Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022009--21288-3046373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 27 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 461 den Ruinen von Susa mit der Gesitzesstclle Hammurabis geglückt ist, jenem ältesten Gesttzkodex der Welt, mehr als ein Jahrtausend älter als die ältesten Bestandteile der Thora MofiS, konnte nicht überraschen, da die Anzeichen altbabylonischer Kultur schon registriert und klargestellt waren. „Die 280 Gesetzesparagraphen Hammurabis geben sich als Kodifizierung weit älterer Gesetzesbestimmungen, gewähren ein beredtes Zeugnis nie geahnt hoher menschlicher Kultur und geben wertvollsten Einblick in Alt-Babylons Handel und Wandel." „Recht und Gerechtigkeit beherrschten alle Verhältnisse des privaten wie öffentlichen Lebens", konstatiert Delitzsch, er berichtet, daß jede halbwegs wichtige Abmachung nach strengster Forderung des Gesetzes schriftlich fixiert und durch Zeugen beglaubigt, wohl auch bei Gott und König beschworen werden mußte. Wir kommen aus das stets wichtigste und anreizendste Gebiet, das Verhältnis zwischen Mann und Weib. Bei Hammurabi § 128 steht: „Wenn jemand eine Frau heiratet, aber keinen sie betreffenden Vertrag macht, so ist jenes Weib nicht Frau." Wie noch jetzt drüben der Fall, heiratete jeder junge Mann und fand jedes Mädchen (soferne es der Vater nicht zur Priesterin bestimmt hatte) seinen Gatten. Ist beim Tode des Vaters der jüngste Sohn noch unverehelicht, soll er außer seinem Erbteil noch Geld für eine Brautgabe erhalten und ebenso sollen die Brüder für die Verheiratung der etwa noch unverehelichten Schwester pekuniäre Fürsorge tragen. Brautstand nach unserer Art, erzählt Delitzsch, war nicht bekannt. Das Mädchen wurde der Regel nach vom Vater des jungen Mannes dem Vater des Mädchens durch ein Geschenk abgekauft. Die Preise waren so verschieden wie die Mädchen. „Bei unseren Dschebur-Arabern, die meist in Naturalien zahlen, ersteht man ein Mädchen für eine Büffelkuh oder einen Esel und drei Schafe. Von hübschen Mädchennamen der Hammurabi-Zeit seien erwähnt: Lanazani „mein kleiner Schutzengel" und Ina libbi ewschit > „in, das Herz gepflanzt". „Der Zweck der Ehe ist, Kinder zu bekommen und das geht so weit, daß die kinderlose Frau dem Manne eine Sklavin gibt. Bekommt er von dieser Kinder, so verbietet das Gesetz noch eine Nebenfrau zu nehmen. Ehebruch wird mit dem Tode beider Teile bestraft. Im Gegensätze zu den Affyrern herrscht bei den Babyloniern sehr viel zartere Rücksichtnahme auf die Frau. Selbst die kinderlos gebliebene Frau kann nicht ohne Rückgabe der Mitgift und zugleich eines zu tragenden Vermögensopfers entlassen werden. Eine Frau freilich, die ausläuft und obendrein, wie es heißt, Dummheiten macht, ihr Haus zerrüttet, ihren Mann benachteiligt (also eine Frou- Frou-Frau schon damals!) kann nach Hammurabis Gesetz Knall und Fall entlassen werden, wenn sie obendrein unzüchtig ist, wird sie ins Wasser geworfen. Eine Dienstbotenfrage gab es nicht; die Besorgung des Haushaltes und der Kinder lag der Frau ob, als deren höchste Tugend das Zuhausebleiben, das Nichtauslaufen galt. Sie wurde indes allerdings dabei von Sklavinnen und selbst Sklaven unterstützt. Die Behandlung der Sklaven war eine gute, Adoption von Sklaven nicht selten. Doch durfte der Sklave niemals als Sohn des Vaters bezeichnet werden, das war ausschließliches Recht der freien Landesbewohner. „Menschensohn" war gleichbedeutend mit freier Mann, ja spezialisierte sich weiterhin sogar zu: „Aristokrat". Sehr interessant und wichtig sind Delitzsch' Mitteilungen über den Plan des englischen Wasserbautechnikers William Willcocks, von dessen Ausführung der deutsche Gelehrte eine Auferstehung des einst so fruchtbaren Gebietes erwartet. Willcocks will durch Wiederherstellung des alten Bewässerungssystems von Tekrit (am Tigris) abwärts bis zum persischen Golf Mesopotamien*) so reich wie Egypten und zu einem der größten Baumwollproduzenten der Wett machen. Durch einmalige Ausgabe von 160 Millionen Mark *) Wir erinnern bei diesem Anlasse daran, daß die Mesopotamien- Expedition des Naturwissenschaftlichen Orientvereines unter Dr. Viktor Pietschmann und Dr. Heinrich Baron Handel-Mazzetti am 1. März mit dem russischen Dampfer „Zaritza" nach Alexandrette abging und mit