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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-14 · 24 (14.6.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Bkochs WoHenfchM Seite 397 gebracht werden muhten, eine um so schwierigere Aufgabe, als solche Kinder hilflos den Pflegeeltern ausgeliefert sind. Bei dem' Kultus, der in Amerika mit dem Kind getrieben wird, war es nicht schwer, ein von Damen und Herren gemischtes Komitee aufzutreiben, welches bald ein Haus, 510 North Fourth Street, mieten konnte, in dem jetzt 45 Waisen oder verlassene Kinder gänzlich kostenfrei untergebracht sind, einen Unterhalt, der sehr kostspielig ist> da diese kleinen Kinder so viel Wartung und ärztliche Pflege benötigen. Da der Staat eine Subvention von 1000 Dollars gibt, ist die mit dem Heim verbundene Krippe, die weit über 70 Kindern von 2—6 Jahren Aufnahme von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends gewährt, nicht konfessionellen Charakters und an keine Rassenzugehörigkeit die Aufnahme gebunden, da wir selbst einen dicken kleinen Niggerknaben unter den Pfleglingen bemerkten. Da die erheblichen jährl. Kosten von 8000 Doll, durch Mitgliedsbeiträge und Subvention nicht gedeckt sind, wäre die Lage des Heims eine recht traurige geworden, wenn nicht unerwartete Hilfe gekommen wäre. Wir sind stolz, daß diese Hilfe von ehemaligen Landsleuten von uns kam. Philadelphia waö schon nach den Stürmen der Jahre 48 und 49 ein Lieblingsziel der ungarischen jüdischen und nichtjüdischen Auswanderung, und dieser Zuzug hat sich in den letzten Dezennien sehr vermehrt, da die Juden wohl nicht religiös bedrückt werden, aber bei den .verschiedenen wirtschaftlichen Krisen wenig Möglichkeit zur Wirtschaftlichen Entfaltung in der Heimat fanden. Diese Kolonisten hängen, wie alle Ungarn, mit grohem Heimats- und dynastischem Gefühl am alten Boden und bewahren sich ihre Sprache weit länger, als die deutsche Einwanderung, nicht nur ihre Sprache, auch ihre anderen nationalen Eigenarten, von denen bekanntlich Liebe zu Musik und Tanz und eine bis zum Leichtsinn getriebene Wohltätigkeit, leben und leben lassen, bei Iud und Christ obenan stehen. Datz das wohltätige Philadelphia nicht weniger tanzt als das wohltätige Wien, ist wohl der Einslutz dieser Kolonie, und manch unstillbare Sehnsucht nach der Putztenheimat wird in den mit.dem Bilde der Königin Elisabeth geschmückten Ballraume von den übermütig-schwermütigen Klängen der Czardas hervorgerufen und übertänbt. Die ungarische Hilfsgesellschast „Pannonia". welche eine grotze Rolle unter den Philadelphiaer Wohltätigkeitsgesellschaften spielt, ist seit ungefähr 10 Jahren so gut fundiert, datz sie ihren jährlichen .„Pannoniaball" nicht mehr zu eigenen Zwecken zu geben braucht, sondern der gerade am hilfsbedürftigsten jüdischen Institution zukommen lätzt. So war das Waisenhaus, dann das Philadelphiaer Spital vom Berge Sinai, dann unsere Krippe der Gegenstand der Fürsorge des Ballkomitees. Durch diesen Wechsel weitz der Ball auch immer neue Kreise an sich heranzuziehen. Um aber die Einnahmen noch weniger zu zersplittern, kam man auf eine noch originellere Idee. Autzer den Ballkarten wurden Tausende von Tickets zu sehr billigem Preis ausgegeben, welche die Ballkosten decken sollten, und so konnten zum Ball auch Kreise herangezogen werden, deren Finanzen, Stellung, zu grotzes Alter oder zu grotze Iugend den Besuch des Balles selbst nicht gestattete. Den Vertrieb dieser Tickets übernahm ein jugendliches Komitee von Abkömmlingen Pannoniens — aristokratische Kinder zu wohltätigen Zwecken mit ihren Nurses betteln zu schicken, ist ein in Ungarn in kleineren Städten sehr gewöhnliches Vorkommnis — und diese Dämchen und Herren von unter 