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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. L3 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 377 in Rußland leben, bleibt das nur Theorie, während in der Praxis aus mehreren Gründen unregelmäßige, von den Heimatskomitees nicht empfohlene Auswanderer sich entweder schon in Krakau, Brody oder Czernowitz an unsere Filialen um Hilfe zur Weiterreise wenden, welche ihnen für unsere Rechnung gewährt werden mutz, oder in Wien in unserem Bureau erscheinen und das Bros jener Scharen hilfesuchender Männer, Frauen und Kinder bilden, welche seit Jahren nahezu täglich in unserem Bureau zu finden sind. Entweder sind es Personen, die von den Heimatskomitees als emigrationsunfähig erkannt und vor der Weiterreise gewarnt wurden; sie verschmähten aber den Rat und verließen sich auf die Wohltätigkeit der westeuropäischen Organisationen, um eine Hilfe zu finden, die zu leisten ganz unmöglich ist, so z. B., wenn die Leute absolut zu „Freunden" nach Nord-Amerika fahren wollen, während ihre Zulassung wegen Erwerbsunfähigkeit oder eines Augenleidens ganz ausgeschlossen ist; oder es sind Personen, die auf Grund vager Anhaltspunkte und Phantasien ohne bestimmten Plan und ahne physische Eignung, sich eine Existenz zu gründen, nach Frankreich und England auswandern wollen. Die Unterstützung zur Reise nach westeuropäischen Zielen liegt ganz außerhalb des Wirkungskreises des Ica-Komitees und geschieht von Wien aus nur zu Lasten unseres Vereines. Wir sind dabei teils an strenge Vorschriften von Behörden, teils an vollkommen gerechte Forderungen der anderen Komitees gebunden. So darf z. V. nach England unter keinen Umständen ein Emigrant geschickt werden, so lange nicht für ihn ein „Affidavit", d. h. eine behördliche Bescheinigung der Zulassung erwirkt ist. Nach den Hafenstädten Antwerpen, Rotterdam usw., wohin viele streben, in der Hoffnung, von .dort eine überseeische Beförderung zu erwirken, darf grundsätzlich niemand geschickt werden, für den nicht schon im voraus sowohl die Schiffskarte wie das vorzuweisende Bargeld (Kr. 125. pro Person) in Wien gesichert und die Zulassung in Amerika zweifellos ist. Für leine Weitersendung nach Paris ist in jedem einzelnen Falle eine Korrespondenz unseres Bureaus mit dem dortigen „6omite de ßientaisance'4 erforderlich. Von einer Sendung nach Hamburg und Bremen ohne vollständige vorherige Sicherung der Seereise und Zulassung kann überhaupt nicht die Rede sein, da nach den strengen polizeilichen Vorschriften in Preußen die Auswanderer schon von der reichsdeutschen Grenze zurückgeschickt werden. Selbstverständlich müssen nun die bezeichneten, aufs Geratewohl nach Oesterreich, oft mit großen Familien, in leichtsinniger, nur durch die große Not in Rußland zu entschuldigender Weise gereisten Auswanderer, die fast immer gänzlich mittellos sind, von uns bis zur Feststellung der objektiven Möglichkeit einer Weitersendung ausgehalten werden. Eine Weitersendung in Etappen, unter Ablehnung der Verantwortung oder Abwälzung derselben auf andere, existiert für unsere ^Organisation nicht, da ohne Rücksicht auf die Kosten nach den Grundsätzen des geregelten Hilfswerkes jede Unterstützung eine wirksame und den Emigranten zum Ziele führende sein muß. So oft wir auf Drängen privater Wohltäter, welche zufällig eine Auswanderersamilie und deren besondere Not kennen gelernt haben, ohne die Schwierigkeiten im betreffenden Falle zu ermessen, uns entschließen, mit Außerachtlassung unserer Erfahrung eine Konzession zu machen, erweist sich das Ergebnis nicht nur als eine Verschlimmerung der Lage der Unglücklichen, zu deren Gunsten man wohlmeinend bei uns interveniert hat. So z. B. haben wir im verflossenen Jahre einmal durch unablässige Bitten und die Verwendung gutherziger Menschenfreunde uns bewegen