Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Blochs Wochenfchrfft Seite 431 Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Wiener Stadtrat und Gememderst Josef Stein. Der antisemitische Wiener Stadtrat hat sich wiederum einmal bei Gericht einen Denkzettel geholt, der ihn für die Dauer kennzeichnet, und Gemeinderat Iosef Stein hat sich um diese Demaskierung Unserer „Antikapitalisten" ein Verdienst erworben. Gemeinderat Stein hatte den Mut, den Herren Antisemiten vom Wiener Stadtrat ihre notorische Bestechlichkeit ins Gesicht zu schleudern, worauf der gesamte Stadtrat mit einer Ehrenbeleidigungsklage gegen den unbequemen Gemeinderat Stein zu Gericht zog. Der Stadtrat klagte, weil man ihm Unehrenhaftigkeit und Bestechlichkeit vorgeworfen. Der Geklagte.trat den Wahrheitsbeweis an und der Richter erkannte, daß der Wahrheitsbeweis vollständig gelungen ist, daß die Beschuldigungen ihre volle Berechtigung haben und darum die- Klage abzuweisensei. Was bei der Verhandlung vorgekommen, sind recht häßliche Geschichten und gereichen der Wiener Stadt, welche von derartigen Stadlräten regiert wird, wenig zur Ehre. Bei Gericht wurde erwiesen und zweifellos festgestellt, daß als oberster Lenker im Wiener Stadtrat Gott Nimm thront, zu dessen Füßen seine Getreuen anbetend vor ihm im Staube liegen. Die Geschichte der Wiener Skandale ist um ein interessantes Blatt reicher geworden. Ruhmesblätter für die Juden. Eine Reihe prächtiger Tage wird und wurde jetzt in Wien von glänzenden Festen erfüllt. Man ist daran gegangen, den Fremdenverkehr mit großen Mitteln zu heben und hat zu diesem Zwecke eine Reihe von sensationellen Veranstaltungen getroffen, wie die Musikfeste, die Flugwoche und die Alpenfahrt. Alle diese Kulturfeiern waren von großartigem Erfolg begleitet und haben jedes patriotische Herz sehr erfreut. Uns obliegt es nun, gegenüber der jahrelangen und leidenschaftlichen Kampagne der Antisemiten hervorzuheben, wie groß der Anteil der Juden an dieser positiven Arbeit gewesen ist. Die unmittelbaren Verdienste entziehen sich jeder genauen Schätzung. Es wird jedoch von jedermann anerkannt werden, daß man auf eine ganze Reihe jüdischer Namen stößt, wenn man nur erst die Teilnehmer und Kräfte der Propaganda sichtet, welche durchaus ehrenhalber und zum größeren Ruhm und Nutzen Wiens und Oesterreichs betrieben wurde. Daß die jüdische Gesellschaft im Vordergrund des künstlerischen und sportlichen Lebens steht, ist ebenfalls eine Tatsache, welche bei keinem Erfahrenen auf ernsthaften Widerspruch stoßen dürfte. Sehr viele Juden sind denn auch an hervorragender Stelle in den Komitees, welche die großzügigen Vorbereitungen getroffen haben und unterstützen die gute Sache eifrig mit ihren geistigen und materiellen Mitteln. Darüber hinaus soll jedoch auf einen Anteil hingewiesen werden, welchen die Juden an der modernsten Errungenschaft der Kultur, an der Aviatik, haben und der den jüdischen Namen mit Ruhm und Ehre schmückt. Mehr als der zehnte Teil der Bevölkerung Wiens war von dem grandiosen Anblick gefesselt und erschüttert, welches das große Meeting auf dem Flugplatz in Aspern geboten hat. Aber die Leute waren wohl leicht an den Fingern abzuzählen, welche davon wußten, daß jüdischen Erfindern ein großer Anteil an den grandiosen Errungenschaften der aviatischen Technik gehört. Daher soll denn jetzt an die Forschungen Dr. Grünwalds über jüdische Entdecker und Erfinder erinnert werden, über welche der verdiente Gelehrte in Wien und Deutschland bereits viele Vorträge gehalten hat. Der Mann, der