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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 460 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 27 der Menschen — auch schon der Orientalen — nach grenzenloser Aufwärtserheb'ung und der Neid der Götter wie ihr Strafgericht finden in der Legende vom Turmbau zu Babylon ihr Symbol, und wenn die Sanskritkunde eine Völkerstüfe erraten läßt, auf der eine einzige gleiche Sprache herrschte, so erinnert gerade unser Zeitalter mit seinen Nationalitätenfragen daran, wie nachhaltig das „Babel", die Sprachverwirrung, die Menschheit gespalten, zerrissen und bedrängt hat — oder war die Zweigung eine Bedingung der Kultur, konnte nur durch Mannigfaltigkeit und Gegensatz und Kampf die Menschheit erstehen? Ihr Weg führt durch Termopyläen, sinnlose Pyramidenbauten, von Sklaven errichtet, Wolkenkratzer, den Ungetümen deS mystischen Aberglaubens etwa geweiht, sind ihr Ziel nicht, das plumpe, trotzige Monstrum des Zwangsbollwerkes ist kein bleibendes Ideal und über diese Blöcke hinweg schreitet die Menschheitsentwicklung zu schöneren beglückenderen Erfüllungen — zu Gestalten, zu Charakteren! In die weitesten Kreise der Gebildeten sind die Mitteilungen und Ergebnisse — wie vorerst der Egyptenerforschung so jener über Assyrien-Babylon zumal seit Beginn unseres Jahrhunderts, welches auch die Berufung Friedrich Delitzschs nach Berlin (1899) und bald hernach die Koldewny-Expedition nach Babylon, der Statte des einstigen Paradieses, gebracht, gedrungen. „Babel und Bibel" lautete der Titel und war Stoff einer Reihe von Abhandlungen und Vorträgen, eben von Professor Delitzsch, welche einen Rapport mit der Gegenwart durch die ersten Nachweise vom Zusammenhang der alten babylonischen mit der hebräischen und selbst der modernen Welt, Kunde über Hammurabi brachten und für ein neues Feld der Altertumswissenschaft eine noch lebhaft andauernde Aktualität schufen. Schon der Vater Delitzschs, jener weltberühmte Gelehrte, welcher die unvergängliche Übertragung der Bücher des neuen Bundeaus griechischem in hebräischen Text schuf, hat sich mit Lorbeern aus diesem Gebiete bedeckt, der Sohn ist eine erste Kapazität in keilschriftlichen und assyro-babylonischen Sachen geworden Und schafft, im 60. Lebensjahre stehend, unter Aegide der deutsch m Orientgesellschaft unermüdlich fort. Er verbindet nicht, wie Ebers, mit der erkundeten Wirklichkeit Erfindung und Phantasie; er bleibt, auch' wenn er zu weiten Kreisen spricht, Gelehrter und doch fällt der Gesichtskreis seines Denkens mit dem der allgemeinen Bestrebungen und Anschauungen zusammen. Einige Proben aus seiner jüngsten, eben ausgegebenen Abhandlung: „Handel und Wandel in Alt-Babylon" werden deshalb willkommen sein.*) „Wir wiffen jetzt, erinnert Delitzsch, daß die erste Dynastie Babylons schon bald nach ihrem größten Herrscher Hammurabi um 2000 vor Christi den aus Mesopotamien hereingebrochenen Hettitern erlag und daß sich weiterhin die von den nordischen Bergen herabgestiegenen Kafsu zu Herren des ganzen Landes machten (sogar mit Einschluß des bis dahin selbständig gebliebenen südlichsten Teiles, des sogenannten „Meerlandes") und Babylonien die sogenannte Kassudynastie gaben." Daß sich die alte als sumerisch-semitische Kultur bezeichnte in Babylonien siegreich behauptete, anderthalb Jahrtausende später sogar der persischen Eroberung standhalten konnte, erklärt Delitzsch durch die besonders um 1000 vor Christi eingetretenen stets neuen Zuzüge der Chaldäer, deren berühmtester König nachmals Nebukadnezar war. Semitische Kultur auf sumerischer Grundlage, die Kultur zweier grundverschiedener, aber geistig gleich hochstehender Völker wolle er uns skizzieren. Die Sumerer, die Erfinder der später Keilschrift genannten genialen Schriftart, waren zugleich von eminenter rechnerischer Begabung und handhabten ihre aus Dezimal- und Duodezimalsystem kombinierte sogenannte Sexagesimalrechnung in virtuosester Weise. Gewiß bedienten sie sich zwecks schnelleren und sicheren Rechnens mathematischer Tafeln mannigfachster Art, Multiplikations- und Divisionstabellen, Verzeichnissen von Quadrat- und Kubikzahlen. In den semitischen Babyloniern bewundern wir schon von der ältesten Zeit her die vortrefflichen Zeichner *) „Handel und Wandel in Alt-Babylon". Von Friedrich Delitzsch, mit 20 Abbildungen, Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt, 