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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-28 · 26 (28.6.1912) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 434 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 26 über tne Theorien der Freudischen Schule. Er teilte mir mit, daß an der dortigen Universität sich eine wissenschaftliche Vereinigung unter dem Namen Professor Freuds gebildet habe. Ueber meinen Besuch in Philadelphia war in der „Oesterr. Wochenschrift" ein ^ausführlicher Bericht, den ich nicht wiederholen möchte. Philadelphia ist die ruhmvolle Stadt, in der die Rebellen zusammenkamen und ihre Unabhängigkeit von England proklamierten. In dem großen Park dieser Stadt erblickt man die überlebensgroße Statue, welche der Orden B' n a i B' r i t h dem amerikanischen Volte gewidmet hat. Nicht weit davon sieht man die Denkmäler welche die Temperenzler ihren großen Führern und Vorkämpfern errichtet haben. In der Mitte steht eine große Moses st atue: der jüdische Gesetzgeber wird als der erste und älteste Verkünder des Mäßigkeitssegens verherrlicht. Philadelphia ist auch der Sitz des Dropsi College, einer Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, so einzig in ihrer Art, wie sie nur in Amerika hat entstehen können. Die Anstalt ist eine Stiftung des Moses Aron Drop sie, eines reichen Advokaten, der sein ganzes, eine Million Dollar betragendes Vermögen zur Gründung dieser Anstalt testierte. Das Heim dieser Anstalt wurde erst in diesem Jahre erbaut und die Eröffnungsrede des Oberrichters Mayer Sulzberger, Vizepräsidenten des Kuratoriums der Anstalt, machte mit einigen sehr interessanten Daten aus der Lebensgeschichte des Stifters bekannt. Derselbe entstammte einer Mischehe, war das Kind eines holländischen Juden und einer holländischen Christin, die ihre Kinder konfessionslos erzogen und ihnen in reiferem Alter die freie Wahl des Konfessionsbekenntnisses überließen. Eine früh mit intensiver Stärke erwachte Liebe zur jüdischen Wissenschaft drängte den Jüngling zum Judentum hin. Dieser gelehrte und für alle jüdischen Wissenschaften begeisterte Mann könnte es im Berufe eines Handwerkers nicht aushalten und übernahm die Rolle des Freundes Her Wissenschaft in selbstlosester Weise. Präsident der Anstalt ist der berühmte Gelehrte Cyrus Adler und neben ihm wirken Professoren der verschiedensten Fächer. Einer dieser Lektoren kam aus der Preßburger Rabbinatsschule. Die Anstalt .ist kein Rabbinerseminar und hat nicht die Aufgabe, Rabbiner auszubilden, sondern alle mit dem Judentum zusamnienhängende Wissensfächer zu pflegen. Auch angehende christliche Theologen und sogar Mohammedaner kommen hin, um die Vorlesungen zu hören und den Unterricht zu genießen. Der verstorbene Dr. D r o p s i e hat diese Einrichtung ausdrücklich gewünscht und sein Freund, Schüler und Testamentsvollstrecker, Oberrichter Meyer Sulzberger. hat demgemäß die Anstalt eingerichtet. Abwechselnd werden verschiedene Gelehrte aus Europa eingeladen, während eines Wintersemesters an dieser Anstalt einen Vortragszyklus zu halten. Oberrichter Meyer Sulzberger ist eine der vornehmsten Erscheinungen des amerikanischen Judentums, welcher der jüdischen Wissenschaft einen großen Teil seines Vermögens opfert. Als ich ihn besuchte, nahm der Zauber seiner Persönlichkeit und seines äußeren Wesens mich vollständig gefangen. Wir sprachen von der Dresdener Internationalen Hygiene-Ausstellung und über den Erfolg der jüdischen Expositionen sowie über den Eindruck, welchen die Sabbathstube bei allen Besuchern geweckt hatte. Da machte Sulzberger die treffende Bemerkung: ' Das Christentum hat ja den 7. Ruhetag übernommen, aber der Sonntag ist keine Uebersetzung des Sabbath. Die Sabbathfeier und die Sonntagsruhe haben miteinander wenig