Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Nwchs Wochenschrift Seite 415 bis halb 11 Uhr und an Sonn- und Feiertagen bis 12 Uhr nachts ausbleiben. Für die im Hause Verbleibenden wird ein. Klavierspieler gemietet, die Direktorin sorgt für Unterhaltung, Frohsinn und Geselligkeit. Verwaiste Mädchen oder solche, die ohne Heim bei Fremden in Newyork leben, werden bis zu einem gewissen Alter ebenfalls ausgenommen und fürsorglich gehalten und haben den geringen Betrag von 12 Dollar monatlich dafür zu leisten. In Krankheitsfällen werden die Insassinnen des Heims aufs liebevollste verpflegt, für ernstere Fälle ist eine Krankenschwester da, ein Arzt behandelt unentgeltlich. Nur bei infektiösen oder durchaus dringenden Fällen erfolgt eine Ueberführung in ein Spital. Ebenbürtig der Baronin Clara Hirsch-Stiftung für Arbeiterinnen ist die jüdische Mädchenerwerbs- Ve re ins sch ule, welche ebenfalls bereits eine Geschichte und eine interessante Vergangenheit hat. Dieselbe existiert seit mehr als 30 Iahren und wurde von einer Amerikanerin, Frau Minna Louis, gegründet. Ihr Zweck ist die bürgerliche Heranbildung jüdischer Mädchen. Die Ausbildung geschieht in eminent praktischer Weise, der Grundstock des Lehrprogrammes sind Haushaltungsgegenstände. Gesang. Musik, körperliche Hebungen, Tanzen, Hygiene, Arithmetik und englische Literatur. Daran gliedern sich gut organisierte Fachkurse aller weiblichen Gewerbe oder zur kaufmännischen Ausbildung, daneben Kurse für Ethik und Rhetorik — was in Amerika ein sehr verbreitetes Studium zu sein scheint — außerdem für Krankenpflege und Samariterdienst, so eine Art „Erste Hilfe". Das Gebäude ist mit enormem Kostenaufwande errichtet und wird seiner großen Räumlichkeiten wegen von vielen jüdischen Vereinigungen zu Versammlungszwecken benützt. Dieses Institut ist dasjenige, in dessen Programm die Pflege weiblicher Tätigkeit am stärksten betont scheint. Die Schule hat 27 Lehrkräfte, hiezu kommen freiwillige, unbezahlte Lehrpersonen, die Schülerzahl ist derzeit 409. Der Unterricht dauert 18 Monate, ist in zwei Kurse eingeteilt und wird kontinuierlich, ohne Ferialunterbrechung, fortgesetzt. Das Aufsteigen in den höheren Kurs ist im Termin nicht festgesetzt und wird jeweilig von der Fähigkeit der Schülerin abhängig gemacht. Der Ehrgeiz der jungen Mädchen wird durch Festsetzung öffentlicher Preise bis zu 10 Doll, filr die beste Rede oder den stilvollsten Brief außerordentlich angespornt. Dabei genießen sie auch einen ausgezeichneten Gesangsunterricht, und bei öffentlichen Anlässen und feierlichen Gelegenheiten singt der ^chülerchor der Anstalt immer mit großem Erfolg. Von den 1733 Schülerinnen, welche die Anstalt zählte, stehen 1115 im Erwerbsleben und haben zusammen 744,328 Dollars verdient, durchschnittlich 47 Dollars im Monat; der Verdienst schwankt von 6 —35 Dollars die Woche. Die Schule hat Einnahmen von 35,000 Dollars, denen Ausgaben von 48,000 Dollars im Iahre gegenüber stehen; zu einem Defizit kam es nicht, weil eine Theatervorstellung und der Verkauf der Arbeiten der Schülerinnen bei Delmonico, bekanntlich dem elegantesten Restaurant der Welt, das Manko gedeckt hat. Der Verein hat seine Generalversammlung in seinem Festsaal im Verein mit drei and eren hoch angesehenen Vereinen abgehalten, wobei jedem Vereine zur Ablegung seines Berichtes eine bestimmte Zeit gewährt wurde. Die Diskussion, die natürlich bei allen Vereinen nur ein Dank war, fand dann gemeinsam statt. In der letzten Versammlung dieses Vereins war es, als der mit der „Titanic" untergegangene Millionär Strauß und seine heldenmütige Gattin Ida Strauß, deren