Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022006--21227-3046309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24 Dr. Bkochs Wochenschrift Sette 403 heilen Rußlands zu mischen, oder gegen das russische Reich den Hatz der zivilisierten Welt zu erwecken. Der größere Teil dieser ausgezeichneten Persönlichkeiten wünscht im Gegenteile eine Annäherung an Rutzland. Ihr Zweck ist blotz, die Aufmerksamkeit der russischen Regierungskreise auf den schlechten Eindruck zu lenken, den selbst der Gedanke eines Ritualmordes auf die ganze zivilisierte Welt geübt hat. Ein Prozetz wie derjenige von Kiew — sagt Radeff weiter - ist nur in einem Lande verständlich, wo religiöser .Fanatismus, Aberglaube und der barbarische Rassenhatz herrschen, aber nicht in Rutzland, wo so viele Universitäten die Wissenschaft verbreiten und wo die Geschichte der Kritik und der Theologie so glänzende Vertreter .hat. Radess schließt sich dem allgemeinen Wunsche an, datz diese unglaubliche und unbegründete Beschuldigung bald ein Ende nehme. Das wäre nicht nur eine moralische Befreiung der jüdischen Rasse von dem Reste ihrer Reisen, sondern eine weithin glänzende Manifestation der Zivilisation. Sehr bemerkenswert ist der Schlutz dieses Artikels, wo Radeff sich dagegen verwahrt, Rutzland Ratschläge erteilen zu wollen. Wir wollen ganz einfach erklären, datz die öffentliche Meinung Bulgariens von dem Wunsche beseelt ist. die ungerechterweise verfolgten Rassen zu unterstützen und datz sie jederzeit bereit ist, den Verfolgten im Namen der Solidarität der Menschheit ihre Sympathie zu bekunden. Auszeichnungen des Zaren. Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, datz der Kaiser von Rutzland den reaktionären Unfrieden in seinem Lande nicht nur nicht fernsteht, sondern ihn geradezu dirigiert und durch ^Belohnungen aller Art ermutigt, so hat es die Auszeichnung, welche Zar Nikolaus an den rohesten nnd widerwärtigsten Gesellen seines Reiches, den Urheber der scheutzlichsten Pogrome, Purischkewitsch, verliehen hat, ihn unumstötzlich erwiesen. Purischkewitsch, auf dessen Gewissen das Leben tausender Juden lastet, dessen Gemütsroheit selbst seine intimsten politischen Freunde abstötzt, derselbe Purischkewitsch, der in den letzten Jahren vollständig abgewirtschaftet hatte, wurde vom Kaiser Nikolaus II. zum wirklichen Staatsrat ernannt; und mit einem Porträt des Kaisers, das dieser mit seiner eigenen allerhöchsten Unterschrift versehen hat, ausgezeichnet. Man begreift die Nervosität, mit welcher die progressiven Kreise, hauptsächlich aber die Juden in Rutzland, diese Auszeichnung zur Kenntnis nehmen. Man versteht die Befürchtung,- datz man in den höchsten Kreisen Rutzlands Purischkewitsch wieder aktiv sehen möchte, und eine Aktivität Purischkewitsch bedeutet in der Regel Raub, Mord und Vernichtung. Der Judeutag in Petersburg. Vorige Woche fanden in Petersburg die Beratungen der Delegierten der Iudenstädte über die Haltung der jüdischen Wähler anlätzlich der kommenden Wahlen in die vierte Reichsduma statt. An der Konferenz haben sich autzer.Petersburg die Delegierten von 16 Städten beteiligt. Die Konferenz beschkotz die Annahme folgender Gesichtspunkte bei den Dumawahlen: 1. Die Juden nehmen an den Wahlen aktiven Anteil, und werden überall, wo es ihnen möglich erscheint, sich bemühen, einen jüdischen Kandidaten oder zumindest jüdische Wahlmänner durchzusetzen. 2. Kein jüdischer Wähler darf einem getauften Juden seine Stimme geben. 