Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 410 Dr. BKMs Wochenschrift Nr. 25 der Jtoisten zu prüfen, welche dem stagnierenden Strom der jüdischen Auswanderer neue Ziele weisen wollen. Besonderes Interesse wird aber die Person des Führers in Anspruch nehmen, Israel Zangwills, dem die Fackel des Geistes hoch und flammend voranlodert. Tin ruhmreicher Mann, eine erlesene Genialität, eine starke Persönlichkeit. Israel Zangwill. wir grüben ihn bei seinem Kommen! 4? Grnigranteueieild. Das Newyorker „Jüdische Tagblatt" vom 2. Juni veröffentlicht zwei Zuschriften, welche wohl geeignet sind, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Lmigrantenelend bei einzelnen Schiffahrtsgesellschaften neuerdings zu lenken. Die eine Zuschrift ist von Herrn Samuel Ti kt in, dem gewesenen Redakteur der Jerusalemer Zeitung „Der Bruder". Herr Diktin fuhr mit dem Dampfer „Martha Walh'rlgttn' der Austria Nmerican-Lime, und schildert seine Reise wie folgt: Bon Jerusalem nach New - Iork. Am 6. Mai verließen wir den Schweinestall, den die Austria Amerika Linie uns in Patras (Griechenland) für die 4 Tage, welche wir bis zur Einschiffung dort verbringen muhten, als Untcrhuifl angewiesen hat. Endlich betraten wir das Schiff „Martha Washington", das wir uns in unserem Gedanken als ein Paradies auf Erden ausgemalt haben. Beim Schiffseingang wurden wir von einem Offizier empfangen, der die Reisebillette kontrollierte, während ein kleinerer Beamter sich überzeugte, ob wir nicht die Zeichen verloren haben, die man uns in Patras angehestet hatte. Ein Dritter untersuchte unsere Taschen, zu welchem Zwecke, ist mir wohl nicht ganz klar, wie ich jedoch später erfuhr, angeblich um scstzustellen, ob wir keine Waffen mitführen. Ein Vierter übergab uns einen Fünften, der uns unser Ruheplätzchen, nach dem wir uns schon so sehr gesehnt hatten, anweisen sollte. Run wurden wir in einen zwei Stock tiefen Zeller geführt, w? 200 Bettstellen übereinander angebracht waren. Unser Führer, ein Matrose, wies uns die untersten Betten an. Da mir dieser Platz wegen vollständigen Luftmangels nicht gefiel, drückte ich dem Matrosen ein Geldstück in die Hand, und er gestattete mir nun einen beliebigen Platz auszusuchen. Dasselbe taten auch 2 Jerusalemer junge Leute, die mit mir fuhren, und so mnrden wir Bettnachbarn. Ich, mein Sohn und die 2 jungen Leute belegten nun eine Schichte von 4 Betten. Wir halten uns wohl bald überzeugt, daß wir hier nicht ailc Bequemlichkeiten haben werden, wie wir cs uns ausgemalt hatten, aber infolge der großen Strapazen, die wir auf nuferer Reise bis dahin zu überwinden hatten, gaben wir uns auch damit zufrieden. Eines schönen Morgens wird mir die Zünde überbracht, daß unsere Bettstellen auseinander genommen werden. Ich machte mir nicht viel daraus, weil ich nicht glauben konnte, daß die Anstro Amerika, die beim Verkaufen der Schiffskartcn für Kost und Unterkunft sich gut bezahlen läßt, plötzlich unsere Betten demolieren und uns das Ruheplätzchen rauben werde, das wir so teuer bezahlt halten. Tatsächlich war es auch so. Am Abend wurde uns ein anderer Platz angewiesen, auf welchem unsere Betten wieder zusammengestellt waren. Aber, Gott im Himmel! Was für Platz war das! Zein Fenster war zu sehen, undurchdringliche Finsternis herrschte, wie in einem Grabe. Wollte man auch nur einen Schritt in diesem Raume machen, mußte man das elektrische Licht brennen lassen, und das brannte so dunkel, daß man erst ein Licht hätte anzünden müssen, um das Licht zu sehen. Die Nacht brach herein. Wir begaben uns zur Ruhe. Aber es ist unmöglich, Schlaf zu finden. Unter uns das Geklapper der Kessel, aus denen heißer Dampf in unseren Raum dringt. Es ist kein Atom Luft vorhanden. Der Atem wird einem benommen. Wir sind müde, kaum fähig die Augen offen zu halten, wir möchten so gerne schlafen, aber es geht nicht, das ewige Geklapper der Zesieln, die heiße Atmosphäre im Raume, die dunstige Stickluft machen uns einen Schlaf unmöglich. Wir verlassen unsere Schlafstelle und begeben uns hinaus, um ein wenig frische Lust zu schnappen und uns ein wenig von dem Höllenfeuer abuikühlen, tu dem wir geweilt haben. Aber der Nachtwächter, ein Spanier, hat den strengen Auftrag, des Nachts keinen Passagier auf dem Verdeck zu dulden, und erfüllt seine Pflicht mit grenzenloser Strenge. Wir wurden also von hier verjagt. Am zweiten Abend verschob ich mein Nachtmahl auf eine spätere Abendstunde, und begab mich erst, nachdem alle bereits in den Zeller gejagt wurden, in das Speisezimmer, um mein Nachtmahl einzunehmen. Das hat mir aber nicht viel genützt. Ein Teufel, in der Gestalt eines Matrosen, kam aus mich zu und befahl mir, sofort in den Zelter zu gehen, und da ich diesen