Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 413 Gesinnung der Kanaille wird, sich auf das Gebiet der Menschlichkeit vorwagt und arme Kranke schädigt aus lauter blindem Hatz gegen einen jüdischen Stifter, so mutz er seine genügende Antwort bekommen. Einer antisemitischen Kommune muZ man es anheimstellen. ihre' humanitären Pflichten und Aufgaben selbst zu erfüllen und ihr diese kostspieligen Ausgaben überlassen. Das zu Denkmälern der Wohltätigkeit bestimmte Geld soll man deswegen aber weder schmälern noch verringern. Man soll es einfach den Juden zuwenden, welche zu ihrer Not auch die Feindseligkeit als zweite Last zu ertragen haben und auch auf dem Gebiet der Humanität als Menschen niederer Klasse behandelt werden. Es werden ja gewitz bald Zeiten kommen, in welchen man einfehen wird, datz auf dem Gebiet der Menschlichkeit der Antisemitismus ein Gebilde des Wahnwitzes und unhaltbar ist, und dann wird ein Streit schweigen, der eine Schande ist für unsere Kultur und unser Jahrhundert, und der die gegenwärtige Wiener Aera schärfer als alles andere kennzeichnet. Leroy - Beaulleu. Anatole Leroy-Beaulieu ist nicht mehr! Im viel zu frühen Alter wurde wieder einer der edelsten und geistvollsten Verfechter des Menschentums durch den unerbittlichen Sensenmann dahingerafft. Gewitz, siebzig Jahre sind eine stattliche Zahl. Dennoch hätten wir gerade ihn so dringend gebraucht. Um so mehr jetzt, wo sich so viele unheilvolle Wolken wieder auftürmen. Wie viele Luegers, Prinzen Liechtenstein, Getzmanns 6 tutti quanti hätten wir hergegeben gegen diesen Einen, Trefflichen. Als die Schmutzwelle des Antisemitismus aus Deutschland auch nach Frankreich sich wälzte, da unternahm es Leroy-Beaulieu, ein tiefgründiges Werk gegen diese Schmach der Kultur zu schreiben. Es erschien im April 1893 unter dem Titel „Israel cliez les natiou.s“ und bildet einen in edelster Begeisterung vorgetragenen Protest, von Argumenten begleitet, wie sie eben nur innerste Ueberzeugung aufzubringen vermöge. Als „Christ und Franzose", wie er einleitend bemerkt, — als Bürger jenes Frankreich, das 1789 die allgemeinen Menschenrechte proklamierte, weist er den Antisemitismus mit Abscheu zurück. Auch bei uns in Oesterreich hatte der Antisemitismus mittlerweile die rüdesten Formen angenommen. Da entschloß sich (1893) der vor kurzem in Wien ins Leben gerufene „Verein zur Abwehr des Antisemitismus"^ dieses gediegene Werk in deutscher Sprache erscheinen zu lassen, welcher Aufgabe sich der bekannte Schriftsteller Karl v. Vincenti in vorzüglicher Weise entledigte. Besser als durch Worte glauben wir den Intentionen des Verewigten dienen zu können, indem wir den in unserem Besitze noch vorhandenen kleinen Vorrat dieser Schrift der Allgemeinheit zugänglich machen und haben daher veranlaßt, datz dasselbe in der Buchhandlung R. Löwit, Wien I.. Rotenturmstraße 22, zum Preise von Kr. 2.— bezogen werden kann. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Die Juden in der italienischen Armee. Ueber die Rolle, die die italienischen Juden im Tripoliskriege spielen, bringt die „Settimana Jsraelitica" interessante Einzelheiten: Eine Reihe von Juden nimmt hohe militärische Stellungen ein. wie der frühere Kriegsminister General Ottolonghi, der Divisionsgeneral Coön in Livorno, der Divisionsgeneral Carpi in Bologna und andere. Beim Ausbruch des Krieges meldeten sich viele Israeliten als Freiwillige: so trat der Leutnant Segrö von Bologna, dessen Regiment nicht nach Lybien ging, als gewöhnlicher Freiwilliger bei einem ausrückenden Regiment ein, nur um den Feldzug mitmachen zu können. ebenso der Leutnant Coön von Modena und andere. Viele