Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 418 Dr. Bkochs Wochenschrift Nr. 35 im Zusammenhalte mit seinem illustren Familiennamen geradezu als eine Dissonanz? Gleichwohl verdient der Verewigte eine solche Bezeichnung. Auf einer überragenden Höhe des Lebens geboren, auf eine weitausblickende Warte der öffentlichen Wirksamkeit gestelltin den obersten Gesellschaftsschichten heimisch, also durch Geburt, Erziehung, lleberlieferung, Milieu, durch die unwiderstehliche Macht der Denkgewohnheit, durch eine starre Disziplin der Parteistellung und streng konservative Gesinnung anfangs von der „mittleren Linie" abgedrängt, hat er das aus sich selber gemacht, was er dann als Mann geworden. Im vornehmsten Sinne war er somit ein seit inade man. Seine künstlerisch fein geartete Natur, wie sein geweckter Welt- und Lebenssinn ließen ihn abhold allem Ertremen und Radikalen werden, und sein Strebeziel immer mehr in die Diagonale rücken. ... Er war ein seit macke man. Im ernsten, ehrlichen Ringen nach Recht und Wahrheit meisterte, modelte und bosselte er unaufhörlich an sich mit einer bewunderungswürdigen Selbstkritik, Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung, um unparteiisch sein zu können. Mit unausgesetztem Eifer, mit tiefwurzelndem Pflichtgefühl und anerkennenswertem Geschick bemühte er sich, das Staatsschiff zwischen Scylla und Charybdis der Sympathie und Antipathie unversehrt hindurch zu lotsen, ebenso im politischen Parteienstreite Sonne und Wind zwischen den Kämpfern gerecht zu verteilen. War es da seine Schuld, wenn die einen nicht die Sonne Md die anderen nicht den Wind vertragen konnten? Mit welch vornehmer Bescheidenheit in der Selbsteinschätzung seines Wertes und Wissens, mit welch ängstlicher Vorsicht und Skrupulosität wählte er die -Worte im mündlichen und schriftlichen Verkehr, um nur ja nicht entgegenstehende berechtigte Meinungen und Willensrichtungen zu verletzen! Der Fall, daß diese Skrupulosität in .der Rechtsfindung auch zuweilen einem notorischen Halunken zugute gekommen, mochte nicht ausbleiben. Zwischen den Zeilen seiner Zuschriften spricht vornehmlich der Jurist. Nicht der kniffige, pfiffige Redekünstler, sondern der ehrliche Jurist, der sich zur Unbefangenheit emporgerungen, mit der Ueberlegenheit der Ueberlegung in gleicher, gerechter Weise Worte und Redewendungen sorgsam abwägend, formuliert, das Für und Wider von jeder Partei und Ansicht minutiös erwägend, einander gegenüberstellt. Darauf mochte einer seiner besten Freunde und Amtsgenossen angespielt haben, wenn er sagte: „Graf Schönborn war viel zu gerecht, um ein scharfer Jurist zu sein . . ." Und doch besaß er den tiefen, klaren Blick, der Großes überschaut und dabei Kleines .nicht übersieht. Er leuchtete förmlich aus seinen Briefen wohltuend hervor. Graf Schönborn, der vielbeschäftigte und vielfach in Anspruch genommene Statthalter, Justizminister, erste Präsident des Verwaltungsgerichtshofes, Mitglied des Herrenhauses, der Delegationen u. a. hatte noch Zeit und Interesse übrig für die Tierwelt! Was ist es, wenn nicht das Kriterium erhöhter, abgeklärter Lebensweisheit? . . . Ein unbezwinglicher Forschungstrieb, nach innen und außen gekehrt, nach innen zur Selbstläuterung und Erhöhung, nach außen, um das Anderssein zu erkennen, zu ergründen, um ihm gerecht zu werden, dieser elementare Drang bildete den Lichtkern seiner Persönlichkeit, der sein ganzes Wesen und Walten durchstrahlte, klärte, erklärte und nunmehr auch sein Andenken verklären soll." Ein Rabbiner, der mit ihm lange in regem Verkehre gestanden, kondolierte ihm zum Tode seines Bruders, des Kardinals, unter Hinweis auf den talmudischen Spruch: „Die Frommen aller Nationen haben Anteil an der ewigen Seligkeit." Und Graf