Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022006--21220-3046302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 396 WoWnWrist Nr/24 wenn diese nicht über ihre Geschichte und ruhmreiche Vergangenheit in so grenzenloser Unwissenheit sich befänden (a. a. O. Vorrede). Diese Geschichte des jüdischen Volkes, von der an der Bahre ihres Autors aus berufenem Munde hervorgehoben wurde, daß sie reich an originellen Gesichtspunkten sei, zetchnet sich vornehmlich durch streng wissenschaftliche Objektivität aus, die jeder Richtung, die nur dem Judentums zu dienen ernst bestrebt war, gerecht zu werden bemüht ist. Er. der einem Abraham Geiger „große Energie und Gelehrsamkeit" einräumt, stellt — um nur ein Beispiel anzuführen — R. Mose Soser's Wirken das Zeugnis eines „überwältigenden Einflusses in Ungarn aus, eines der größten Talmudgelehrten, dessen Responsensammlungen allgemeine Anerkennung genießen und dessen lauteren Charakter und ungeheuchelter Frömmigkeit sich viele, die seine Ansichten nicht teilten, beugten" (2. Aufl., S. 525). Zn glänzender Weise entledigte sich der Verklärte seiner Mitarbeiterschaft an dem bekannten Sammelwerke von Winter und Wünsche: „Die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons". Zu demselben lieferte er seine beiden Werke: „Die religionsk gesetzliche Literatur der Juden in dem Zeiträume vom 15.-bis zum 18. Jahrhundert" (Trier, Sigm. Mayer, 1893) und „Die jüdischen Prediger, Sittenlehrer und Apologeten in dem Zeitraum vom 13. bis Ende des 18. Jahrhunderts (Trier, Sigm. Mayer. 1895),. Zn jenem behandelt er historisch, kritisch und sachlich, bereichert durch sinnvoll ausgewählte Proben die großen Dezisoren von Jakob Möllin Ha-Löwi aus Mainz bis Ezechiel Landau in Prag; in letzterem gleichermaßen die Darschanim, Apologeten und Sittenlehrer von Zsak Arama bis Mendelssohn; jede der genannten Richtungen und deren Vertreter durch sinnvolle, auf wissenschaftlichem Quellenmaterial beruhende Einzelwürdigungen, einleitend;. Leistungen, die uns erstaunen lassen, wie der in Schule, Gemeinde, und Rabbinat so überaus in Anspruch genommene Mann für sie noch Zeit abzuringen Imstande war. Die reiche Quellenkenntnis der jüdisch-didaktischen Literatur, wie andererseits ein angeborener pädagogischer Takt, befähigten den Heimgegangenen ^zu jenem Berufszweige, in welchem er nicht minder Bedeutsames leisten sollte: zum erfolgreichen Religionslehrer. Eine Bereicherung der Fachliteratur bilden seine Werke für die Unter- und Mittelstufe höherer Lehranstalten, die Lehrbücher, die eine reise Frucht seiner vielseitigen pädagogischen Tätigkeit darstellen: „Die Erzählungen und Religionssätze der heiligen Schrift". Erster Teil. (Lissa, Posen, Paul Friede, 1885) und dasselbe Werk, zweiter Teil (Lissa, Posen, Paul Friede, 1875). Und was der Verklärte Schönes vom Religionsunterricht im Herzen empfand^ das betätigte er auch in der erfolgreichen Heranbildung einer ganzen Generation zu treuen Juden. Auf den in Lehramt und Fachliteratur so segensreich wirkenden Mann lenkte sich darum das Augenmerk des deutschen Rabbinerverbandes, der ihn gelegentlich seiner Tagung in Berlin 1898 mit dem Referat „Ueber den obligaten Religionsunterricht" betraute (Berlin, M. Poppelauer, 1898, S. 81 f.), aus welchem folgende heute wiederum so aktuelle Stelle seine Auffassung vom Religionsunterrichte kennzeichnet: „Niemand wird bestreiten, daß die Kenntnis der biblischen Geschichte, der ethischen Ziele der