Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 26 Seite 441 Dr. Älochs Wochenschrift Literatur. 8. Friedjung, Oesterreich von 1848 bis 18 6 0. Bd. I., 2. Auflage, 1908; Bd. II., 1. Abteilung, 3. Aufl.„ 1912. Stuttgart und Berlin, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger. M. 11,50 und 12,50. Die Vorzüge dieses Werkes sind umfassende Beherrschung des Materials, selbst des entlegensten Stoffes, und plastische Herausarbeitung der Situationen und führenden Persönlichkeiten. Nicht selten werden hergebrachte IrrtÜrner zurückgewiesen. Das Ganze durchweht ein zukunftsgläubiger gesunder österreichischer Patriotismus, der mit männlichem Selbstbewußtsein den Entstellungen, besonders preußischer Historiker wie Sy bei und Treitsehke, gegenübertritt und zugunsten Oesterreichs der Wahrheit zu ihrem Rechte verhilft, auch in der Kunstgeschichte gegen Rübke, Muther u. a. die Leistungen seiner Landsleute in die verdiente Beleuchtung rückt und für die gesellschaftlichen Formen, das ganze savoir vivre seiner Heimat tapfer seine Lanze einlegt. Noch hie sind die Gestalten Kaiser Franz Joseph I., seiner Mutter Sophie und die eines Felix Schwarzenberg, eines Bruck und Bach so scharf Umrissen vor unser Auge getreten, wie unter dem Meißel Friedjungs. Es ist ihm geglückt, was er als Ziel seiner Forschung selbst bezeichnet, „zu einem nach allen Seiten gerecht abwägenden Urteil zu gelangen“. Er hat auch gegen so manchen leine Pflicht der Pietät erfüllt nach seinen eigenen Worten (II., 367): „Der Oesterreicher ist verschwenderisch mit der Errichtung von Bildsäulen für Dichter und Musiker, Künstler und Forscher; aber Männer des Staates und der Verwaltung leben in seiner Erinnerung nur dunkel fort und nichtselten müssen ihre Namen und Gestalten erst aus dem Dunkel der Archive wieder zum Leben erweckt werden." Im einzelnen bietet das Werk, auch insbesondere für jüdische Leser, des Interessanten die Fülle. Wir erfahren, Bd. I, 361, daß der bekannte Minister Bach, der einer Bauernfamilie entsprossen war, von seinen aristokratischen, Gegnern, ebenso von Bismarck stets als Judenstämmling betrachtet wurde. „Natürlich“, bemerkt Friedjung, „der Minister, der den Uebergang von der Naturalzur Geldwirtschaft begünstigte, mußte, nach der Ansicht seiner Widersacher, in irgend einer Weise mit Israel'-in Verbindung stehen“. II, 163 wird vor der' Verwechselung Oktavien’s von Loewenthal, einer geborenen Jüdin, mit Sophie von Loewenthal, der Freundin Lcnau’s, gewarnt. Friedjung behandelt (II, 288 ff.) kurz den Anteil der Juden an der Finanzwirtschaft Oesterreichs, die jüdischen Salons einer Fanny Eskeles (soll heißen: Arnstein) und Josephine von 'Wertheimstein (293), die jüdischen Künstler (294, 317), Becks Verse über das Rothschildspital (325), Saphir (328), überhaupt die Juden in der Wiener Journalistik, die jüdischen Politiker, wie Kuranda, die getauften. Juden Emanuel Veith1, Hock, Loewe, und kennzeichnet David Kalisch (II, 387) als Plagiator. , Ausführlicher bespricht er die Lage der Juden in der Zeit der Reaktion nach 48 in Bd. II, 8. 284 ff. Er streift die Taufseuche, die damals unter den Aspiranten auf ein akademisches Lehrfach ausbrach, von dem Juden mit einem Mal wieder ausgeschlossen waren: „So leblten die Juden im alten Zwiespalt weiter, zu dem der neue trat, daß sie einen immer breiteren Raum in der Gesellschaft errangen, in ihren staatsbürgerlichen Rechten aber beschränkt blieben. Aus diesem Widerspruch ergab sich eine neue Formung ihres Volkschärakters, denn zu Iden aus der Zeit der Knechtschaft überkommenen Fehlern gesellten sich andere, die sich bei plötzlich erworbener Macht einstellen. Nach langer unglücklicher Geschichte kann das innere Gleichgewicht nur durch strenge Selbstzucht gewonnen werden.“ Ein Wort, das aus solchem Munde doppelt beherzigenswert erscheint. i R. Dr. Ludwig Levy, Das Buch Qoheleth. Ein B itrag zur Geschichte des Sadduzäismus. Leipzig 1912. J. C. Hinrich’sch« Buchhandlung. 152 8. 