Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 402 Dr. Blschs Wochenschrift Nr. 24 daß unsere allverehrte verdienstvolle, langjährige Vizepräsideniin. weiland Frau Albine Spitzer, diese hohe Ehre nicht mehr mit uns teilen kann, und wollen wir ihr gesegnetes Andenken ihr stets nacheifernd dankerfüllt bewahren. (Slava-Ruse!) Nehmen Sie. geehrte Herren und Damen, die Versicherung entgegen, daß wir auch ferner unserer Devise treu bleiben werden: Not und Elend zu lindern, überall helfend einzugreifen, soweit es unsere schwachen Mittel erlauben, oft auch darüber hinaus, für die Allgemeinheit wirken werden und wollen und erbitten wir hiezu das fernere Wohlwollen unserer geehrten Gönner. Schließlich kann ich es nicht unterlassen, Herrn Sekretär Schwarz, der uns seit vielen Jahren immer ratend und helfend zur Seite stand, herzlichst zu danken. (Zivio-Rufe!) Und indem ich Ihnen allen, die Sie durch Ihr Erscheinen den Glanz der heutigen Feier zu heben so freundlich waren, meinen unwandelbaren Dank ausspreche, gebe ich gleichzeitig dem gebetartigen Wunsche Ausdruck, daß der israelitische Frauen-Wohltätigkeitsverein in Essek-Oberstadt zum Wöhle der Armen und Bedrückten noch lange blühe und gedeihe. — Nach dieser mit stürmischen Ziviorufen aufgenommenen Rede beantragte der Kultusvorsteher Herr Dr. Hugo Spitzer dem ehrfurchtsvollen Danke und der Ergebenheit der Kultusgemeinde und des Frauenvereines an Seine Majestät in einer an die allerhöchste Kabinettskanzlei zu richtenden Huldigungsdepesche Ausdruck zu geben. Der Antrag wurde mit brausenden Ziviorufen angenommen. Desgleichen erinnert sich Herr Doktor Spitzer der wohlwollenden Förderung und Befürwortung dieser Auszeichnung durch Seine Erzellenz Herrn königlichen Kommissär Slavko o. Cllvaj und beantragt, ihn zu seiner glücklichen Errettung aus den Gefahren des gegen ihn verübten ruchlosen Attentates, aus der Festversammlung herzlichst zu beglückwünschen. Nachdem auch dieser Antrag mit nicht endenwollenden Ziviorufen angenommen wurde, schloß der Vorsitzende die Festversammlung. Berlin. (Ein neues Schwesternheint.) Im Anschluß an den schnell fortschreitenden Vau des neuen Krankenhauses der jüdischen Gemeinde von Berlin, an der Ecke der Exerzier- und Schulstraße gelegen, dessen Hauptgebäude in Rohbau bereits unter Dach stehen, wird nunmehr der Bau des neuen Schwesternheims begonnen, welches an der südwestlichen Ecke des 13 Meter großen Krankenhausterr am gelegen sein wird. Der hinter dem Heim befindliche Garten wird direkt in das Krankenhaus führen, ohne daß die Aerzte, die Oberin oder Schwestern die Straße zu berühren brauchen. Die Pläne sind nach gemeinschaftlicher Beratung zwischen dem Vorstand der jüdischen Gemeinde und dem Vorstand des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen festgestellt worden. Das neue Schwesternheim wird allen modernen Anforderungen genügen und Raum für 80 Schwestern und 20 Schülerinnen bieten. Verlm. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Iugendvereine Deutschlands hat in seiner letzten Sitzung am 12. Mai cr. einstimmig Fräulein stud. rer. pol. Cora Berliner zur Geschäftsführerin des Verbandes gewählt. Fräulein. Berliner tritt ihre Stellung am 1. Juli d. I. an. Die große Ausdehnung des Verbandes — er zählt jetzt 13,000 Einzelmitglieder in 84 Vereinen — machte es erforderlich, den Geschäftsführerposten mit einer Kraft zu besetzen, die lediglich für den Verband der jüdischen Iugendvereine Deutschlands tätig ist. Leider war es nicht möglich, den überaus verdienstvollen bisherigen Geschäftsführer, Herrn Rabbiner Dr. Finket, der den Posten nebenamtlich mit seltener Hingabe und Treue bekleidet hat, von seinen übrigen beruflichen Pflichten freizumachen. Ein Gespräch mit spanischen Touristen in Jerusalem. Eine Gruppe von 200 spanischen Touristen, darunter 90 Geistliche aus Madrid, weilten dieser Tage in Jerusalem. Unter den Touristen befanden sich verschiedene hervorragende