Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022005--21204-3046285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Dr. Bkochs WochMschrifl Seite 881 Schicksal eines Fremdnationalen, das wohl typisch ist für die Mehrzahl anderer Studenten, die nicht Deutsche sind, als Werbetrommel für einige arme Studenten gerade der Nationalität zu verwenden, für die es ohnehin so viele Förderungen jeglicher Art gibt. Wohl wollen wir damit sagen, der jüdiseche Bürger hat erst dann für dieses Heim etwas zu geben, wenn er sich sagen kann: ich habe vollauf meine Pflicht für den armen jüdischen Studenten getan, wir wollen aber nicht die Anregung zur Schaffung eines jüdischen Studentenheimes geben, vielmehr darauf Hinweisen, datz bereits vor Jahren ein Kenner der jüdisch-studentischen' Derhältnisse, Dr. S. Krenberger, in diesen Blättern deutlich gezeigt hat, aus wie leichte und nützlichere Art die Wiener jüdische Bevölkerung die jüdischen Studenten, von denen wirllich viele im „Elend" (im ursprünglich doppelten Sinne: im Ausland und Armut) leben, unterstützen könnten. Da gibt es vor allem die Lektionsvermittlung jüdischer Hochschüler, IX., Liechtensteinstratze 11. Man vergleiche hier Angebot und Nachfrage und man wird staunen, zu welchen Resultaten man kommt. Ja, es ist traurig, zu sagen, wie wenig vermittelt wird und wie viel vermittelt werden könnte. Wenn man betrachtet, wie viel wohlhabende jüdische Familien ihre Kinder studieren lassen und sich für diese Hauslehrer und Erzieher halten und wie fie bei der Aufnahme eines Lehrers auf alles mögliche sehen, nur nicht, daß er ein Jude ist, mutz man wohl denken, es bestehe die Furcht, der jüdische Student, der Lektionen geben mutz und schon vieles vom Leben weiß, könnte seinem Schützling auch jüdisches Wissen oder wenigstens etwas über jüdisches Wissen beibringen, er könnte ihn dazu bringen, ein treuer Sohn seines Stammes zu sein und zu bleiben, ihn auch in jüdischer Geschichte, wovon er in der Schule so wenig und >zu Hause gar nichts hört, unterweisen. Vielleicht denken jüdische Eltern gar nicht daran, wie wohltuend es für beide Teile wäre, für ihre Kinder erzieherisch und für chen Studenten, wenn sie ihm ersparen könnten, als Frechling angesehen zu werden, wenn er es wagt, sich in einem christlichen Hause als Hauslehrer vorzustellen. Und doch möchten wir sagen, daß jüdische Studenten wenigstens ebensoviel in nichtjüdischen Häusern unterrichten, als in jüdischen. Dort werden sie oft wegen ihrer Tüchtigkeit und ihres Ernstes arischen Bewerbern vorgezogen. Nur die jüdischen Eltern scheinen das nicht zu wissen, und wollen lieber mit einem christlichen Hauslehrer, wie der christlichen Gouvernante, prunken. Aber das wird so lange nicht aufhören, als sich noch Fälle wie dieser ereignen: Ein jüdischer Student von besserem Stande stellt sich auf Grund einer Annonce einem bedeutenden jüdischen Bankdirektor vor. Er wird nach bisheriger Tätigkeit, wissenschaftlichen Kenntnissen und besonders sportlichen Leistungen gefragt. Und als er dies alles zur Zufriedenheit beantwortet, wird er auch nach feiner Konfession gefragt. Der Student, seiner Sache schon ganz gewitz, er steht ja vor einem jüdischen Vater, sagt, ,er sei ein Jude, worauf ihm der Herr Direktor süßlich zur Antwort gibt: „Es tut mir wirllich sehr leid. Sie wären uns sehr sympathisch und hätten auch alle Kenntnisse, die wir forderten, aber wir wollen unseren Wolfgang Amadeus nur von einem Arier erziehen lassen." — Lapleuti sat! I. Werlheim. Die Juden, in Rhodos. Auf der Insel Rhodos, die gegenwärtig den Türken von den Italienern streitig gemacht wird, leben Juden bereits seit den ältesten Zeiten. Schon im ersten Buche der Makkabäer wird der Juden aus Rhodos gedacht. Der jüdische Reisende