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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-14 · 24 (14.6.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 405 Feuilleton. „Miedergefimden* ©Ine wahre Erzählung von M. Ungar. In der EXtrastube des Gasthauses „zum Kaisergarten" sah Fritz Köhler, Referent für Jugendfürsorge der Stadt X., um sich nach des Tages Mühen bei einem Glase Vier und einer Zeitung zu erholen. Bald gesellte sich zu ihm sein Freund Richard Urban. „Lieber Freund," begann Richard die Unterhaltung, „du versprachst gestern abend, mir heute die Geschichte jenes 10jährigen Mädchens zu erzählen, das im Schutze eures Amtes steht und das dich in den letzten Tagen so vielfach in Anspruch genommen und beschäftigt hat." Fritz Köhler legte die Zeitung beiseite und begann seine Erzählung: „Es war im Jahre 1908, als uns von der kommunalen Sicherheitsbehörde ein Kind übergeben wurde. Aus den Dokumenten ging hervor, dah Friedrike Elger, ein lOjähriges Mädchen, von ihren bisherigen Pflegeeltern, den Eheleuten L., in der Stadt zurückgelassen wurde, als diese vor einigen Tagen nach Amerika ausgewandert sind. Die Erhebungen, die über dieses Kind gepflogen wurden, haben ergeben, dah es unehelich geboren ist, doch konnte weder die Mutter noch sonst ein Angehöriger des Kindes eruiert werden. Das .Mädchen wurde den Eheleuten L., als es 4 Monate alt war, von einem Ehepaare Müller übergeben, das sich damals selbst in den ärmlichsten Verhältnissen befand und mit Hilfe von Verwandten und privaten Wohltätern ebenfalls sein Glück in der Reuen Welt gesucht hatte. Ich bekam zu jener Zeit diesen Akt zur Behandlung zugewiesen und habe das Kind, das vollständig.unterernährt war, aufs Land, nach Kleedorf, in Pflege gegeben, woselbst es sich unter der guten Behandlung und Verköstigung, bei seinen neuen Pflegeeltern bald erholte. Friederike war ein guherst anhängliches Kind, so dah es die neuen Pflegeeltern, die selbst kinderlos sind, wie ihr eigenes hielten und auch die Absicht hatten, es später zu adoptieren. Es war in der vorigen Woche, als der Diener unseres Bureaus mir einen Wann meldete, der mich dringend zu sprechen wünschte. Ein schöner, intelligenter, etwa 30 Jahre alter Mann erschien in der Türe und überreichte mir seine Visitenkarte, auf welcher zu lesen war: Rudolphe Smolenski Bankier 30 rue de la fontaine, Marseille. Auf meine Frage nach seinem Begehr begann Herr Smolenski: „Ich bin der Vater eines unehelichen Kindes namens Friederike Elger. Ich habe die Kindesmutter geheiratet und suche seit einigen Jahren unser Kind, ohne dah es mir möglich wäre, es ausfindig zu machen. Ich würde Sie, geehrter Herr, bitten, mir zu sagen, ob Ihnen vielleicht irgend etwas über den Aufenthalt dieses Kindes bekannt ist, ob es lebt oder gestorben ist." Da mir dieser Fall noch in Erinnerung war, konnte ich dem Manne sofort die Auskunft erteilen, daß das Kind am Leben sei. Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust dieses Mannes, etwa wie einem unschuldig Verurteilten, dessen Unschuld nach jahrelanger Zuchthausstrafe erwiesen und er,- seinen Kerker verlassend, wieder in Gottes freier Natur atmen kann. „Wo kann ich es sehen?" fragte er. „Bevor jch Ihnen die Frage beantworte, muh ich Sie ersuchen, sich zu legitimieren. In erster Linie müssen Sie den Nachweis, dah Sie die Kindesmutter geehelicht haben, erbringen." Smolenski legte mir fein Trauungsdokument und seine Reiselegitimation vor, aus welchen Dokumenten ich die Richtigkeit seiner Angaben konstatieren konnte. Außerdem gab mir Smolenski große