Persönlichkeiten, so unter anderem auch der Chefredakteur des großen spanischen Tageblattes „L. Mundo", Dr. Carlos Herbert. Ein Korrespondent des Saloniquer spaniolischen Blattes „Avenir" hatte mit Herbert eine Unterredung, im Verlaufe welcher dieser die Erklärung abgab, daß Spanien heute den unüberlegten Schritt Ferdinands und Isabellas aufrichtig bereue und den ehrlichen Wunsch habe, die Juden in Freundschaft aufzunehmen. Er führte als Beweis hiefür die interessante Tatsache an, daß sogar der gegenwärtige Kommandant der spanischen Armee jüdischer Abstammung sei. Die 3000 Juden, welche sich gegenwärtig in Spanien befinden, nehmen im Handel desselben eine wichtige Stellung ein. Spanien, meinte Dr. Herbert, ist ein reizendes Land, wo die jüdischen Denker berufen wären, noch große Eeisteswerke zu produzieren. Eine Verbrüderung Mischen Juden und Griechen in Salonique. Vor kurzem starb in Salonique der griechische Metropolite Monsignore Joachim Sgouros eines plötzlichen Todes. Aus diesem Anlasse haben die Iudengememde von Salonique sowie nahezu sämtliche jüdische Organisationen der Stadt geradezu ungewöhnliche Beweise ihrer Anteilnahme an der Trauer der griechischen Gemeinde an den Tag gelegt, daß die gesamte Presse der Türkei sich Tage hindurch mit dieser „Verbrüderung" zwischen Juden und Griechen beschäftigte. Allerdings muß betont werden, daß der verstorbene Metropolit sich persönlich der größten Sympathie unter den Juden erfreute, und diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Salonique eigene Trauerkundgebungen affichieren ließ und die jüdische Bevölkerung aufforderte, sich an der Leichenfeier vollzählig zu beteiligen und an dem Tage des Leichenbegängnisses ihre Geschäfte zu schließen. Der Grand Rabbin war mit einer Delegation der Gememde in Begleitung des gesamten Rabbinates, sowie einer Vertretung sämtlicher jüdischen Vereine mit den Schülern der jüdischen Schulen bei dem Leichenbegängnisse erschienen. In der Kirche selbst hielt das einflußreichste Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes, Josef Misrachi, im Namen des Grand Rabbin und der jüdischen Gememde eine Trauerrede, in welcher er darauf hinwies, daß die ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften des Verblichenen es vermocht haben, zwischen den zwei Schwestergemeinden der jüdischen und der griechischen mehr als freundschaftliche Beziehungen zu schaffen. Die gemeinsame Trauer — schloß der Redner — mit welcher Griechen und Juden heute die Bahre dieses vortrefflichen Mannes umstehen, möge der Impuls sein zu einer engeren Verbrüderung der beiden im Altertum wurzelnden Nationen. Diese außerordentliche Trauerkundgebung seitens der Juden hat in der griechischen Presse lebhaften Widerhall gefunden, und die führenden griechischen Blätter, die „Nea Alithia", die „Makedonier" und der „Pharos" gaben die Versicherung, daß die Griechen von Salonique diese Kundgebung zu schätzen wissen und sich nach einer Gelegenheit sehnen, um zu beweisen, wie sehr die Griechen diejenigen zu lieben vermögen, die ihnen Liebe entgegenbringen. Ein bulgarischer Protest gegcn die Ritualmordlüge. Die Protestkundgebungen, welche in den großen europäischen Staaten aus Anlaß des Ritualmordprozesses in Kiew in den letzten Tagen veröffentlicht wurden, haben auch in der liberalen Presse Bulgariens einen sehr beachtenswerten Widerhall gesunden. In einer der bedeutendsten und einflußreichsten bulgarischen Tagesblätter „Wola" erschien dieser Tage aus der Feder des bekannten bulgarischen Publizisten Radeff ein Leitartikel, in welchem der Verfasser seine Entrüstung darüber ausspricht, daß in unserem Jahrhundert des Geistes und der Kritik d> Legende des Ritualmordes überhaupt noch auftauchen konnte. Bei Besprechung des Protestes aus 'England sagt Radeff unter anderem: Die hervorragenden Engländer, welche diese Protestkundgebung Unterzeichneten, erklären ausdrücklich, daß es ihnen ferngelegen fei, sich in die inneren Angelegen-