Benjamin Detudela hat im Iahrr 140 anläßlich seines Besuches auf der Insel daselbst 500 Juden konstatiert. Rottiers sagt in seinem ^In8ciiptiov8 6t mouum6nt8 de Rhodes'S datz anläßlich einer Judenvertreibung aus Spanien im Jahre 1280 Juden aus Taragon nach Rhodos kamen. In Malona einer Stadt auf Rhodos gibt es heute noch ein großes Stadtviertel, das den Namen Evriati führt. Dieser Stadtteil war schon von Juden bewohnt, als die Ritter des heiligen Johann im Jahre 1309 nach Rhodos kamen. Der Stadtteil, in welchem die Juden heute in der Stadt Rhodos wohnen, ist uralt. Als die Johannesritter die Mauer, welche das Judenviertel umgibt, nach einer Belagerung reparierten, gaben sie ihr den Namen „Judenmauer". Unter der Herrschaft dieser Ritter hatten es die Juden nicht immer gut. Lacroix erzählt in seiner Geschichte der Insel, datz der Großmeister wiederholt die Demolierung mehrerer Judenhäuser befahl, um aus dem gewonnenen Material die schadhaft gewordene Judenmauer, die wiederholt erfolglos von Messih- Pascha bombardiert wurde, wieder Herstellen zu lassen. Elijah Capsali berichtet in seinem Geschichtswerke. datz der Grotzmeister nach dem Mißerfolge Messih- Paschas die Juden zwang, das Christentum anzunehmen. Manche von ihnen nahmen auch tatsächlich die Taufe, andere aber zogen den Tod vor, und andere wieder wurden als Sklaven verkauft. Letztere wurden später vom Sultan Suleiman, nachdem er die Insel erobert hatte, wieder befreit. Am 9. Jänner 1502 vertrieb der Großmeister d'Aubusson die Juden unter dem Vorwände, datz sie die Jugend verdürben, von der Insel. Dieser Ausweisungsbefehl wurde jedoch nicht bis zu Ende durchgeführt, da d'Aubusson inzwischen starb. Unter der Herrschaft des Großmeisters Williers lebten die Juden der Insel in Frieden. Er war den Juden sehr freundlich gesinnt und besuchte öfter ihre Synagogen. Nach einer auf der Insel noch heute fortlebenden Tradition, die von manchen Historikern als Tatsache verzeichnet wird, haben die Juden von Rhodos im Kampfe gegen die Türken teilgenommen, indem sie eine Phalanx von 250 Kämpfern unter Anführung des Simeon Granada bildeten. Sie führten den Namen „jüdische Phalanx". Nach Billioti handelte es sich hier um jene Juden, welche unter dem Regime d'Aubusson das Christentum zwangsweise annehmen mutzten. Als jedoch die Türken Rhodos okkupierten, sind alle diese Juden wieder zum Judentum zurückgekehrt. Von manchen Historikern wird behauptet, datz die Juden, nachdem Rhodos von den Türken eingenommen wurde, die Insel verließen und nach Italien ausgewandert seien. Andere Geschichtsschreiber wieder behaupten das Gegenteil, datz nämlich nach Errichtung der türkischen Herrschaft auf Rhodos italienische Juden dahin eingewandert wären. Es scheint, datz beide Richtungen begründet sind, da es nachgewiesen ist. datz diejenigen Juden, welche an dem Kampfe gegen die Türken teilgenommen hatten, nach der Niederlage ausgewandert sind, während andererseits die Juden, welche sich im llirkischen Heere befanden und zumeist Freiwillige aus Italien waren, sich nach dem llirkischen Siege auf der Insel niederlietzen. Benjamin Pontremoli berichtet, datz Sultan Suleiman. der die Nützlichkeit der Juden erkannte, ein Dutzend jüdischer Familien aus Saloniki auf die Insel brachte und ihnen dort viele wertvolle Privilegien bewilligte, Unter anderem erhielt jede jüdische Familie ein Wohnhaus, überdies genossen sie während 20 Jahren volle Steuerfreiheit, sowie es ihnen gestattet wurde, das muselmännische Stadtviertel zu passieren. um auf den jüdischen Friedhof zu gelangen und auf der Straße die hebräischen Trauergesänge zu singen. Sie wurden ferner ermächtigt, ihre rituellen Angelegenheiten autonom zu regeln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.