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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-28 · 26 (28.6.1912) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 430 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 36 Krief aus Handon. 16. Juni 1912. Es sind dies etwas lebhaftere Tage für das sonst schlafende, oft im Aussterben scheinende Londoner Judentum. Die Wahl eines Chief-Rabbi beschäftigt die <5eL müter in erster Reihe, denn man fühlt, diese Frage sei von großer Wichtigkeit nicht nur für das englische Judem tum, sondern für das Judentum im allgemeinen. Im! freien England, wo Juden, trotz des leider unstreitig .sich entwickelnden Antisemitismus, doch eine führende Rolle im politischen, geschäftlichen und teilweise auch im gesellschaftlichen Leben haben, fühlt man, daß man einen würdigen, klugen geistlichen Repräsentanten für die Außenwelt braucht. Wenn Juden in östlichen Staaten bedroht und verfolgt werden, so sind es doch in erster Reihe die Größen der englischen Juden, die um Hilfe angegangen werden, von denen Hilfe erwartet wird. Der verstorbene Oberrabbiner Dr. Adler war in dieser Beziehung unstreitig der richtige Mann am Platze, und scheint es mit Schwierigkeiten verbunden, einen passenden Nachfolger für ihn zu finden. Da dem Gesagten zufolge der zukünftige Chief-Rabbi, zumeist nach außen repräsentieren soll, muß der Gewählte entweder ein geborener Engländer sein, oder zumindest einer, der ein fließendes, fehlerloses Englisch spricht. Aus diesem Grunde haben die leitenden Kreise keine Umschau nach Kandidaten im Auslande gehalten. „Es muß ein Engländer sein", war die Devise, die Lord Rothschild, der Präsident der United Synagogue, ganz deutlich bei der ersten Versammlung der Rabbinats-Kommission aus-> sprach. Li (ILÄI Jetzt aber wurde es erst recht klar, wie unrecht und unUug das bisherige System der Alleinherrschaft war. In England wurden keine Rabbiner erzogen. Das Jews- College (Seminar) erzog nur „Minister", d. h. Prediger, die Kantoren, und Kantoren, die zugleich Prediger waren. Die Befugnis, Rabbinats-Autorisation zu erteilen, hat es erst, seitdem Prof. Dr. A. Büchler Rektor desselben ist, also seit ungefähr 5 Jahren. Man fühlt deshalb allgemein, daß die Rabbinats-Politik geändert werden mutz und datz das englische Judentum nicht nur einen Oberrabbiner, sondern auch Rabbiner braucht. Um diese zu erziehen, um befähigte Kandidaten zum Berufe heranzuziehen, müssen aber Stellen, u. zw. gut dotierte, geschaffen werden. Die Erziehung der Jugend ist auch sehr vernachlässigt. Es gibt keine jüdische Mittelschule in England, und der Religions-Unterricht ist auch sehr mangelhaft, er wird durch freiwillige Spenden erhalten, denn — unerhört, aber wahr — Religionsunterricht gehört nicht zu den Aufgaben der Gemeinde, die nur ein Synagogen- und Beerdigungs-Verband ist. Es wäre nicht zu verwundern, wenn die Beerdigungs-Abteilung der Gemeindeverwaltung bald wenig zu tun hätte, öenn die als Juden geboren xoerden, sterben nicht immer als solche, da für ihre Erziehung als Juden gar nicht oder nur sehr spärlich gesorgt ist. Es sollen nicht weniger als 10,000 jüdische Kinder in London ganz ohne Religionsunterricht aufwachsen, wahrscheinlich ist die Zahl aber.noch um vieles erschreckender. Das sind alles Aufgaben, die der neue Chief-Rabbi lösen soll. Wahrlich zu viel für einen Mann! Die Kandidaten für das Amt eines Chief-Rabbi sind Professor Dr. Gollanez Minister an der Bayswater Synagoge, Dr. Hyamson, der Dajan der Gemeinde, Dr. Abrahams, Rabbiner in Australien und.Dr. Hertz, Rabbiner der Orach Chajim-Gemeinde in Newyork, der bis vor einigen Monaten in Johannisburg (Süd-jAfrika) war, und auch Dr. B. Drachmann, Rabbiner der Gemeinde Ohaw Zedek in Newyork, sowie Oberrabbiner Dr. Rüdelsheim von Leeuwarden und der Provinz Friesland in Holland werden als Kandidaten genannt. Letzterer ist ein geborener Engländer, lebt aber schon seit dreißig Jahren in Holland. Dr. Hertz hat entschieden die besten Aussicht ten, gewählt zu werden, denn die leitenden Kreise sind für ihn. Er ist in Ungarn geboren, kam aber im Alter von 10—11 Jahren mit seinen Eltern nach Newyork, wurde dort am konservativen Seminar ausgebildet und zum Rabbiner qualifiziert. Er ist streng konservativ und ein glänzender Redner. Ob er auch der Stelle ganz gewachsen wäre, läßt sich natürlich nicht voraussehen. Dr. Jung, bisher Rabbiner in Ung.-Brod (Mähren), wurde heute feierlich in sein Amt als Chief-Minister der Federation eines anderen, meist aus Ausländern bestehenden Synagogenverbandes eingeführt. Es wird den Lesern dieser „Wochenschrift" noch in Erinnerung sein, daß Herr Rabbiner M. Duschinsky aus Rakos-Palota vor zwei Jahren auf diesen Posten berufen war, denselben aber nicht annahm, da die Stelle nur ^für 10 Jahre lautet und er seine lebenslängliche Stellung nicht aufgeben wollte. Dr. Jung tritt fein Amt unter den besten Aussichten an. Er hat den Ruf, ein tüchtiger Talmudist und guter Organisator zu sein, und das ist es, was man hier sehr notwendig hat. Die Federation besteht jetzt aus 45 kleineren und größeren russischen Synagogen und Minjanim, die sehr wenig organisiert sind und keine Mittel besitzen. Sein Standpunkt wird anfangs ein sehr schwerer sein, denn diese kleinen Synagogen haben nahezu jede ihren „Rebbe", der unab-i hängig sein will und deren jeder von Mißtrauen gegen den neuen Mann erfüllt ist, den eigentlich nicht sie, sondern die Führer, und in erster Reihe Lord Swaythling gewählt hat. Dr. Jung hat aber wahre Begeisterung für die Sache des Judentums, ist ein reger, ernster, tieffühlender Jude, dem es zu wünschen ist, daß er alle Schwierigkeiten besiegen und zum Wohle des Judentums wirken könne. Die Installation war sehr imposant, die Philpot Street-Synagoge war dicht Qt\ füllt und die Antrittsrede Dr. Jungs, die iy4 Stunden dauerte, machte einen sehr guten Eindruck. Er betonte besonders, wie wichtig es wäre, daß das orthodoxe Judentum mit dem Zeitgeiste Schritt halte, nicht durch Abwertung der jüdischen und traditionellen Prinzipien, sondern durch Befreundung mit den Errungenschaften der Wissenschaften und Kultur. Eine wichtige Frage, die das englische Judentum beschäftigt, ist ferner die russische Patzfrage. Wie bekannt, hat Amerika seinen Handelsvertrag vom Jahre 1832 mit Rußland gekündigt, und derselbe hört mit dem 1. Jänner 1913 auf. Die Ursache dafür war, datz Rutzland amerikanischen Juden den Eintritt in Rutzland verweigerte, und Amerika stellte sich auf den Standpunkt, datz seine Bürger, die in Amerika alle gleichbe--. rechtigt seien, auch im Auslande so betrachtet werden müssen. Einen Unterschied auf Grund von Religion und Rasse kenne Amerika nicht. Die Anglo-Jewish-Association in Verbindung mit dem Board of Deputies (Repräsentanz der englischen Juden) in London streben nun darnach, auch englischen Einflutz in dieser Richtung wach-( zurufen. Es bleibt nun zu hoffen, daß auch die allgemeine Stimmung in dem als frei bekannten England sich in der-, selben Richtung fühlbar mache und vielleicht sogar die Sympathie anderer freigesinnter Staaten in Europa zu demselben Zwecke gewonnen werde, damit mit der Zeit das Los unserer Brüder in Rutzland selbst gebessert und erträglicher gemacht werde. Dr. C. Duschinsky.

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