1910. von Tieren und Menschen, für welch letzteres nicht allein das berühmte Relief der Siegestele des Königs Naram-Sim aus dem dritten Jahrtausend vor Christi vollgiltiges Zeugnis ablcgt, sondern auch die Siegelabdrücke auf jenen unscheinbaren Tonklötzchen, welche den von den im Norden seßhaften Semiten nach dem im Süden des Landes beförderten Warenballen mittelst eines ducchgezogenen Fadens, nach Art unserer Plomben angelegt wurden. Diese edlen durchgeistigten Gesichter sumerischer Priesterfürsten — wir empfangen die getreuen Abbilder in den Illustrationen zu dieser Abhandlung — die Köpfe sind nach damaliger Sitte glatt rasiert und die Köpfe sumerischer Frauen, mit ihren feingeschnittenen Grsichtszügen von nahezu griechischer Schönheit, die sorgsam gepflegte Frisur veranschaulichen uns in der Tat Physiognomien, welche eine leuchtende Intelligenz ausgeprägt zeigen. Die Bewohner Alt-Babyloniens dürfen wir uns sonach als hoch- und schöngewachsen vorstellen. Dem vielgegliederten Heere der Krankheiten waren freilich auch sie unterworfen. Von den Seuchen, speziell der Pest, abgesehen, lesen wir von Augenkcankheiten und Lähmung, von Wassersucht und Aussatz, der Ausschluß aus der menschlichen Gesellschaft zur Folge hatte, von Schlaganfall mit Verzerrung des Gesichts und Beraubung der Sprache, von Hitzschlag mit tötlichem Ausgange, aber die eigentliche Geißel blieb doch die „Kopfkrankheit", das mit heftigem Kopfweh, Erbrechen, Phantasieren verbundene Fieber, gewiß Typhus. Nur eine Spezies von Krankheiten, meint Delitzsch, gab es gewiß nicht, nämlich Nervenkrankheiten, soweit diese eine Folge find der Sorgen und Hast des irdischen Lebens. Wie noch heute ein türkisches Sprichwort lautet: „Eilen ist vom Satan", in der ganzen Welt des Islams treulich befolgt, so spielte auch in Ält-Babylon die Zeit keine Rolle. Alles Hasten und Drängen blieb unvereinbar mit der gelassen stolzen Gravität des Orientalen, mit jenem würdevollen Gleichmut der Seele, die den Kulturen des Morgenlandes eigen. Delitzsch betont, daß diese harmonische Haltung durch die Naturgemäßheit des äußeren Lebens begünstigt wurde. Vor Sonnenaufgang begann die Arbeit, nicht allzuspät nach Sonnenuntergang die Ruhe, zumal das Innere der Häuser nur spärlich durch Oellämpchen erhellt werden konnte. Die Diät des Volkes war naturgemäß und einfach, unbeschadet des Reichtums an nahrhaften Früchten, zumal Zwiebeln und Datteln, an Fischen, Hammel, Ziegen und Schweinen, war doch das Brot, das in Form von Fladen im Backtrog bereitet wurde, die „Stütze des Lebens". Und wenngleich es an Dattelschnaps und Wein, die indeß meist nur in anrüchigen Kneipen feilgeboten wurden, nicht fehlte, blieb doch ein Glas im Tonkrug gekühlten Wassers aus dem Euphrat oder Tigris die willkommenste Erfrischung! So vermittelt aus mit unsäglichen Schwierigkeiten erschlossenen keilschriftlichen Quellen die neue Delitzsche Skizze manche anziehende Kunde dieser alten Völkerstämme, die das wohl fruchtbarste Land der Erde bewohnten, dessen Wiederaufrichtung jetzt das Ziel ernsthafter Projektanten bildet. Da eben jetzt, erzählt uns weiter die Skizze, die deutsche babylonische Expedition am Werke ist, ganze Straßenviertel des alten Babylon bloßzulegen, werden wir in Bälde über die Anlage der Privathäuser unterrichtet sein. Daß die mtt Kalk abgeputzten Häuser nur einstöckig gewesen, gleich den Palästen läßt sich bereits erkennen, ebenso daß die affyrische Sitte, die Toten mit Vorliebe innerhalb der Häuser, gar nicht tief unterhalb der Wohnräume zu bestatten, auf Babylonien zurückgeht. Die Wohnhäuser Babylons sind reichlich durchsetzt mit Begräbnisse aller Art, mit Gruft-, Sarkophag? und einfachen Erdbestattungen, und infolgedessen wahre Fundgruben für alles, was man dem Toten an Tongefäßen, Alabasterfläschchen und Schmucksachen mitzugeben pflegte. Dazu kommt, daß Profeffor Koldewey viele Hunderte beschriebener Tontafeln aus allen Jahrhunderten babylonischer Geschichte bis herab zur Schichte Hammurabis gefunden hat und solche fortwährend gefunden werden, so daß das altbabylonische Leben aus dieser Literatur des Grabes an das helle Licht der Kulturgeschichte zustandegebracht werden kann und wird. Der großartige Fund, bemerkt Delitzsch, der den französischen Archäologen de Morgan und Scheck auf

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