Namen in der Geschichte der jüdischen Frauen allzeit von dem Glanze unvergänglichen Opfermutes umflossen sein wird, das Wort nahmen, und gerne wollen wir bei diesem Gedenken die Gelegenheit ergreifen, unsere ehrfürchtige Bewunderung auszudrücken einer Tat gegenüber, die in dieser Zeit bitteren Egoismusses und schnöder Selbstsucht die Augen der alten und neuen Welt überfließen macht. Dieses „Lied von der braven Frau", weit erhebender noch als das vom braven Manne, wird in .den Herzen später Enkel nachklingen! Das Ordenswesen spielt in Amerika eine große Rolle, und der Orden B'nai B'rith nimmt auch dort eine erste Stellung ein. Er hat in Newyork eine Wanderbibliothek mit über 30,000 Bänden, in Punkers ein Heim für Greise und Schwache, das ungefähr 100 Männer und Frauen beherbergt, in Eleveland ein Waisenhaus, das mehr als 1000 Kindern Unterkunft bietet, in den Städten New-Orleans, Atlanta und San Francisco ähnliche Anstalten, in Philadelphia eine technische Schule filr mehr als 500 Knaben, in San Francisco eine Religionsschule, in Chicago eine Handwerkerschule, die von der gesamten dortigen jüdischen Gemeinde unterstützt wird; hierzu kommen die erheblichen jährlichen Beiträge, die der Orden dem jildischen Krankenhaus für Schwindsüchtige in der Stadt Denver im Staate Colorado gewährt. Seit der Gründung des Ordens bis zum Iahre 1898, also in 55 Iahren, wurden ausgegeben: für die Gründung und den Ausbau bestimmter philanthropischer Anstalten 15,000,000 Dollar, für andere philanthropische Zwecke 35,000,000 Dollar, zusammen 50,000,000 Dollar. Den kranken und bedürftigen Mitgliedern des Ordens wurden während derselben Zeit 18,000,000 Dollar, den Witwen und Waisen der verstorbenen Mitglieder 30,000,000 Dollar, zusammen 48,000,000 Dollar zugewendet. Die Ziffern beweisen, daß die größere Hälfte der Einkünfte des Ordens den allgemeinen jüdischen Interessen gewidmet war und daß der Orden im Durchschnitt eine Summe von 909,090,91 Dollar jährlich smr philanthropische Zwecke ausgegeben hat. Der Orden ist aber auch der Vertreter des politischen Iudentums und spielt hier sogar eine Führerrolle. Dies trat besonders beim Kampfe und der Kündigung des russischen Handelsvertrages deutlich hervor, und der Prä sident Taft hat den moralischen Erfolg dieser Arben dadurch anerkannt, daß er die Feder, mit welcher er die Kündigung des russischen Handelsvertrages unterfertigte, dem Orden „B'nai B'rith" zur ewigen Erinnerung übermittelte. ' Der Orden der „Freien Söhne Israels", gegründet 1849 von Emigranten aus Deutschland und Oesterreich zur gegenseitigen Unterstützung, hat mit 7 Legen und 453 Mitgliedern begonnen und zählte im Iahre 1907 103 Logen mit 10,920 Mitgliedern. Er hat gegen 5 Mi! lionen Dollars an Unterstützungen ausbezahlt. Der Orden „Brith Abraham", gegründet 1359, hat bis 1909 während seines 50jährigen Bestehens 7 Millionen Dollar für Witwen und Waisen und 3 Millionen Dollar für Kranke ausgegeben. Zur Unterstützung jüdi scher Krankenhäuser hat er vom 1. März 1907 bis 1. Mürz 1909 11,400 Dollar aufgewendet. Außerdem existieren noch eine Anzahl kleinerer Orden, deren Zweck es ist, wohltätig zu wirken. Nun aber existiert auch in Amerika ein jüdischer F r a u e n o r d e n, der Independent Order of True Sisters (Unabhängiger Orden Treuer Schwestern). Eine Anzahl gebildeter Frauen, die aus Oesterreich und Bayern stammten, traten im Iahre 1846 zusammen und gründeten eine geheime Organisation zur gegenseitigen Hilfe in Krankheit und Unglück. Seit dem Iahre 1872, in dem der Orden einen Endonment-Fund für Witwen schuf, bis zum Iahre 1909, also für 37 Iahre,, hat