Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 406 De. Vlochs Wochenschrift Nr. 84 gereist" abgemeldet erscheint. Ich mußte unverrichteter Dinge nach Frankreich zurück. Nach Ableistung meiner Dienstpflicht errichtete mir mein Vater eine Filiale seines Bankgeschäftes in Marseille. Ich kam somit in eine von meinem Vater abhängige Stellung. Als ich kurze Zeit in Marseille ansässig mar, trat ich an meine Eltern mit der Bitte heran, ihre Einwilligung zu einer Ehe mit Erna zu geben. Meine Eltern, und ganz besonders mein Vater, der ein streng orthodoxer Jude war, sträubten sich gegen eine Eheschließung mit der Schwägerin meines Bruders. „Dies bringe Unglück über die Familie", meinte mein Vater., Als meine Eltern jedoch sahen, daß ich von Erna nicht lassen wollte, gaben sie, wenn auch widerstrebend, ihre Einwilligung. Durch die vielen Kämpfe mit meinem Vater eingeschüchtert, wagte ich es nicht, ihm auch noch die Existenz unseres Kindes anzuvertrauen. Kurze Zeit nach der Einwilligung meiner Eltern, Erna zu ehelichen, fand die Hochzeit statt. Einige Monate nach unserer Trauung starb mein Bruder. Meine Eltern wehklagten und machten es mir zum Vorwurfe, daß ich durch meine Heirat dieses Unglück verschuldet hätte. Jetzt war es mir neuerlich nicht. möglich, unser Geheimnis meinen Eltern und Angehörigen zu eröffnen. Meine Frau und ich verbrachten Tag um Tag, Nacht um Nacht in Sorge und Kummer um unser Kind. Ich habe im Laufe einiger Iähre mein Geschäft bedeutend vergrößert und mir ein Vermögen erworben, wodurch ich in der Lage gewesen wäre, dem Kinde alles Erdenkliche zu bieten. Wir haben noch ein Kind, einen Knaben, und unser Glück wäre ein vollständiges gewesen, hätte uns nicht die Sorge um unser erstes Kind die Ruhe geraubt. Vor zwei Jahren fuhr ich wieder nach X., doch abermals ohne mein Kind zu finden. Unserem Knaben boten wir alles, was sein Herz begehrte, doch bei jedem Gegenstand, den er bekam, bei jedem Worte, das er sprach, dachten wir mit Gram an Friederike. Des Nachts konnten wir keinen Schlaf finden und saßen stundenlang am Fenster, immerwährend daran denkend, daß es das Kind so gut haben könnte und machten uns Vorwürfe darüber, wie schlecht es ihm vielleicht geht, während wir und unser Knabe im UeberslUsse leben. Noch mehr plagte uns die Ungewißheit, ob unser Kind noch am Leben ist. Vor einigen Tagen nun, erzählte Smolenski weiter, weckte mich meine Frau aus dem Schlafe und erzählte mir, es sei ihr im Traume das Kind erschienen und habe sie gebeten, es zu sich zu nehmen. Die immerwährende Aufregung und der Traum meiner Frau veranlaßten mich, wieder nach X. zu reisen. Ich suchte alle Familien Müller auf, doch keine war diejenige, die ich suchte. Bisher wagte ich es nie, die Hilfe eines Rechtsanwaltes in Anspruch zu nehmen, da ich die hiesigen Gesetze nicht kannte und mich fürchtete, dadurch, daß ich das Kind in X. zurückgelassen, eine strafbare Handlung begangen zu haben. Diesmal war es mir jedoch schon gleichgültig und ich wollte, auch eventuell um diesen Preis, über mein Kind etwas erfahren. Ich begab mich zu einem Rechtsanwalt, der im Hause neben dem Hotel, in welchem ich logiere, sein Bureau hat und fragte um seinen Rat. Er hieß mich vielleicht in der amtlichen Iugendfürsorgestelle Auskunft einzuhölen. Was sich weiter zugetragen hat, ist Ihnen ja bekannt." Gespannt hatte Richard Urban der Erzählung seines Freundes gelauscht. Fritz zündete sich eme Zigarre an und erzählte weiter : „Als wir in der Bahnstation R. ankamen, war es bereits spät abends. Wir hatten beabsichtigt, in R. zu übernachten, doch bat mich Smolenski, noch heute nach Kleedorf zu fahren, damit er wenigstens zeitlich früh sein Kind sehen könne.