3. Blocks und Kompromisse dürfen nur mit jenen Nationalitäten geschlossen werden, mit denen die Juden auch bei den früheren Dumawahlen zusammengegangen sind. 4. Als allgemeiner Gesichtspunkt hat zu gelten, datz die Juden in allen Orten nur die progressiven Parteien zu unerstützen haben. Bemerkenswert ist, datz die Stimmung der Delegierten aus der Provinz sich im allgemeinen gegen einen Block mit den Polen gerichtet hat. Juden auf der Insel Kuba. Es gärt wieder auf der Insel Kuba, wo die schwarze Bevölkerung gegen die Regierung der Weitzen einen Aufstand inszeniert hat. Auf der Insel gibt es auch ungefähr 500 jüdische Familien, von denen 60 Familien in der Hauptstadt Havanna wohnen. Autzer diesen rein jüdischen Familien gibt es auf Kuba noch eine beträchtliche Anzahl Abkömmlinge von Marannen, die seinerzeit aus Spanien sich auf die Insel Kuba geflüchtet hatten. Diese Marannen bilden heute auf Kuba eine eigene Gesellschaftsklasse der Spanier, welche wohl noch immer manche jüdische Tradition und manchen jüdischen Ritus behalten haben, aber sonst nur selten sich mit den übrigen Juden vermengen. Vermischtes. Finauzminrfter vor» Biliuski in Sarajevo. Bei der Anwesenheit des Gemeinsamen Finanzminifiers in Sarajevo empfing derselbe zahlreiche Deputationen, darunter auch die Vertreter der Geistlichkeit, den Oberrabbiner der österr.-ung. Kultusgemeinde und den Rabbiner der spaniolischen Gemeinde. Dem Oberrabbiner Dr. W e s z e l sagte Seine Exzellenz, er sehe in ihm den richtigen Mann, der das gute Einvernehmen, das zwischen den Juden und den übrigen Konfessionen besteht, auch weiterhin aufrechterhalten werde. Er habe von den Juden als einem nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Faktor in Bosnien und der Herzegowina viel Gutes gehört. Beim Empfange der Deputation der fephardischen Kultusgemeinde sagte der Minister, daß die Spaniolen eine alte Geschichte haben. Sie waren immer ein loyales Element und werden dies auch bleiben. Der Minister werde trachten, daß kein Unterschied zwischen den Konfefiionen gemacht werde und er werde immer nur Gerechtigkeit üben. Wie». (Regierungsrat Vizedirektor Dr. Frankfurter.) Herr Regierungsrat Dr. Frankfurter, der auf der Reise zum Biöliothekartag nach München einen schweren Unfall erlitt, ist bereits so weit wieder hergestellt, daß er das Sanatorium Fürth verlassen konnte. Aus Anlaß seines Unfalles find Herrn -Regierungsrat Dr. Frankfurter aus den höchsten Regierungs¬ und Gesellschaftskreisen zahlreiche Kundgebungen der Teilnahme und Sympathie zugekommen. Wien. Der Bibliothekar an der Univerfitätsbibliothek, Herr Dr. Michael Holzmauv, wurde von Sr. Majestät dem Kaiser zum Oberbibliothekar ernannt. Wien. (Trauung.) Sonntag, den 16. Juni 1912, um 3 Uhr nachmittag, findet im Tempel, XX., Kluckygasse, die Trauung des Fräulein Jultschi Traube, Tochter des Herrn Moritz Traube, mit Herrn Wilhelm Herbatschek statt. Wien. (Baron Hirsch-Stiftung.) Das Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung zur Förderung deS Volksschulunterrichtes im Königreiche Galizien und Lodomerien mit dem Großherzogtum Krakau und im Herzogtum Bukowina, dessen Präsident der am 14. v. M verstorbene Herr David Ritter v. Gutmann war, hat iy seiner Plenarsitzung vom 11. d. den Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien. Dr. Adolf Stein zum Präsidenten gewählt. Herr Wilhelm Ritter v. Gutmann, der Enkel des Verstorbenen und Herr Moritz Edler v. Kuffner wurden als Mitglieder des Kuratoriums kooptiert.