Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 446 Dr. Blvchs Wochenschkist Nr. 27 zu Ende. Wer mehr erfahren will, wird auf die vertraulichen Beratungen gewiesen, und wer nicht zum Stabe der Vertrauten zählt, wird abwarten, was davon verlautbart wird. Auch dies ist schicklich und gerecht. Kanu und darf sich aber au diesen Hochflug von Plänen, die ein Stück der Erde in Judenland, in jüdische Domäne verwandeln wollen, die Kritik des Uneingeweihten wagen? Mit nichten. Nur die Bewunderung kann sich regen ob der Willensstärke, die sich an solche Probleme herautraut, die nicht erschrickt, an ihre Verwirklichung zu schreiten, und was noch mehr gilt, an sie glaubt. So kühn die Botschaft klingt, so fest und groß muß der Glaube sein, der zu ihr hält. Es ist eine Pionierarbeit, die geschichtlich und ethnographisch wohl ihresgleichen lucht. Nicht auf den Pfaden irrender Unrast und unsteter Wanderung, nicht nomadenhaft mit Pfeil und Speer, sondern wohlbehütet und wohlgeführt, durch diplomatische Demarchen und kommerzielle Exmissionen soll Neu-Land geworben und gewonnen, mit Ueberredung und Geld gesichert, und jüdisches Volkstum, jüdisches Leben und jüdische Kultur auf neuer, felbstgepflügter Stätte seßhaft gemacht werden. So nüchtern und ernst diese Gedanken vorgebracht wurden, so kühl und nachdenklich heißt es, sie aufzunehmen und zu beurteilen. Das soll doch kein Bluff, sondern pure, echte Wahrheit werden. Da soll sich ein Kulturstaat finden, welcher ganze Landstriche jüdischen Wanderern zu Eigen und zur Selbstherrschaft abtritt. Da sollen jüdische Männer berufen und ausersehen sein, einen modernen Staat aufzurichten, ihm Gesetze zu geben, sein Wesen zu ordnen, sein Leben zu regeln, es zu befruchten, zu hüten und zu schützen gegen fremde Machtgier einer Welt, die nimmermüde, und uimmersatt darin geübt ist, alles zu vernichten, was sich ihrer Expansion entgegenstemmt, und die erdrückt, was unterwürfig und botmäßig fich ihrem Willen fügt. Kann dies gelingen? Wird es sein? Führt der Weg zum Aufstieg oder zum Niedergang, gereicht er zum Heile oder zum Üebel? Ist es bloß lockende Gedankenspielerei oder ist der Anlauf des Gortesmannes wieder erstanden, dessen Geist und Seele die fernen Gefilde sucht und der auszieht, um sie glücklich zu finden? Ist es der Traum eines Dichters oder der festgefügte Plan eines Strategen? Wahrlich, eine Schicksalsfrage, zu schwer und zu rauh, als daß der sonnige, wonnige Frühling unserer schönen Stadt darauf die Antwort geben könnte. Und so bin ich bangen Herzens aus der gehobenen Versammlung geschieden. Wien, am 29. Juni 1912. Groff«u«gssitz»mg der ItoKonferr«; Wie« am 27. Juni 1912, 10 Uhr vormittags 1., Johannesgosse 4, im Kaufmännischen Verein. Der Vizepräsident der Wiener Ito-Organisation Dr. Jakob Engel : eröffnete die Tagung mit folgender Begrüßungsrede: Hochverehrliche Versammlung! Im Namen des Wiener Lokalkomitees der jüdffchterritorialistischen Organisation beehre ich mich. Sie auf das herzlichste zu begrüßen. Ich begrüße nebst dem Präsidenten unserer Organisa-. tion Mr. Israel Zangwill, der die Liebenswürdigkeit haben wird. Ihnen die Tätigkeit unserer verhältnismäßig noch jungen Vereinigung durch einen historischen Rückblick vor Augen zu führen, insbesondere Se. Ehrw. Herrn Oberrabbiner Dr. M. Gübemann u. Frau, die beiden Herren Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und Hofrat Dr. Rappaport, die Kultusvorsteher Herren Gemeinderat Mar Frank, Prof. Dr. Ehr mann, S. Brod, Dr. Halpern, Dr. Schreiber, Dr. Markus