Schönborn dankte dem Rabbiner verständnisinnig für die „schönen und wahren Worte". vom Jahrmarkt des Lebens. Die Antisemiten als Feinde der Humanität. Jetzt wurde endlich «eine Angelegenheit ins Reine gebracht, welche als eine hervorragende kulturhistorische Tatsache bezeichnet werden muß. Die letzten Widerstände wurden nach lebhaftem Kampf beseitigt, daß man das Aufnahms- und Üntersuchungsgebäude der großen Rothschild-Stiftung in Döbling hat überhaupt errichten dürfen. Nachdem der scharfe Kampf mit einigen Behörden beendet war, kamen die Anrainer mit den aufgeregtesten Protesten und benützten die Bau- und Grundkom!-! Missionen, um die Aufführung und Einrichtung des Gebäudes zu Hintertreiben. Es bedurfte großer Anstrengungen, um ihrer Herr zu werden und der Menschheit in einer neuen Stätte der Humanität dienen zu dürfen. Solch.e Ereignisse geben nicht nur zu denken, sondern auch den Anlaß zu einer neuen Methode der jüdischen Philanthropen und Wohltäter. Das Schicksal der großen Rothschildstiftung ist eine vielsagende und große Lehre. Seit vielen Jahren widerhallt Wien von den Klagen über den großen Mangel an Spitälern. Nun hilft das Testament eines großen jüdischen Finanziers in großem Stile ab, wendet nicht weniger als zwanzig Millionen Kronen einem Spital für die Erkrankung der Nerven zu, jenem Uebel, das in der Großstadt so furchtbar wütet und erst dann Pflege findet, wenn es bis zum Wahnsinn fortgeschritten ist. In jeder anderen Stadt chatte eine solche enorme Zuwendung ohne Rücksicht auf politische Momente den herzlichen, ausdrücklichen und einstimmigen Dank der Kommunalverwaltung im Namen der ganzen Oeffentlichkeit gefunden und man hätte sich beeilt, durch verschiedene Veistellunge.n und Erleichterungen für eine großherzige Ergänzung der Stiftung zu sorgen. Bei uns jedoch unterstützte die Kommune eine wütende Kampagne der Bezirke gegen die Aufstellung der Anstalt in ihrem Rayon. Die Motive find leider nur allzu klar, wenn man die Entstehung anderer Stiftungen betrachtet. Man ist nicht im allgemeinen gegen Krankenhäuser und humanitäre Anstalten. Wenn geistliche Orden und Kongregationen darangehen, Häuser der Barmherzigkeit zu errichten, so beeilt man sich von allen Seiten, die Ausführung zu beschleunigen und moralisch und materiell zu unterstützen. Nicht als ob wir im allermmdesten das hohe Lob ein schränken wollen, das viele Diener der katholischen Kirche in diesem Punkt vollauf verdienen. Wir wollen aber auf den Gegensatz zur Stiftung eines Juden Hinweisen, dessen hohe und edle Absichten mit einer höhnischen Verkehrung des Moralischen Rechtes geduldet und erlaubt, mühsam durchgesetzt wurden. Die große Rothschildsche Anstalt mußte sich in stundenweite Entfernung vom Stadtzentrum buchstäblich an die äußerste Grenze des Wiener Stadtgebietes über Lainz hinausflüchten, und die Aufnahmsanstalt in Döbling wurde jetzt gnädigst gestaltet. Welchen Eindruck das wohl auf jüdische Wohltäter machen muß, welche über einiges Vermögen verfügen und die Allgemeinheit .nach ihrem Ableben bedenken möchten? Man zwingt sie förmlich dazu, ihre guten Absichten zu verleugnen und fallen zu lassen und das Vermögen ihren Familienerben zu hinterlassen. Wir sind natürlich sehr dagegen, daß die Juden wegen der gegenwärtigen Herrschaft des Antisemitismus ihr bekannt gutes Herz verstecken und sich an Akten der Humanität nicht so ausreichend beteiligen, als es ihre Mittel gestatten. Wir sind auch dagegen, daß in normalen Zeiten von jüdischer Seite ein Unterschied in der Barmherzigkeit gemacht werde. Eine alte und heilige Tradition verbietet uns, in dem hilflosen und bedürftigen Menschen jeder Art etwas .anderes als einen Bruder zu sehen. Wenn aber der Antisemitismus seinerseits besonders zur