Shekir-Beh die Reise nach Bagdad antrat. Damit hat auch Oesterreich-UngarnS Anteil an diesen Erforschungen begonnen. würde nach diesem Projekte dem der Bewäfferung zugänglichen Gebiete von rund 5200 Quadratkilometer erstklassiger Boden im Werte von 720 Millionen Mark abgewonnen und an Verzinsung eine jährliche Summe von 76,800.000 Mark erzielt werden können. Es scheint, daß dieser allerdings weit umfaffende Plan von britischer und deutscher Seite nicht als abenteuerlich angesehen wird. Wie lange wird es dauern, ruft Delitzsch auS, so wird das jetzt im allgemeinen einem palmenbedeckten Leichenhügel gleichende Land seine Auferstehung gefeiert haben! So gibt uns diese nicht sehr umfangreiche, aber durchwegs gediegen gehaltvolle Schrift neue Daten von hohem Jntereffe aus der altgeweihten Stätte, die ein geheimnisvoll tiefsinniges Erinnern mit Momenten der Gegenwart verknüpft. Mögen dies die Schlußworte des berühmten deutschen Affyciologen dartun: Delitzsch knüpft sie an das jüngster Zeit erschienene Druckwerk, in welchem Walter Andrae seine Ausgrabungsarbeiten am Anu- und Adadtempel in Affur zusammenfaßt und die darin enthaltene Rekonstruktion dieses altaffyrischen Heiligtums mit seinen beiden Tempeltürmen. „Das Bild regt unwillkürlich von neuem die Frage an, welches wohl als der l-tzte erreichbare Ursprung, als die Urheimat unserer christlichen Kirchtürme zu gelten habe, die ja von ältester Zeit her in gar keinem klar erkenn- und beweisbaren Zusammenhang mit den Zwecken der Kirche als Versammlungsort der Gemeinde zu gemeinsamem Gottesdienst stehen. Soviel ich sehe, ist dieser letzte Ursprung des Kirchturmes zurzeit noch dunkel. Was wir wiffen, ist nur, daß erst beim Eintritt in die romanische Stilepoche die Isolierung des Turmes aufgehoben, er mit dem Schiff der Kirche in eins zusammengefaßt wurde, daß er früher isoliert stand, wie dies noch jetzt die Campanile lehren, und daß er gleichzeitig viele beliebige Stockwerke übereinander aufweisen konnte. Wenn wir nun bedenken, daß eben dies die Eigenschaften der babylonischen Temptttürme find, diese letzteren aber im engen, geistigen Zusammenhänge mit ihren Tempeln stehen, indem von der Höhe der Türme aus die Priester die Offenbarungen der Götter belauschten, so sei die Frage nach einem historischen Zusammenhänge unserer christlichen Kirchtürme mit den babylonisch-assyrischen Tempeltürmen wenigstens angeregt. Gerade diese immer wieder von Neuem sich auftuenden Zusammenhänge unserer eigenen Kultur mit der altbabylonischen find es ja, die im Verein mit der gewaltigen Erweiterung unseres Einblickes in die Geschichte der menschlichen Völker den Wettbewerb der Kulturnationen auf dem Gebiete der mesopotamischen Grabungen unausgesetzt wach erhalten und steigern." Möge denn unsere österreichische Expedition in diesem hohen Sinne ihre Forschungen und Arbeiten mit jenen der Deutschen Orientgesellschast in ersprießlicher Wechselwirkung gestalten und erhalten! _ M. M. Wrratur. Sven Hedin, Von Pol zu Pol. Neue Folge. Leipzig, 1912. ' F. A. Brockhaus. Vom Nordpol zum Aequator. Hier finden »wir die gleichen Vorzüge, die wir am ersten Band dieser Beiseplaudereien anerkannt haben. Das Buch ist eine Volks- und Jugendschrift im besten Sinne. R. Schalom Asch, Die Jüngsten. Berlin, 1912. S. Fischer. Geh. M. 3,50, in Leinen 4,50. Von allen bisherigen Werken des Autors ist dieses unbedingt das reifste. In den Roman einer keuschen, heroischen Liebe ist das grauenvolle Erleben der Judenheit des heutigen Rußlands eingesponnen. Wir sehen in einen gesellschaftlichen Abgrund, vor dem uns schaudert. Fein gezeichnet ist die bis zur Unnatur entartete Ueberkultur auf der einen, das Irrlichterieren der gesunden Ansätze zur Umkehr,auf der anderen Seite. Es muß jeden fühlenden Juden nachdenklich stimmen. In demselben Verlage erschienen ist: Gerhard Hauptmann, Gabriel Schillings Flucht. Schilling, ein talentvoller Maler, wird von Ehemisere einer etwas abenteuerlichen Russin Hanna Elias in die lArme getrieben und geht darüber als Künstler und Mensch zugrunde. Der Versuch eines Freundes, ihn an sich zu ziehen, aus seinen Sklavenfesseln zu befreien, sein Künstlerkönnen zu beleben, scheitert an dem plötzlichen Erscheinen seines Dämons Hanna. Das packende Drama endet mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.