Mittel der Konflikt-Erscheinung zwischen Re igion und Ethik, welche sich den für christliche Völker besonders geschmacklosen Namen des Antisemitismus gestiftet hat. Rasseneffckte und wirtschaftliche Schlagworte hätten die Verwirrung und Verbitterung nicht festhalten und verschärfen können, welche die gebildeten Klaffen und vorzugsweise natürlich diejenigen, welche an dem Kampfe um die Aemter-Privilegien beteiligt sind, dermalen beherrscht. Die Selbstgerechtigkeit hätte nicht so vorlaut werden können, bis sie am eigenen Krach elend enden mußte. Und das Raffengefühl hätte niemals bei einem gerade in Stammesfragen so edlen Volke diese blutige Natur annehmen können, bei der die Narben fast schädlicher sind als die Wunden. Der Glaubenseifer aber hat den Raffentrieb zu einem nationalen Impuls geheiligt. Und in Veiqnckung mit der religiösen Befangenheit wird das gesunde Prinzip der Nationalität zu einem unsittlichen, denn ihr gegenüber wird die Menichheit zum Störenfried, zu einem mittelalterlichen Universale und die. Nächstenliebe wird, was sie in der Weltgeschichte von jeher war, ein literarisches Prunkstück, glanzend genug, um als ebenso plumpes wie durchschlagendes Losungswort bei der Predigt des Nächstenhasses brauchbar zu bleiben. Denn wenn

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