Propheten einen Bestandteil der allgemeinen Bildung darstellt. Die Unter»- weisung in diesen Gegenständen ist pit aber (in der Ministerialverordnung) mit Recht dem konfessionellen Unterricht überlassen worden . . Die Unwissenheit der jüdischen Jugend in diesen Kenntnissen, eine Folge des bloß fakultativen Religionsunterrichtes, setzt die ganze jüdische Glaubensgemeinschaft herab, und dies dürste wohl auch die Gegner überzeugen, daß das Obligatorium für den jüdischen Religionsunterricht erwirkt werden soll" (a. a. O. S. 87). , i . * > Einem Manne von solch wissenschaftlicher Tatenfreude mußte jene großartige Gründung, die sich heute über ganz Deutschland verbreitet, die jüdischen Literatur-Vereine, ein willkommenes Feld der Betätigung darbicten; wie er denn auch als Gründer des heimischen Literatur - Vereines demselben von Anfang an präsidierte, Schön sagte einer seiner Grabredner: „Dr. Baeck war ein lieber, angenehmer Gast in diesem Pilgerleben". Und am Vortragstisch der auswärtigen Literatur-Vereine, wo er ein oft und gern gesehener Gast war, wie wird da nicht selten seines lehrreichen Wortes gedacht werden! Stets war er es, der die Saison mit einem Vorträge oder einer Diskussion eröffnete, die sich aus die mannigfachen, wissenschaftlichen Gebiete erstreckten, so, um nur einige herauszugreifen, auf die Juden als „Die ältesten Erzieher und Bildner des Menschengeschlechtes"; auf „Die Namen der Juden"; „Elisa ben Abujah"; „Moses und Lykurg". Aus dem letzteren, „zum Besten der Kleinkinder-Bewahranstalt in der Aula des königlichen Gymnasiums", unter Zudrang der vornehmsten Kreise aller Konfessionen der Stadt, gehalten, (erschienen im Sonderabdruck des lokalen „Tageblatt") kennzeichnet folgender Schlußpassus seine Auffassung vom Judentum: „Die Gesetze des Lykurgos hatten nur die Entwickelung der physischen, der äußeren Macht im Auge, aber die physische Macht ist vergänglich; das mosaische Gesetz hatte die sittliche Macht im Auge, und diese trägt den Charakter der Ewigkeit an sich. Der Sieg ist dem Geiste des mosaischen Gesetzes geblieben, die Sklaverei schwindet immer mehr von der Oberfläche der Erde. Die Schranken, welche die Völker voneinander scheiden, stürzen immer mehr. Wieviel die Menschheit auch dem Griechentums dankt, sie dankt dem mosaischen Gesetze noch mehr" (a. a. O. S. 4). Naturgemäß muß ein solcher Mann auf seinem ureigentlichen Gebiet, der Kanzel, Segensvolles geleistet haben. Und in der Tat bleibt sein rednerischer Eindruck jedem, der ihn einmal gehört, unvergessen. Innig, einfach, gemütsties, so wie sein ganzes Wesen, so predigte er auch; aus dem Herzen kommend, zum Herzen dringend, mit einer wunderbaren melodischen Stimme; stets bestrebt, seine Predigten mit treffenden Bibel- und Midraschstellen zu beleben, denen er immer das Kolorit der Zeitgemäßheit zu bieten verstand; nur zu überzeugen, niemals fortzureißen, eifrig bemüht; so drückte er seinen Reden das Gepräge seines sanften Wesens auf. Weil sein ganzes Leben gleichsam einer segensvollen Predigt glich, darum hob er seine Hörer zu sich und zu dem von ihm so innig verstandenen Judentum empor, und wenn irgend wer. so berichtigte er jenes Vorurteil, daß die Predigt noch Niemanden gebessert habe. War doch in seiner Gemeinde während seiner fast zwei Menschenalter umfassenden Wirksamkeit kein einziger Abfall vom Väterglauben zu beklagen, ein Verdienst, das er für sich allein in Anspruch zu nehmen berechtigt und das auch tatsächlich der