Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 . Dr. Blochs Wochenschrift Seite 37^ langen konnten, wurde der Montag nur der zwanglosen Besprechung gewidmet, während die eigentlichen Verhandlungen erst am Dienstag stattfanden. Da es sich aber allen Teilnehmern um eine wichtige Herzensangelegenheit handelte, wurde bald aus der zwanglosen Besprechung eine regelrechte Debatte. So mutzte sich das provisorische Komitee entschlietzen, eine förmliche Generaldebatte einzuleiten. Dr. Abraham Hirsch. Chef der bekannten Weltfirma Aron Hirsch und Söhne in Halberstadt, eröfsnete als Vorsitzender die Versammlung mit einem Dankgebet an die Vorsehung, die uns diesen schönen Tag hat erleben lassen. Er skizzierte die Tendenz der beabsichtigten Agudah dahin, das materielle, ethische und geistige Niveau der strengreligiösen Iudenschaft zu heben durch Förderung alles dessen, was in einem dieser Belange zum Wohle gereichen könne. Das in Ersch einung treten der Orthodoxie nach autzen. als Vertretung der grotzen Majorität der Iudenschaft. Herr Dr. Kohn-Basel, Dr. Viberfeld-Berlin. Aron Markus-Krakau wutzten jeder der hohen Bedeutung der Agudah eine neue Seite abzugewinnen. Rabbiner Rabbinowitsch -Poltawa. ein fesselnder Volksredner, löste einen Beifallssturm aus. Direktor G a b el-Grotzwardein verlangte ein ausdrückliches Betonen der Orthodoxie im Namen und Statut der Agudah. Es ist dies ein für ungarische Verhältnisse unumgängliches Postulat. Dem tritt Vorredner entgegen, der nicht einen Bund der Iereim wünscht, sondern alle aufnehmen will, die zu uns kommen. S chmelkes-Krakau hofft, datz die Agudah für Galizien dem Uebelstande abhelfen wird, datz die grotzen Majoritäten frommer Juden in den Gemeinden von einer Handvoll Poschim regiert werden. Hierauf ergreift Herr Iakob Rosen he im, uns Wienern durch zwei meisterhafte Vorträge bekannt, das Wort. Wir haben, fagt Redner, seit drei Jahren mit den hervorragendsten Rabbinern und Baale Battim beraten. und das Fazit ist, die Agudah mutz gegründet werden und sie wird gegründet werden. Es ijt gut, datz schon heute die Gegensätze in den Anschauungen zutage getreten sind, wir haben daraus die Uebsrzeugung geschöpft, datz uns alle ein Gedanke bewegt, alles zu tun, um das heilige Erbe unserer Väter ungeschmälert unseren Kindern zu hinterlassen. Morgen wird ganz Iisroel auf uns blicken, und da wollen wir kleinliches Gezänke vermeiden und nur die Grundgedanken unserer Aufgabe klarlegen und in grotzen Zügen feststellen. Sobald der Veschlutz zur Gründung ausgesprochen sein wird, werden wir je einen Rabbiner- und einen Laienrat wählen. Diese werden das Statut endgültig festlegen und einer grotzen Vollversammlung zur Genehmigung vorlegen. Dienstag fand die Haupttagung statt. Dr. Abraham H i r sch - Halberstadt eröffnet die Sitzung und begrützt die Vertreter der Thora und die zahlreichen Männer, die aus allen Ländern gekommen sind. Die zahlreiche Beteiligung gibt uns Gewähr, datz unser Werk gelingen wird. Wir wollen das Israel- Ideal verwirklichen, daher unser Name A g u d a t h Israel. Hinter uns stehen Millionen; das erfüllt uns mit Stolz und stärkt unsere Kraft. Darum hoffen wir auch, datz unsere Perhandlungen gelingen werden. