Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 378 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 83 Durch die Stille und die vollkommene Präzision, mit welcher der bereits bestehende grobe Automat der europäischen Emigrantenfürsorge arbeitet, dringt über die segensreichen Leistungen derselben verhältnismäßig wenig in die breite Öffentlichkeit. Es kann natürlich auf dem Gebiete der Auswandererfürsorge ebenso wie auf dem der Armenunterstützung überhaupt noch sehr vieles verbejsert werden, aber es dürfte schwerlich irgendwelche Vorkehrungen zum Schutze und zur Förderung der jüdischen Emigranten geben, die durchführbar sind und nicht von uns im Verein mit den verwandten Organisationen bereits im Rahmen der Möglichkeit getroffen wurden oder Gegenstand von Verhandlungen zwischen den zusammenwirkenden Komitees bilden. Das Problem der Emigration, das oft genannt wird, bildet die größte Schwierigkeit nicht mit Bezug auf die eigentlichen Emigranten, auch nicht einmal so sehr mit Bezug auf die Auswanderungsziele — da trotz aller Beschränkungen in überseeischen Ländern für Hunderttausende von arbeitsfähigen Personen Raum ist — sondern mit Bezug auf die physisch, infolge mangelnder Gesundheit oder Erwerbsfähigkeit zur Auswanderung ungeeigneten Personen, deren Unterstützung vom rein humanitären, keineswegs vom emigrationspolitischen Gesichtspunkte geschehen mutz. Agudahl Iisroel*). Die Kattowitzer Versammlung der orthodoxen Judenschast. Von Wolf Pappeuheim, Wien. Seit Dezennien schwebt die Frage einer Organisation der orthodoxen Judenschast in der Luft. Die Orthodorie, die auch heute noch, nach 100jährigem Bestände der Reformrichtung, 85 0/0 der Judenfchaft umfaßt, hat es verabsäumt, sich in einer ihrer 'Zahl ünd Bedeutung entsprechenden Weise zu repräsentieren. Nach außen hin erscheinen die großen Organisationen, die auf humanitärem und wirtschaftlichem Gebiete für das Wohl der Iudenheit Großartiges leisten, als die Vertreter der Iudenschaft. Da deren Leistungen in religiöser Beziehung aber direkt destruktiv wirken, die Orthodorie aber nie auf der Bildfläche erschien, verlor sie bei den Gleichgültigen und Schwankenden alles Gewicht. Die immer schwierigeren Erwerbsverhältnisse gestalten die Beobachtung der religionsgesetzlichen Vorschriften zu einem fortwährenden schweren Opfer; die Beschäftigung mit antireligiöser Lektüre trägt auch ihre Früchte, und es mußte etwas geschehen, um den religiösen Sinn zu heben, die zersplitterten Kräfte zu vereinigen, zum Dienste Gottes und seiner Lehre. Die Thaurohkenntnis. diesen Lebensnerv des Judentums, verbreiten, die antireligiöse Literatur und Presse durch gute positive Schriften zumindest in ihrer Wirkung zu paralysieren, die Lösung des Kulturproblems *) Die Bezeichnung orthodox (griechisch rechtgläubig) wurde nicht, wie vielseitig angenommen wird, von den Süddeutschen auf Juden angewendet. Unseres Wissens findet sich selbe zum ersten Male in einem Aufrufe der Wiener Vertreter der Judengemeinde zum Trmpelbau 1819. Daß wir Orthodoxe diese Bezeichnung seitens unserer Gegner gerne annehmen, ist doch klar, zudem ist das Wort so sehr in den Sprachschatz Lbergegangen, daß es am deutlichsten ausdrückt, was man darunter verstanden haben wiN, und so bleiben wir orthodoxe Juden. Selbst Schuichan-Aruch Jude würde nicht mehr genügen; bekennt sich doch sogar der ungarische Abgeordnete Samuel Bakonyi zum Schulchan-Aruch, wenn es Vorteil bringt. Dieser Herr, ein Schwager der ungarischen Neologen eeelesra wilitans (Mezeis), hielt vor wenigen Monaten im ungarischen Reichstag eine wütende Philippika gegen Orthodoxie und Schulchan-Aruch. Einige Zeit darauf, gelegentlich der Komödie der Szabadkaer Unifikations-Konferenz hatten