Bankfirmen unserer Stadt als Referenzen an. Die über ihn eingeholten Informationen waren die äußerst günstigsten, so dah ich keinerlei Bedenken trug, dem Manne sein Kind zu überantworten. Ich erklärte Herrn Smolenski sodann, dah er die aus Armengeldern bestrittenen Kosten für die bisherige Verpflegung feines Kindes rückvergüten müsse. Er erlegte sofort den hiefür entfallenden Betrag und machte auch für ähnliche Zwecke eine größere Spende. Ich versprach Herrn Smolenski, ihn um 4 Uhr vom Hotel abzuholen, um mit ihm nach R., der nächsten Bahnstation von Kleedorf, zu fahren, woselbst wir übernachten wollten, um zeitlich morgens mittelst Wagen nach Kleedorf zu fahren. Während der Fahrt, als wir genügend Zeit zur Unterhaltung halten, frug ich Smolenski, wie es komme, dah er sich erst jetzt um sein Kind kümmere, da er ja, wie aus seinen Dokumenten hervorging, die Mutter des Kindes schon vor Jahren geehelicht habe und auch finanziell gut gestellt sei. Smolenski war gerne bereit, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen und begann, indem er mich vorher versicherte, daß jedes Wort seiner Erzählung vollkommen den Tatsachen entspreche: „Ich stamme aus W, einer kleinen Stadt aus Rußland. Als Knabe-brachten mich meine Eltern, die in Rußland in guten Verhältnissen lebten, nach Paris, woselbst ich meine Studien absolvierte, um mich sodann dem Handelsstande zu widmen. Es war im Jahre 1901, als ich zur Trauung meines Bruders nach S. in Rußland eingeladen wurde. Da ich um jene Zeit gerade meinen Geschäftsurlaub hatte, nahm ich die Einladung an. Während meines Urlaubs hielt ich mich im Hause meines Bruders auf, woselbst ich die Schwester meiner Schwägerin, die 15jährige Erna, kennen lernte. Ich selbst war zu jener Zeit noch nicht ganz 20 Jahre alt. Zwischen Erna und mir entspann sich bald ein mehr als freundschaftliches Verhältnis. Wir hatten gegenseitig Gefallen aneinander gefunden. Fast die ganze Zeit meines Urlaubes verbrachte ich mit Erna, und als die Zeit meiner Abreise kam, gelobten wir, nicht voneinander zu lassen. Einige Wochen nach meiner Abreise erhielt ich von Erna einen Brief, in welchem sie mir mitteilte, dah sie sich Mutter fühle und mich bat. nach S. zu kommen. Ich! war gerade um diese Zeit im Geschäfte nicht entbehrlich, und konnte den Wunsch meiner Geliebten unmöglich erfüllen. Ich bat sie daher brieflich, sich ihrer Mutter anzuvertrauen und versicherte, daß ich sie nie verlassen und sobald die Verhältnisse es . gestatten würden, ehelichen werde. Auch bat ich sie, die Sache vor meinen Verwandten geheim zu halten. Erna war aus armem Hause, und ich beschaffte die Mittel, dah Erna mit ihrer Mutier nach dem Auslande fahren konnte, um dort über die Zeit ihrer Niederkunft zu verbleiben. Ich selbst brachte die mir nächstgelegene Stadt X. in Vorschlag, wohin ich mich auch nach der Niederkunft Ernas begab. Auf Grund einer Zeitungsannonce brachten wir dann das Kind zu einem Ehepaare namens Müller in Pflege, und ich übernahm es, für die Verpflegung des Kindes Sorge zu tragen. Erna reiste bald darauf mit ihrer Mutter nach Hause, ich fuhr wieder nach Paris. Kurze Zeit darauf muhte ich zur Leistung meiner Militärdienstpflicht einrücken. Nach einigen Monaten erhielt ich Urlaub und fuhr nach X., um unser Kind zu besuchen. Als ich zur Wohnung der Familie Müller kam, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, dah die Familie .nicht mehr dort wohne. Eine Nachfrage im Stadtgemeindehause ergab, dah die Familie Müller als „nach Amerika ab-

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