14 Iahren hatten einen so enormen Erfolg, datz die Erwachsenen sich sehr anstrengen mutzten, um die Tätigkeit der Äugend zu erreichen. So konnten denn die Gesamt- Einnahmen der Krippe zugewendet werden, die seit dem Ball ruhigeren Herzens ihren 70 Kindern tagsüber die mütterliche Liebe und Wartung ersetzen kann. Zu dem Ball wurden nicht nur Blumen, Cotillonorden, Erfrischungen und.Zigarren gespendet, das Komitee (Herren Herbach. Engländer, Meyer und Iacoby) gibt statt unserer Tanzordnung eine hübsche Festschrift heraus, die eine bleibende Erinnerung an den Ball bildet. Freilich wären unsere Damen mit solch einem Ballalbum nicht sehr zufrieden, denn während bei uns bei solchem Anlatz unglaublich fade Schmeicheleien für die Damen de rigeeur sind, umsatzt dieses Ballalbum 7 ernste Aufsätze, von denen unsere Damen kaum sehr erbaut wären. Diese sind: Kindheit von Rabbi Märvin Nathan. Barmherzigkeit^ eine soziale Pflicht von Ludwig Magaziner, Die Zentralisierung der Armenpflege von L. Kun — diesen sehr aktuellen Aufsatz möchten wir nächstens in extenso bringen — Der Geist der Barmherzigkeit von Dr. Michael Gradetz, in dem ausgeführt wird, datz Geben den Geber mehr moralisch hebt, als den Empfänger,' dann einen 'Bericht über die Krippe von deren Präsidenten Herbach, eine hochinteressante Studie von Mediziner Dr. Aaron Ban über die soziale, juridische und religiöse Stellung des Blinden im Talmud, schlietzlich eine Abhandlung über die Modernität der jüdischen Speisegesetze von Dr. Krischer. Zum Schlutz von dem oft erwähnten Herrn Jacob Margulies ein Aufruf zu einer Säuglingsschutzgesellschaft, um die verwaisten Kinder von unter zwei Iahren ebenso retten zu können, wie die älteren Kinder. Autzerdem sind die anmutigen Bilder der vier männlichen und drei weiblichen Sieger im Ticketverkauf veröffentlicht, eine nicht geringe Freude für Kinder und Eltern. Für den Humor sorgt noch eine Art Kneipzeitung, in der auf die meisten im wohltätigen Philadelphia arbeitenden Herren, Damen, jungen Leute und Kinder mehr oder minder harmlos-spöttische Bemerkunen Vorkommen. Diesen ist zu entnehmen, datz die jüdische Iugend Philadelphias sich auch die ungarische Vorliebe für das Reiten bewahrt hat und meist zu den Wchltätigkeitssitzungen zu Pferd kommt, wobei die männlichen und weiblichen Reitkünste scharfer Kritik unterliegen. Neben der unermüdlichen Damenhilfsgesellschast, die im wohltätigen Philadelphia nirgends fehlen darf, hat sich „Pannonia" noch die Mithilfe eines Kreises von Dilettanten gesichert, der unter dem Namen „Perrücke und Schnurrbart" prosperiert und Liebhabervorstellungen zugunsten der Krippe gibt. Ein Ausspruch der Pannoniafestschrift charakterisiert den Iammer von uns allen, die in der Armenpflege stehen, sehr gut: „Ein sozialer Arbeiter wird zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben; er steht zwischen den Klagen desjenigen, dem er zu viel Geld für seine Zwecke abgenommen hat. und den. Klagen desjenigen, dem er zu wenig Geld zur Linderung seines Elends zuführen konnte." Trotz dieses Ausspruches hat „Pannonia" wenigstens die Klagen der letzteren zu stillen vermocht, und so mögen auch die Geber freudigen Herzens bei ihren Festen der Krippe (Hebrew Slieltering Home and I)ay Nursery for childeen) gedenken und ohne Klagen geben und spenden. C. Benedikt. Hrorrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Knltusvorftandes vom 7. Juni 1912 unter dem Borfitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. I. Einlauf: Herr Willy Ritter v. G u t m a n n dankt namens seiner Familie für die anl. des Ablebens des Herrn David Ritter v. Gutmann erwiesene Anteilnahme des Kultusvorstandes.

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