lassen, eine Gruppe von sechs rumänischen Personen, welche uns mit Entschiedenheit versicherten, daß sie in Frankreich sich, sofort eine Existenz begründen können, nach ursprünglicher Ablehnung des Gesuches doch nach Paris zu schicken. Nach einigen Wochen erhielten wir von unserer Filiale in Krakau ein Gesuch von denselben Personen, welche mittlerweile in Paris sich von der Aussichtslosigkeit ihres Planes überzeugt hatten und mit Hilfe zahlreicher Unterstützungskomitees durch ganz Deutschland zurückgereist waren, sie zur Rückkehr nach Jassy zu unterstützen, was wir zum Schlüsse auch tun mußten. In zahlreichen Fällen kommen Personen, die sich von uns nicht haben warnen lassen, nach Vergeudung ihrer eigenen letzten Mittel sowie der Unterstützungen aus Amerika zurück und sind noch ärmer und entmutigter als zuvor. Sie bitten dann um Rücksendung nach Rußland oder Rumänien, wo sie wenigstens Verwandte oder Freunde haben. Diese, sowie diejenigen Emigranten, welche sich nach kurzem Aufenthalte in Wien von der Sinnlosigkeit ihrer Pläne überzeugen und um Zurückbeförderung ansuchen, bilden das Kontingent der „Repatriierten". welches jährlich unser Budget belastet. Im verflossenen Jahre wurden durch unser Bureau in Wien 763 russische und 163 rumänische Emigranten zumeist nach überseeischen Ländern, teilweise aber auch nach westeuropäischen Orten Weiterbefördert, während 226 Personen repatriiert werden mußten. Mehrere Hundert Emigranten wurden von jeder unserer Filialen: Krakau, Brody und Czernowitz teils zur Weiterreise, teils zur Heimkehr unterstützt. Das von uns subventionierte „Auswandererbureau für jüdische Auswanderer" in Basel hat 759 Emigranten seine Fürsorge zugewendet, denen es Schiffskarten zu ermäßigten Preisen, besonders über Genua und Marseille, erwirkte. Die mit uns in Verbindung stehende Vertretung der „Jewifh Colonization Association" in Bukarest hat aus Rumänien im Laufe des Jahres 1911 insgesamt 728 Emigranten befördert. Summiert man die Zahlen der Emigranten, welche von uns und von den kooperierenden Hilfkomitees während eines Jahres Fürsorge zugewendet wird, so ergibt sich, selbst unter Einschluß der über Norddeutschland reisenden Emigranten, eine gegenüber den Gesamtzahlen der Auswanderung verhältnismäßig geringe Ziffer von wenigen tausend Personen, die wirklich auf Unterstützung angewiesen waren; einer weit größeren Zahl kommt allerdings die Fürsorge durch Verbreitung richtiger Informationen und Wachsamkeit der Hilfskomitees gegenüber unredlichen Agenturen zugute. Aber der grüßte Teil der Emigranten entzieht sich vollkommen jeder Fürsorge, da er ihrer nicht bedarf. Die große Masse der Auswanderer besteht aus Personen, die entweder zu ihren bereits in Amerika ansäßigen Verwandten reisen und von diesen direkt im voraus die besten Auskünfte erlangt haben, oder aus solchen Personen, die über eigene Mittel ausreichend verfügen und sich selbst zu raten und zu Helsen wissen. Wir heben dies hervor, um unsere Mitglieder und Freunde in den Stand zu setzen, sich über die ^.Regelung der Emigration", von welcher so viel außerhalb der bestehenden Organisationen und nicht immer mit genauer Kenntnis der Verhältnisse gesprochen wird, ein Urteil zu bilden. Es werden oft die großen Zahlen der Emigrationsstatistik, die in die Oesfentlichkeit dringen, so aufgefaßt, als wenn es sich um wandernde Kolonnen handeln würde, welche irgendeine bestehende oder neu zu schaffende Organisation nach Belieben lenken könnte, was nicht richtig ist. Es ist in fernstehenden Kreisen auch die Meinung verbreitet, daß durch irgendwelche erst zu kreiernde Einrichtungen den armen Emigranten manche Vergünstigung und Erleichterung verschafft werden müßte und daß der Kampf gegen Ausbeutung durch unredliche Agenten erst .aufzunehmen wäre.

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