Juden sind ferner gefallen oder haben sich durch Tapferkeit vor dem Feinde hervorgetan. Der Leutnant Levi Bianchini nahm unter sehr schwierigen Umständen ein Blockhaus bei Benghasi, Kapitän Angela Frank leistete beim Angriff aus Tobruk Hervorragendes. Hauptmann Pugliese (der schon früher mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet war) brachte unter heftigstem feindlichen Feuer bei Benghasi Depeschen und blieb, obschon verwundet, bis zum Ende des Kampfes im Sattel. Leutnant Del Vecchio endlich fiel bei Ainzara. In der römischen Synagoge wurde dieser Tage für fünf gefallene Juden eine Totenfeier abgehalten: autzerdem hat die israelitische Gemeinde von Turin einen Preis von tausend Francs für denjenigen jüdischen Soldaten ausgesetzt, der zuerst die goldene Tapferkeitsmedaille nach Hause bringen wird. Ebenso halten die italienischen Rabbiner fortdauernd bestimmte Gebete für den Krieg und den Sieg Italiens. Die Verhandlungen über das Angola-Projekt. Wie uns aus London berichtet wird, ist daselbst die Meldung aus Lissabon eingelangt, datz die Verhandlungen der territorialistischen Delegation mit der portugiesischen Regierung betreffend das Angola-Projekt einen günstigen Verlaus nimmt. Die portugiesische Regierung hat sich bereit erklärt, die'weilestgehenden Begünstigungen einzuräumen, um die Durchführung des Planes zu ermöglichen. Sowohl die politischen Kreise als auch die einflußreiche Presse Portugals stehen der Frage einer Besiedlung Angolas durch Juden äutzerst sympathisch gegenüber und eifern die Regierung an. den Plan so rasch als möglich durchzuführen. Die territorialistische Delegation, welche seit Wochen in Lissabon weilt, überreichte auf Grund eingehenden Studiums der ganzen Frage dem portugiesischen Parlamente ein Amendement zu dem bekannten Gesetzentwürfe über die jüdischen Siedlungen in Angola. Am 2. Juni wurde die territorialistische Delegation, bestehend aus den Herren Teilet (gewesenem Richter in Saratow, Rußland), Dr. Jochelmann-Kiew und Ru-, binstein-Bial vom Präsidenten des portugiesischen Parlamentes m Audienz empfangen. Der Präsident gab seiner Sympathie für das Projekt Ausdruck und sagte dann: „Wir, das junge Portugal müssen den großen Fehler, den unsere Uretleru gemacht haben, indem sie die Juden aus dem Lande vertrieben, jetzt. gutmachen. Unter dem Fehler unserer Vorfahren haben beide Nationen, die portugiesische und die jüdische, schwer gelitten. Ich habe die feste Überzeugung, daß das anzukunpfende FrenndschaslSband zwischen diesen beiden Stationen, die einst einander so nahe gestanden, für beide Teile von großem Segen sein wird." Oberlandesgerichtsrat Spitzlspf. Wie man uns mitteilt, gedenkt Herr Oberlandesgerichtsrat Spitzkopf vom hiesigen Strafgerichte aus Gesundheitsrücksichten um seine Pensionierung einzuschreiten. Spitzkopf, der sich durch sein charmantes Wesen im Privatverkehr allgemeine Sympathie erworben hat, ist lange Jahre schon ständiger Votant des Landesgerichtes in Strafsachen, fungierte in dieser Eigenschaft in zahlreichen Sensationsprozessen und lenkte durch manch glänzendes Wort die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf sich. An tiefem Wissen und großem Ernst übertrifft er die meisten ständigen Votanten des Strafgerichtes, und wir stehen nicht an, ihm die Palme selbst vor dem ausgezeichneten Landesgerichtsrat v. Czerny und dem hervorragenden Bezirksrichter Dr. v. Török zu reichen. Spitzkopf ist von einer seltenen Objektivität erfüllt, und wie er sich in Fragen der Schuld stets an die Seite der hohen Staatsanwaltschaft stellt, berücksichtigt er wieder in Fragen der Strafe, wofern ihn hiezu zwingende