einige Status guo-Rabbiner die Stirne (in dieser Gesellschaft) nach dem Schulchan-Aruch zu verlangen. Herr Bakonyi versicherte feierlichst, ohne mit einer Wimper zu zucken, daß auf dem großen entscheidenden Kongresse der Schulchan-Aruch als Gesetz der ungarisch-jüdischen Konfession werde proklamiert werden. W. P. in streng jüdische Bahnen zu lenken, unsere emigrierenden Brüder im Geiste der Thauroh zu leiten, den wirtschaftlich. Schwachen helfen und ihnen ihr Judentum erhalten, das find die Ausgaben, die wir uns stellen müssen, wenn nicht in absehbarer Zeit die Zahl der gesetzestreuen Juden in erschreckender Weise abnehmen soll. Und dazu ist die Zusammenfassung aller Kräfte nötig, eine Vereinigung, in der der Ostjude seine Erfahrung im Thaurohunterrichte. der Westjude seine Methode zur Bekämpfung des Apikorses mitbringt,' wo alle geistigen und materiellen Kräfte Zusammenwirken zu einem Ziele: Zur Ehre Gottes und seiner Lehre. Als Resultat mehrjähriger Beratungen, an denen die bedeutendsten universell anerkannten Rabbiner beider Richtungen aus Rußland, Galizien, Ungarn und Deutschland teilnahmen, wurde beschlossen, aus allen Ländern der Diaspora Männer zu berufen, die sich des Vertrauens der strengreligiösen Bevölkerung erfreuen, um in einer eingehenden Mussprache die Gründung eines „Agudas Jisroel", eines /Weltbundes der orthodoxen Iudenheit, zu beraten, eventuell zu beschließen. Die Konferenz wurde auf den 27. und 28. Mai d. I. nach Kattowitz anberaumt und wurden 300 Personen zur Beratung geladen, die fast alle dem Rufe folgten. Aus Wien waren anwesend bie_ Herren Rabbiner Fürst, Sieg. Vondi, Schreiber dieser Zeilen und Salomon Schreiber. Außerdem wurden auf vielseitiges Verlangen Gastkarten ausgegeben. Von denselben machten zirka 600 Personen Gebrauch, um die Debatten anzuhören. Als wir uns gm Montag morgen in Kattowitz trafen, herbeigeeilt aus allen Richtungen der Windrose, da standen wir vor einem riesigen Fragezeichen! Kann es, wird es gelingen, so disparate Elemente zu verbinden zu einem einigen, einzigen Körper zur Erhaltung des alten echten Judentums!? Wir Juden sind ja, wie alle Menschen, dem Einflüsse des Milieus, in dem wir uns bewegen, in hohem Grade unterworfen, und da soll der kühle Engländer, der gemessene Deutsche, der temperamentvolle Ungar und der stürmische Ostjude in eine Gemeinschaft vereinigt werden zu harmonischem, erfolgreichem Wirken? Die Begrüßungen unter Bekannten, die Vorstellung von Männern, die sich dem Namen nach aus ihrer öffentlichen Tätigkeit kannten, füllten den Vormittag aus. Schon diese flüchtige Berührung zeigte uns allen, daß das, was wir als trennend empfunden hatten, nur Vorurteil war, das schon die erste Begegnung zum großen Teile schwinden gemacht! Der Westen sah Russen, Polen und Ungarn, die an Kultur und Umgangsformen es mit allen Gebildeten aufnehmen können, der -Osten sah „Deutsche", die ihm an werktätiger Frömmigkeit und warmer Begeisterung nicht nachstehen. Den Konferenzsaal betraten wir nachmittag schon mit dem Gefühle, haß uns alle nur kleinliche Nichtigkeiten trennen, während unser Lebensinhalt „Lehre und religiöse Uebung" uns innig vereint. Wie Herr Rabbiner Fürst-Wien sinnig bemerkte, heißt es im Gebete ^Vejeossu Olmlom Agudali Aclias. „Sie werden gemacht zu einem Bunde." Es heißt nicht, sie mögen machen, dem nicht wir machen diesen Bund, diese Agudah, ,wir werden zum Bunde gemacht durch die Not der Zeit, durch die äußeren Verhältnisse. die uns zwingen, zusammenzutreten, unsere Kräfte zu vereinigen zur Sammlung, zur schöpferischen Tätigkeit, und wenn es sein muß, aber nur dann, auch zur Abwehr." Mit Rücksicht auf die russischen und englischen Teilnehmer, die erst Montag im Laufe des Nachmittags an-