Spitzer, Samuel Steiner, Sekretär der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Emil Adler,- die Rabbiner Dr. Bach, Dr. Feuchtwang, Dr. Bauer, Dr. Kaminka, Dr. Flesch, Kramer und Dr. Funk aus Preßburg, Dr. S. K r e n b e r g e r, kaff. Rat Sachs v. Sachfenhall, die Gemeinderäte Hein und Stein, Dir. kaff. Rat Heller, Direktor der Taubstummen-Anstalt Dr. Friedeberger, Dr. Knöpfmach er, ZLilhelm Pappen he im, Siegfried Fleischer (Union), Frau Mar Zirner, Dr. I. L. B r a u n, Frau Prof. Kahn, Deleg. der Ehewra Kadischa Klein, Samuel Mohr. Hochverehrte Versammlung! Aus aller Herren Länder sind Sie hieher geeilt, um dem Rufe zu folgen, der von unserem Initiativ-Komitee ausging und Sie einlud, im Schoße der zweitgrößten Iudengemeinde des Kontinents über das größte und wichtigste Problem des jüdischen Volkes, das unser Führer mit einem einzigen Worte so treffend ausdrückte, über das Wort „Wohin?" ernste Beratungen zu pflegen. Wir hier in Wien, in dieser Zwischen- und Durchzugsstation der ununterbrochenen jüdischen Wanderung vom Osten gen Westen sind ja täglich die mittrauernden Zeugen der großen Tragödie, die unser Volk gerade in den Ländern jetzt durchmacht, in denen der weitaus größte Teil unserer Brüder ein Leben der Bedrückung zu führen gezwungen ist. Deshalb können gerade wir der doppelten Aufgabe der Ito, der Schaffung eines Heimlandes für unsere bedrückten Brüder und der Regulierung der Auswanderung bis zur Erlangung eines bestgeeigneten Terri-- toriums, volles Verständnis entgegenbringen. Wir sind keine Kampforganisation, sondern ehre Organisation der Arbeit für das jüdische Volk, wir stehen nicht im Kampfe gegen die eine oder die andere Richtung in unseren Reihen, sondern treten zusammen, um den Weg zu finden, der uns alle zu dem von uns allen erwünschten Zielen zu fuhren vermag. Möge unseren Beratungen der erhoffte Erfolg gegönnt sein! Indem ich nun auch formell die heutige Sitzung für eröffnet erkläre, bitte ich Herrn Präsidenten Zangwill, das Wort zu ergreifen. Nach der von uns bereits in der letzten Nummer dieses Blattes publizierten Rede Jsr. Zangwills ergreift das Wort der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Hochansehnliche Festversammlung! Der Kultusvorstand hat mir im Vereine mit dem geehrten Kollegen Hofrat Dr. Rappaport und Gemeinderat Frank — und uns hat sich eine namhafte Delegation von Kollegen aus dem Kultusvorstande angeschlossen — den ehrenvollen Auftrag erteilt, Ihre Versammlung, vor allem aber den gefeierten illustren Führer und Präsidenten der Ito, Mr. Zangwill, herzlich zu begrüßen (lebhafter Beifall), eine Aufgabe, die mich mit voller Befriedigung erfüllt. Ich genieße dabei auch noch den Vorzug, daß es mir gegönnt ist, bei dieser Gelegenheit auch die wackere und liebenswürdige Gattin unseres illustren Präsidenten hier herzlichst willkommen zu heißen (lebhafter Beifall), wobei ich nicht unerwähnt lassen kann, daß nach Mibteilungen, welche ich erhalten habe, diese wackere Dame ihren Mann in allen seinen Bestrebungen lebhaft und kräftig unterstützt. Wenn ich den Präsidenten Zangwill hier begrüße und feiere, so begrüße und feiere ich ihn nicht als den illustren Schriftsteller, Dramaturgen und Literaten, ich betrachte ihn heute nur als den ausgezeichneten Juden, als welchen wir Zangwill durch eine Reihe von Jahren kennen zu lernen Gelegenheit haben. Wir bewundern die Begeisterung, .mit welcher er seinem Ziele zustrebt, Äber noch inehr die Geduld Und Ausdauer, (welche