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen des Vorsitzenden begrützt Herr Stadtrat Wiener- Kattowitz namens der jüdischen Bevölkerung von Kattowitz die Versammlung mit herzlichen Worten. Rabbiner Dr. C o h n - Kattowitz begrützt die Versammlung in hebräischer Sprache. Rabbiner Dr. Breuer- Frankfurt a. M. begrützt die Versammlung als einer der Unterzeichner des Aufrufes. Schon vor langen Iahren hat er den Gedanken einer derartigen Vereinigung ausgesprochen. Denn die anderen grotzen Vereinigungen, wie die A. I. U. oder der Zionismus werden bei ihrer Tätigkeit nicht von dem Geiste der Thora geleitet. Aber der Kampf allein hat keinen Sinn, wenn wir nicht selbst etwas Praktisches leisten. Bei allen grotzen Hilfsaktionen beteiligt sich die Orthodoxie wohl durch Spenden, sie ist aber nicht in der Lage, mitzusprechen. Das mutz anders werden. Sind auch die Schwierigkeiten grotz, die sich uns entgegentürmen, so werden wir sie doch überwinden. Redner erläutert diesen Gedanken unter Anführung des letztwöchentlichen prophetischen Abschnittes. Dr. H o f f m a n n - Berlin, Rektor des Rabbiner- Seminars, begrützt die Versammlung als die Männer, die in Wahrheit berufen find, an die Spitze zu treten, und wünscht, datz der rechte Geist einmütig zur Gründung der Agudath Israel führt, im Sinne der Gedanken in unserem Neujahrsgebete. Darauf berichtet Herr Iakob R o s e n h e i m - Frankfurt a. M., von starkem Beifall empfangen, über die bisherige Tätigkeit des provisorischen Komitees. Er nennt die heutige Tagung einen historischen Augenblick, selbst wenn sie nicht vollständig zur Verwirklichung unserer Absichten führen sollte. Nun zu unseren Aufgaben, llnser Ziel ist einheitlich und rein religiös. Die Mittel aber zu seiner Erreichung sind sehr verschiedener Art. Wir dürfen nicht nur für die Seele, wir müssen auch für den Körper sorgen. Als erstes unserer Ziele bezeichnen wir die Förderung von Thorawissen und jüdischer Erziehung überhaupt. Wir erstreben ferner Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen der jüdischen Masse in den Ländern der Diaspora und in Palästina. Dann die Organisierung und Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses. Es mutz eine Stelle vorhanden sein, wo die jüdische Masse nicht nur Objekt des Hilfswerkes ist, sondern auch Subjekt, wo sie sagen kann, wie ihr geholfen werden soll. Weitere Punkte des Programms sind die Förderung der jüdischen Literatur in echt jüdischem Geiste, die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach autzen und Abwehr aller Angriffe gegen die Thora und ihre Gegner. Auch alle diese Probleme sind Weltprobleme, die eine Weltorganisation erfordern. Diese soll volkstümlich beschaffen sein. Jeder Mann in der Masse soll wissen, datz seine Stimme zur Geltung kommen kann: jeder mutz das Gefühl haben, datz er ein Bestandteil des Ganzen ist. Die Organisation mutz aber getragen sein von dem jüdischen Gesetz. Die Vertreter der Thora müssen Gelegenheit haben, jederzeit ihre Meinungen über alle Unternehmungen matzgebend auszusprechen. Die einzelnen Landesorganisationen sollen ihrerseits dafür sorgen, datz den Bedürfnissen der einzelnen Länder Rechnung getragen wird. Vier Strömungen sind in der jüdischen Gesamtheit zu unterscheiden. In Rutzland lebt die Mehrzahl der Iudenheit. genährt und durchtränkt vom Thorageist. Dort, wie in Galizien und Ungarn gedeiht das Thora-Lernen. Mit ihnen im Zusammenhang steht die grotze Masse der über das Meer Gewanderten, die den Zusammenhang mit ihren bisherigen Genossen nicht verlieren dürfen. Wir Haben ferner den Chassidismus, jene Strömung, die mit besonderer Kraft durch die Wärme des Gefühls und die Tiefe der Weltanschauungen uns noch vieles zu geben hat. Wir haben ferner im Westen, in Deutschland und Ungarn die Leute, die im Kampfe mit anders Denkenden gewöhnt sind^ ihre Ueberzeugung einheitlich zu vertreten. Wir haben endlich dort Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der westeuropäischen Kultur. Diese Strömungen sollen sich auf dem