- Tiefes Mitleid mit diesem Mann hat mich ergriffen, und ich hätte nicht den Mut, seine Bitte abzuschlagen. Ein kleiner Bauernwagen, auf welchem bereits sechs Bauern saßen, nahm uns nach Kleedorf mit. Die Füße rückwärts vom Wagen herabhängend, fuhren wir im strömenden Regen während zwei Stunden durch Feld und Wald. Smolenski, der nur an komfortable Fahrtgelegenheiten gewöhnt ist, machte diese Fahrt viel Vergnügen. Auch ich ertrug mein Schicksal in Demut im Vorgenuß der mir bevorstehenden Szene des Wiedersehens zwischen Vater und Kind. Es war Mitternacht, als wir, vollkommen durchnäßt, in Kleedorf ankamen und in einem kleinen Bauernwirtshaufe ein Nachtquartier fanden, Um 4 Uhr morgens weckte mich Smolenski, der vor Aufregung nicht Schlaf finden konnte und bat mich, bald mit ihm fein Kind aufzusuchen. Während ich mich ankleidete, räumte Smolenski aus seinem Koffer alle für ein Mädchen von 10 Jahren erforderlichen Kleidungsstücke und Reiserequisiten, die er in X. besorgt hatte, aus. Um 6 Uhr früh weckten wir die Leute, bei denen das Kind in Pflege war. Rührend war die Szene, als Smolenski sein ihm schüchtern entgegentretendes Kind in seine Arme schloß. Tränen rollten ihm und mir über die Wangen. Mit dem ersten Zuge fuhren wir mit dem Kinde wieder nach R. Smolenski bedankte sich vorher bei den Pflegeeltern für die gute Behandlüng des Kindes und händigte ihnen einen größeren Betrag ent. Die Liebe und Sorgfalt, die Smolenski während dcr Reise dem Kinde angedeihen ließ, gaben mir Zeugnis davon, wieviel Sorge und Kummer Smolenski und seine Frau während dieser 10 Jahre Mitgemacht haben müssen. Als wir wieder in X. ankamen und nach dem Hotel fuhren, ergriff Smolenski meine Hand, bedeckte sie mit Küssen und sprach : „Für alles in der Welt möchte ich den heutigen Tag nicht ungeschehen machen." Ich begleitete Smolenski und Friederike noch zur Bahn und freudigen Herzens sah ich den Zug die Bahnhofhalle verlassen, das Kind seinem Glücke, der Mutter ihr Glück zuführend." Literatur. Dr. Hermann Klein, Oberrabbiner in Kismarton (Eisenstadt). Die Tage der Vergeltung und des Gedenkens, Zeitgemäße Betrachtungen zu den Trauerwochen, zü den Klageliedern und den Trostessabbaten. Verlag von Sänger und Fiedberg in Frankfurt ain Main. 5672. Von dem ebenso gelehrten als geistvollen Oberrabbiner von Wien, Dr. M. G ü d e m a n n habe ich einmal gelesen (Etwas über Predigten und Predigen, Union-Kalender, 5657): „Auf den Eindruck kommt alles an, die beste, d, h. die sorgfältigste Predigt kann keinen Eindruck machen, dann ist sie wertlos. Ilmgekehrt kann eine mühelos hingeworfene oder aus dem Stegreif gesprochene Predigt großen Eindruck machen, dann ist ihr Zweck erreicht." Und der Eindruck bei den Zuhörern ist es auch, bei den Eisenstädter Oberrabbiner mit seinen zeitgemäßen Betrachtungen vor die Oeffentlichkeil treten läßt. Freilich soll damit nicht gesagt sein, die Betrachtungen seien nicht sorgfältig durchdacht. Diese weichen wohl von der starren Predigtform ab, und das sagt ja schon der Titel, aber sie bieten gerade deshalb eine Fülle schöner Gedanken und geistreicher Ideen. Dr. Klein ist ein Moralprediger >und legt den Finger auf die offene Wunde, . aber er will nicht geißeln, sondern besser ryuchen und das kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden. Seine Schrift- und Midraschauslegung ist originell, ohne daß er diese vergewaltigt, das zeigt von viel Geschicklichkeit und gutem Geschmack. Ich. verweise hier nur auf S, 11. 13. 14* 17, 22, 25, 29, 32, 36 . 47 u. a. v. a. St, Die Sprache ist gewählt und die Diktion klar und verständlich. Die zeitgemäßen Betrachtungen bilden ein sehr lehrreiches Bändchen für alle diejenigen, die belehrt sein wollen, und ich setze voraus, daß es viele Leser finden wird, die der Autor belehren möchte. Dr. F. R i ch. H e i n s ch e l. Zwei Trauungsgesänge für eine Singstimme mit Begleitung der Orgel. Von Alois Janetschek, Kirchenmusikdirektor; in Karlsbad. (Augsburg und Wien, Anton Bö hm u n d Sohn.