einzige Stolz seines Herzens war. Und wie der eigenartige Reiz seines Wortes, so versöhnend wirkte der Zauber seines Wesens, Der an der klassischen Bildung geschulte Mann, der am Nikolsburger Gymnasium gemeinsam mit seinem nachmaligen Schwager und gegenwärtigen mährischen Landesrabbiner Dr. Baruch Placzek maturiert, an der Wiener Universität Orientalia und Philosophie studiert, an der Leipziger sein Doktorat erworben hatte, er war es. der als Nachfolger eines R. Jakob Lissa (Autor des Chawoth daath, Thorath Gittin. Mekor Chaim, Derech hachaim) die Sympathien des dortigen Rabbinats-Kollegiums,. sowie aller Kreise seiner altehrwürdigen Gemeinde bis ans Ende sich bewahrte; er, an dessen Hülle der Vorsitzende des Repräsentanten-Kollegiums. der nebenbei ihm nachrief, daß er seinem Religionsunterricht das Verständnis fürs Judentum danke, hervorheben konnte, daß er nicht nur keinen Feind, sondern auch keinen Gegner in seiner Gemeinde hatte. In dieser, mit seltener Anhänglichkeit ihm ergebenen Gemeinde fand er dankbare Befriedigung; hier, wo er buchstäblich Vater der Witwen und Waisen war, konnte sein edles Wesen in persönlichem Einfluß aus Jung und Alt sich geltend machen; hier feierte seine Gemeinde das Fest seiner 25 jährigen Wirksamkeit, welches von einem seiner treuen Freunde — und wie verstand er es, Freunde zu gewinnen und zu bewahren! — Bernhard Rippner aus Glogau, au der Hand eines glänzend gewählten Bibelwortes (Sprüche Sal. 11, 10) beredte Würdigung fand (s. Rahmer's „Predigt-Magazin", 1888) und das nach einem weiteren Vierteljahrhundert, am Tage seines Heimganges, ach, so schmerzlichen Widerhall erweckte; hier war es ihm vergönnt, seinen Söhnen eine, mit moderner Bildung vereinte fromme Erziehung zu geben; einen derselben zumal zur Zierde seines Standes (Dr. Leo Baeck. Düsseldorf, Autor von „Spinozas erste Einwirkungen auf Deutschland", Berlin. Mayer u. Müller 1895; „Zur Charakteristik des Löwi b. Abraham", Brann'sche Monatsschrift, Jahrgang 44; „Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christentums", Breslau, W. Koebner, 1902; „Das Wesen des Judentums", Berlin, Nathanson und Lamm 1905) Heranreisen zu sehen; hier seine Töchter würdig zu versorgen; hier erhielt er 1909 die Erneuerung seines 50 jährigen Doktorates; hier 1903 das Zeichen kaiserlicher Anerkennung seines Wirkens, den preußischen Roten Adler-Orden; hier beging er 1910 das goldene Ehejubiläum mit seiner seelisch und geistig ihm so ebenbürtigen Gattin. Wahrlich des Segens genug, doch seinen Trauernden nicht genug, denen die Krone vom Haupte gestürzt, ihr Kleinod in den Staub gesunken ist. Aber im Dunkel des Grabes spiegelt sich dessen Glanz in dem Tröste, daß sein scheidender Blick solchen Segens sich erfreuen konnte, den er sich selbst und der Gesamtheit stiftete. Die Achtung und Verehrung, die er im Leben genossen, kam in seinem imposanten Leichenbegängnis am 19 v. M., an welchem alle Bewohner, ohne Unterschied der Konfession, sich beteiligten, zum Ausdruck. Sein Wirken für die Menschheit bleibt aufbewahrt im Bunde des ewigen Lebens! Der Hilfsball der ,,Daimonia" in Philadelphia. Wir haben neulich das jüdische Waisenhaus in Philadelphia geschildert, welches das dortige Judentum mit Recht als den Stolz seiner Gemeinde ansieht. Nun hatte sich aber nur allzubald die Notwendigkeit herausgestellt, auch die Kinder zu versorgen, welche das 6. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten und die bisher privat unter-