Verwandtschaftliches', der „Oneg Schabbos" kann unmöglich in ein „Oneg Sonntag" verwandelt werden. Wer in Amerika auch nur kürze Zeit weilt, besucht gewöhnlich auch die Hauptstadt Washingtön. Der Abgeordnete G o l d f o g l e von Newyork hatte sich mir erboten, mich beim Präsidenten Taft einzuführen: ich lehnte ab, da ich nicht in politischer Mission in Amerika weilte und von dem Präsidenten nichts zu verlangen hatte. Ich kam nach Washington, um. mir die . Stadt, die berühmte Kongreßbibliothek, das ausgezeichnete Museum mit seinen jüdischen Abteilungen und die große Washington-Denksäule zu sehen. Die Reise nach Washington unternahm ich in Begleitung meines Bruders Maurice Bloch, seines Schwiegersohnes und seiner Tochter, Jacques und Lillian S ch w a r z. Wir kamen abends an und nahmen in einem ersten Hotel Wohnung. Am anderen Morgen meldeten sich zwei Herren bei mir und boten sich an, uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Ts waren zwei Brüder, die Fabrikanten Ernst Gichner und Fred S. Gichner, die von ihrem Vater in Baltimore und von ihrer Schwester in Newyork über meinen Besuch in Washington Nachricht erhielten. Die Familie stammt aus Bielitz, die beiden Herren wären einst Zöglinge des jüdischen Handwerkeroereines in Wien, erlernten ihre Profession als Klempner und sind nun gegenwärtig sehr wohlhabende Fabrikanten und Hauseigentümer in Washington. Als die Familie noch in Europa weilte, war die „Oesterreichische Wochenschrift" ständige Lektüre in ihrem Haufe: ihr Vater hielt sehr viel auf das Blatt und die Kinder hegten schon in Europa das Verlangen, einmal den Redakteur persönlich kennen zu lernen. Die beiden Brüder G i ch n e r begleiteten uns den ganzen Tag, wir speisten zusammen in einer jüdischen Restauration, deren Inhaber ebenfalls ein österreichischer Emigrant ist, und schließlich besuchte ich auch ihre Werkstätten und sah ihre Häuser, die im vornehmsten Stadtviertel von Washington stehen. Der jüngere der Brüder hat als Freiwilliger an dem kubanischen Feldzuge teilgenommen und genießt die Auszeichnung, alljährlich, an dem großen Nationalfesttag der Vereinigten Staaten, in der herkömmlichen Festoersammlung die Unabhängigkeitsproklamation George Washingtons vorzutragen. Zum Schluffe möchte ich rückblicklich noch auf das Hinweisen, was der jüngst verstorbene Franzose Anatole Leroy Beaulieu anläßlich seiner Anwesenheit in Amerika in den Jahren 1904 und 1905, als er längere Zeit in Newyork verbrachte, über seine Beobachtungen geschrieben hat: „Ich sah mit eigenen Augen tausende und hundertlausende von Menschen, welche im alten Europa verfolgt, verachtet, vernachlässigt und verwildert waren, in Newyork arm und elend, niedergeschlagen, verzweifelt, .mit wenigen Cents in der Tasche, anlangten, in weniger als 15 Jahren sich emporgearbeitet haben und andere Menschen geworden sind, welche Achtung und Respekt jedem einflößen, der sie sieht und mit ihnen in Berührung kommt. Einige sind reiche Männer geworden, alle aber, reich oder arm, sind zivilisierte, nützliche und achtbare Menschen geworden, welche auf einer Stufe mit den zivilisiertesten Europäern stehen. Amerika mit seinen freien, politischen und sozialen Einrichtungen hat die Verworfenen und Verstoßenen von Europa in die achtbarsten und würdigsten Bürger verwandelt." „Ich bewundere Amerika, welches solche Wunder vollbringt. Nicht mindere Achtung 'aber hege ich vor einem Volksstamm, welcher ein derartiges Menschenmaterial enthält. Nicht jedes Volk ist dazu geeignet. Vermischen wir Sand mit Wasser, kneten, reiben, gießen die Masse in allerlei Formen, sie bleibt Sand und zerfällt bei der ersten Gelegenheit. Nehmen wir aber Lehm, und zwar Lehm von besserer Beschaffenheit, vermischen

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