das Prinzip der Flugmaschine ohne Gas erfunden hat, war Lilienthal, dessen jüdische Abstammung zwar nachträglich von seiner Familie in Abrede gestellt wird, die aber kaum zu bezweifeln ist. Auf den Gleitflügen des mutigen Mannes, der bei seinen Versuchen den Heldentod gefunden hat, bauten erst die Brüder Wright weiter und schufen den modernen Aeroplan. Aber die Konstrukteure müssen noch heute häufig auf die Gesetze und Erfahrungen ihres Vorgängers aus jüdischem Hause zurückkehren. Lilienthal haben wir den imponierenden Anblick der Maschinen zu verdanken, die sich über die dicken Wolken zur Sonne erheben, die Meere und Gebirge überfliegen und wie Vögel ihren Weg nach Belieben einrichten können. Deutschland jubelt den Zeppelinkreuzern zu, den gewaltigen Lenkballons, welche vom Bodensee bis zur Nordsee mit der Sicherheit eines Postzuges verkehren und von denen man erwartet, daß sie sich im Kriegsfall als mächtiger und als bedeutender erweisen als die englische Kriegsflotte. Vielen Antisemiten muß es ein sehr trauriger Gedanke sein, daß auch bei dieser Größe des Deutschen Reiches ein Jude einen hervorragenden Anteil hatte. Cs ist historisch festgestellt, daß der Agramer Holzkaufmann Schwarz die ersten Pläne für die Lenkballons entworfen hat, die denn auch später dem Grafen Zeppelin zur Verfügung gestanden sind. Schwarz war nach Wien übersiedelt, vom Werte seiner Erfindung überzeugt, welche er vergeblich dem Kriegsministerium zu verkaufen suchte. Das geschah in den Achtzigerjahren, als gerade die Hochflut der antisemitischen Bewegung bestand, die vielleicht Schuld hatte an dem Mißerfolg des ursprünglich verschollenen Juden. Jetzt aber hat das Kriegsministerium Lenkballons aus Deutschland bezogen, wo man den Mut hatte auszuführen, was der Jude erdacht hatte. Der rührige, stets den großen Problemen der Menschheit zugewendete Geist der Juden hat aber nicht nur diese Triumphe gefeiert und sich große Verdienste erworben um den Fortschritt der Menschheit, er hat auch eine Erfindung gemacht, welche dem modernen Verkehr ihr Gepräge gibt. Der bekannte Erfinder Markus war es, der das erste betriebsfertige Automobil auf die Straße brachte. Ein gebürtiger Mecklenburger, war er nach Wien gezogen, wo er eine ganze Reihe bedeutender Patente für seine technischen Neukonstruktionen erhielt. Als er jedoch das Automobil herausbrachte, wurde ihm das Fahren polizeilich verboten, weil der Motor zu viel Lärm machte und dadurch die Ruhe des Verkehrs und der Bürger störte. Von anderer Seite wurde dann die Erfindung ausgenommen und für eine riesige Industrie verwertet, welche uns das Leben und das Arbeiten bedeutend erleichtert und viele Millionen ins Verdienen bringt. Auch das Dynamo ist auf die Grundidee eines Juden zurückzuführen, des berühmten Ingenieurs Dr. Joseph Popper in Wien. So sehen wir bei der Am- und Neuformung des menschlichen Lebens jüdischen Geist und jüdische Tatkraft am Werke. Die materielle Belohnung ist immer ausgeblieben, trotzdem nach einer antisemitischen Behauptung die Juden es so meisterhaft verstehen, sich geltend zu machen. Aber niemand wird es vermögen, vier jüdische Namen auf dem goldenen Blatt der Kulturgeschichte auszulöschen. Auszeichnung eines hervorragenden Rechtsgelehrten. Staatsminister T. M. C. Aster ist von der Berliner Universität der Poctor juris honoris causa verliehen worden. Die Ehrenpromotion ist, wie das Diplom bekundet, mit Rücksicht darauf erfolgt, daß er schon in jungen Jahren als Rechtslehrer, als juristischer SchriftsteUer, als Berater seiner Regierung sich