Befehl nicht sofort Folge geleistet hatte, rannte er zu meinem Gepäck, ritz von demselben mein Billett ab, übergab es dem Zapitän mit einer Beschwerde, in der Meinung, daß man mich für dieses Vergehen in Amerika nicht werde landen lassen. Am anderen Morgen machte ich den Versuch, einem höheren Beamten wegen Zuweisung eines lustigeren Raumes zu sprechen, er lehnte es jedoch unter dem Vorwände ab, daß wir ohnehin nur noch einige Tage auf dem Zchiffe zuzubringen hätten. „Wir werden aber in diesen einigen Tagen umkommen", sagte ich ihm. „Es ist schließlich doch zu lange, einige Tage nicht atmen zu können." „Gut", antwortete er mir, „wir werden heute sehen, was gemacht werden kann". Den ganzen Tag wartete ich auf die Ehre, ich glaubte immer, er werde doch schließlich zu mir kommen und sagen: „Zommen Sie, Herr Tiktin, Sie können schon frische Lust genug haben, ich habe schon alles in Ordnung gebracht." Aber bis Abend habe ich diese erlösenden Worte von ihm nicht gehört und als es doch finster wurde, erinnerte ich ihn an seine wohlwollende Zusicherung. „Aber lassen Sie mich doch in Ruhe", war sein letztes mit Haß und Zorn ausgestoßenes Wort. „Sie haben ihr Bett und Schluß." Das ist die Freundlichkeit, mit welcher der Führer des Schiffes „Martha Washington" der Anstro Amerika ein bischen Luft, also einen Artikel, der ihr nicht einen Heller kostet, an- «“*• Samuel Mi». Noch herzzerreißender ist der zweite Brief, in weichein eine Reise mit der Red Stare-Llnie beschrieben wird. Dieses traurige Dokument trägt die Unterschrift von 47 Passagieren und kam am Vorabend der Landung im Newyorker Hafen auf dem Dampfer „Kronkand" zustande. Es hat folgenden Wortlaut: O f f e n e r B r i e f a u d a s B u r e a u d e r N e d St a r e Line und an Die jüdi s ch e n Einigrationsk o m i t e e s. Wir Unterzeichneten richten an alle jüdischen Emigrationskomitees, sowie an alle jene Persönlichkeiten, welche sich für die jüdische Emigration interessieren, die Bitte, in der jüdischen Presse sowie in anderen Mitteilungen über Emigration die im folgenden geschilderten Erfahrungen zu verbreiten, welche wir Emigranten an unserem eigenen Leibe gemacht haben. Wir erheben gegen das uns gegenüber an den Tag gelegte Vorgehen den schärfsten Protest, dantit der unglückliche Auswanderer nach uns wenigstens erfahre, wie er sich zu verhalten habe, damit er nicht irregeleitet werde. 1. Zaum kommt der Emigrant in Antwerpen an. so überfallen ihn die Portiere der verschiedenen Hotels wie die Heuschrecken und beginnen ihn, der eine her, der andere hin zu schleppen, so daß der Emigrant ganz irregemacht wird und sich nicht auskennt, ob diese Menschen dem Bureau angehören (und da muß er ja schweigen) oder bloß private Blutsauger sind. Da er nicht weiß, um was es sich eigentlich handelt, so läßt er sich willenlos führen, wohin man ihn schleppt. Im „Hotel" angelangt, wird der Emigrant in ein Zabinett geführt, wo an ihm vor allem die Frage gestellt wird, ob er in der Lage sei, Geld vorzuweisen. Antwortet er mit ja, so wird ihm der Fragebogen ausgestellt, und falls er zweiter Zlaffe fährt, ihm der Fahrpreis, den er gar nicht kennt, abgenommen. Fragt nun der Emigrant, ob er mit dem nächsten Schiff werde fahren können, so hängt es davon ab, ob er im Besitze eines Bestellscheines mit einem bestimmten Datum ist, in welchem Falle die Hotelbesitzer nichts anders tun können, als seine Frage zu bejahen. Hat er aber keinen solchen Bestellbries, dann verstecken diese Blutsauger die Schiffskarten, unterlassen es dem Bureau die Ankunft des betreffenden Emigranten anzumelden, damit er gezwungen fei, eine Woche länger als nötig im Hotel zu bleiben. Der arme Emigrant bittet und jammert, da er der Meinung ist, daß der Hotelier irgend einen Einfluß in dem Bureau habe, und von ihren Betrügereien keine Ahnung hat und so geht er dann selbst ins Bureau, ist gezwungen, eine Woche länger in Antwerpen zu bleiben, während welcher Zeit ihm überflüssigerweise bedeutende Kosten entstehen, so daß er zum Schluß nicht mehr die Summe besitzt, die er bei der Landung in Amerika vorzuweisen hat. So spielt sich die Szene ab, wenn der Emigrant ans die an ihn gerichtete Frage antwortet, daß er das sogenannte Vorweisegeld besitze. Antwortet er aber, daß er das Geld nicht habe, so wirft ihm der Portier die Schifsskarte vor die Füße und dröhnt ihm die schrecklichen Worte zu: Sie können nicht fahren! Die Lage eines unerfahrenen Emigranten in solchem Falle läßt sich leicht denken. Wir selbst haben es mit eigenen Augen angesehen, wie mancher Emigrant, als ihm diese schrecklichen Worte zugerusen wurden, in Ohnmacht siel. Erst wenn der Emigrant Nachweisen kann, daß er tu der Herberge für Kost und Unterkunft