8°. Diese Schrift habe ich mit großer Freude gelesen. Dr. L. Levy, Rabbiner in Brünn, hat darin die leider fast landläufig gewordene Annahme, daß die Bibelexegese eine Domäne der protestantischen Theologen geworden sei, gründlich widerlegt. Er hat seinen Qoheleth jedenfalls besser verstanden, äs alle, die ihn uns bis jetzt „ausgelegt“ haben. Nach einer kurzen Einleitung deckt er uns Gedankengang und Gliederung des Buches auf. Da zeigt es sich, daß unser biblisches (Buch ein wohldurchdachtes, philosophisches Thema enthält: das Thema vom höchsten Gut, und daß weder Text noch Sprache der vielen Heilungskünste bedürfen, die an ihnen vorgenommen werden. Sehr fruchtbringend für die Exegese erwies sich der Grundgedanke, daß Qoheleth von Ideen der griechischen Philosophie ausgehe, wie an entsprechenden Ausdrücken schlagend nachgewiesen werden könne, und daß er sich eine eigene philosophische Sprache schuf, deren Termini nur richtig erkannt werden müßten. Auch habe man bei Qoheleth mit Zweideutigkeiten zu rechnen, die teils aus seinem kaustischen Witz, teils aus politischen Umtrieben entsprungen sind. Unser Philosoph arbeitet mit Gedanken der Kyrenaiker und der Stoa, ist Hedonist und setzt sich für einen heiteren Lebenswandel ein, doch auch ein Stoiker, dem es ernst um die Erforschung der menschlichen Aufgaben zu tun ist. Damit bestimmt sich ungefähr die Zeit der Abfassung des Buches. Palästina ist schon vom Griechentum berührt, und da es Levy geglückt ist, die historische Anspielung in Kap. 4. Vers 15 auf die ägyptischen Könige Ptolemäus Philadelphus und Ptolemäus 141., Euergetes zu deuten, so läßt sich das Leben des Qoheleth ungefähr auf 270—203 v. Ohr. ansetzen, ln' 8,10 findet Levy die An- .deutung, daß-Qoheleth mit mehreren gleichgesinnten Weisen nach Alexandrien sich habe flüchten müssen. Er nenne sich „König" in dem Sinne, wie sich die Weisen, auch die talmudischen Weisen, „Könige“nannten, indem sie sich durch ihre Weltanschauung frei von jeder Bedrückung fühlten (8. 34); er nennt sich nbnp d. i. Poimandres Menschenhirt (8. 36). Nicht alle diese Festsetzungen sind neu, aber sie konsequent durchgeführt und sie richtig angewendet zu haben, ist das Verdienst unseres Verfassers. Die Zeitansetzung lockte dazu, vom Sadduzäismus zu sprechen. Davon scheint mir Levy dennoch zuviel Hypothese getrieben zu haben, denn für ihn Ist Qoheleth geradezu der Begründer des Sadduzäismus (8. 48). ja, er ist identisch mit Sadok oder Boethos (S. 52), mit einem der Sektenstifter, die von der Tradition genannt werden. Die Exegese iststellenweise sehr geistreich und auch dort bemerkenswert, wo sie zum Widerspruch herausfordert. Sie beruht auf einer soliden sprachlichen Basis und verrät durchweg die genaueste Bekanntschaft mit der ganzen einschlägigen und auch mit der verwandten Literatur. Die Einzelheiten entziehen sich hier der Bekanntgabe, doch sei z. B. hervorgehoben die durchaus neue und plausible Erklärung von pp-o rs D’p^Sm 3,15, ein Sajtz, den Levy als sadduzäischen Spott auffaßt: „Gott strebt schon wieder nach dem (schon einmal) Erstrebten" (lies: Erlangten). Dreimal (S. 18. 27 f. 83 f.) gibt uns der Verfasser diese Deutung, wogegen wir nichts hätten, doch möchten wir den zuversichtlichen Ton gemieden wissen (vgl. auch 8. 85), denn in Qoheleths Sinne geht einmal alles denselben Weg der Vernichtung (3,20). Exegetisch und philosophisch richtig erscheint uns die Annahme, daß in unserem Buche Torheit — Wahnsinn (S. 23), daß im Kapitel 7 - tfi usw.) fremde Werturteile gegeben werden, um sie zu widerlegen (S. 103), ferner 5, 19: Gott offenbare sieh durch die Freude des Menschenherzen und vieles dgl. Ohne ein wenig Gewalt verläuft natürlich eine Exegese nicht, die mit altem Schutt aufräumen und auf unsicherem Boden Neues aufführen muß, doch ist es unseres Amtes nicht, darüber zu Gerichte zu sitzen. Alles in allem besitzen wir in Levys Buche einen überaus dankenswerten Beitrag zur neueren Bibelexegese, und nach der gegebenen Leistung ist es nur zu wünschen, daß wir Herrn Dr. L. Levy noch mehrfach auf diesem Gebiete begegnen möchten. Wien. Prof. Dr. Samuel Krauss. Krawall. Erzählungen von Ludwig Thoma. Ullstein und Co., Berlin SW. 68. Preis Mark 1.—. Von Thoma's berühmt gewordenen Bauern- und Lausbubengeschichten ist eine Reihe der lustigsten in diesem Bande vereinigt; jedermann wird sich mit Vergnügen in diese schnurrige, von echter Heiterkeit geschaffene Lektüre versenken. „Wunder der Natur“ (Deutsches Verlagshaus Bong & C., Berlin W. 57, 65 Lieferungen zum Preise von je 60 Pfg.) Lief. 3 und 4. Professor Ernst Hackel sucht in einer glänzenden Schilderung des Aufbaus und der Entstehung der so unvergleichlich schönen Kieselskelette der Radiolarien oder Strahlentierchen darzutun, daß die Natur, wie schon Goethe betonte, die höchsten Kunstwerke schafft, und daß die Phantasie der lebendigen Substanz, die plastische Gestaltungskraft; der organischen Natur, geradezu unerschöpflich ist. En schließt mit einem Hinweis darauf, daß das moderne Kunstgewerbe schon vielfach Kunstwerke der Zelle motivisch verwertet habe und verwerte. Karl Giesenhagen schreibt über „Insektenfressende Pflanzen“. Sir Harry H. Johns ton über Nasenaffen. Carl August Borges schildert seltsame „Elektrische Entladungen“, die „Welt des Mondes“ Camille Flammarion. Das Werk ist allen Lobes wert.