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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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s-j . De. Mochs Wochenschrift Sette S75 nie! P. Häys gab eine gedrängte Geschichte des Antisemitismus tit Oesterreich und. Rumänien, erwähnte das wiederholte , tätige Eingreifen Dr. Blochs während der letzten drei Jahrzehnte und erklärte zum Schlüsse, daß die amerikanische Gesellschaft „Jüdaeans" es sich zur Ehre .anrechne, diesen Gast begrüßen zu dürfen. In meiner Antwort besprach ich die Kündigung des russischen Handelsvertrages und seine politischen Folgen. Der Akt bildet ein feierliches Bekenntnis der amerikanischen Nation zu den ewigen Prinzipien der Gerechtigkeit in einem Moment, da die Völker Europas aus Gründen der Politik vor den blutigen Verbrechen in Rußland die Augen verschließen und sich der russischen Heniersregierung als Bundesgenossen aufdrängen. Die Vertragskündigung kommt einer Proklamation gleich, daß die amerikanische Nation nicht gesonnen ist, um materieller Vorteile willen die ewigen Prinzipien der Rechtsgleichheit preiszugeben. Mit diesem Vorgang hat aber auch das amerikanische Judentum an die Spitze des jüdischen Volkes sich gestellt und die Führung seiner Geschicke übernommen. Die Juden Europas werden nunmehr die Blicke nach Amerika wenden, woher sonst soll die Hilfe kommen? Der stolze englische Jude dünkt sich einen vollkommenen Briten. Juden sitzen im Ministerium. Bei Lord Rothschild speist der britische König. Allein der letzte und ärmste englische Arbeiter genießt als Staatsbürger mehr Rechte als Lord Rothschild. Wenn der ärmste Arbeiter die Grenzen des britischen Reiches verläßt, trägt er mit sich einen Teil der Macht der britischen Majestät. er wird überall als britischer Staatsangehöriger für unantastbar angesehen, denn hinter ihm steht zu seinem Schutze die gesamte britische Staatsmacht. Lord Rothschild dagegen ist ein minderwertiger Engländer, sein britisches Bürgertum hat nicht in gleichem Maße Geltung. Die Grenzen Rußlands darf er nicht beschreiten. Frankreich ist eine Republik mit der Devise Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; in der französischen Regierung sitzt, dermalen ein Jude als Finanzminister. Dennoch ist der französische Jude ein minderwertiger Franzose und die französische Macht schützt ihn nicht, wenn er die Grenzen Rußlands überschreitet,. Die Schmach besteht aber weniger darin, daß die russische Reaktion gegen französische und englische Juden ein solches Vorgehen wagt, die Schmach besteht vielmehr wesentlich darin, daß die französischen und englischen Juden sich diese Erniedrigung gefallen lassen, schweigend ohne Protest hinnehmen. Sobald die Kunde von dem Vorgehen des amerikanischen Judentums nach Paris und London gelangt, wird unseren Brüdern in jenen Ländern die Erkenntnis aufgehen, daß sie nicht bloß minderwertige Engländer und minderwertige Franzosen sind, sondern auch minderwertige Juden. Durch ihre Passivität vergehen sie sich schwer gegen die Ehre des Judentums. Darum zweifle ich nicht, daß früher oder später englische und französische Juden Ihrem Beispiele folgen und alle Kraft aufbieten werden, ihre Regierungen zu gleichem Vorgehen wie Amerika zu drängen. Geschieht das einmal, dann werden auch Deutschland und Oesterreich diese Schritte unterstützen und die Stunde der Erlösung wird auch für das verfolgte, mißhandelte russische Judentum geschlagen haben. Wir in Europa sind vielleicht besser als eingeborene Amerikaner in der Lage, Begleiterscheinungen des großen Ereignisses zu werten. Der Vertragskündigung ging selbstverständlich eine lange, kraftvolle und aufregende Agitation in allen Teilen der Vereinigten Staaten voraus. Die nachdrücklichsten und schärfsten Kundgebungen zugunsten einer Lösung des Verhältnisses zu Rußland kamen von christlichen Amerikanerin; die Manifestationen sn der Presse von christlichen Schriftstellern und Politikern. die Reden in den Versammlungen hielten. Christliche Geistliche, 500 an der Zahl, beschlossen in einer eigenen Versammlüng, das Vorgehen Rußlands gegen die Juden zu verdammen und die amerikanische Regierung aufzufordern, den Vertrag mit Rußland zu lösen. Und daß der Sprecher des Kongresses für die Dauer der Verhandlungen über die Vertragskündigung den Vorsitz dem jüdischen Abgeordneten Goldfogle übertragen hat, war ein solch feinsinniger, großartiger Zug, den der spätere Geschichtsschreiber zu notieren nicht verabsäumen wird. Ebenso daß Präsident Taft die Feder, mit welcher er die Kündigung des russischen Vertrages unterschrieben, dem Orden B. B. zur Erinnerung übermittelte. Amerika bildet schon heute das Zentrum des jüdischen Volkes und wird es mit jedem Jahr immer mehr und mehr. Die geistige und politische Führung des jüdischen Volkes wunderte im Laufe der Geschichte von Palästina nach Babylon, von Babylon nach Spanien und Deutschland, dann nach Polen: in den Anfängen des 19. Jahrhunderts nach Frankreich und nunmehr ist es das Judentum Amerikas, welches die Führung der jüdischen Geschicke übernommen und mit einer Tat eingeleitet hat, von deren Gewalt die flammende Röte auf dem Gesicht unseres Erzfeindes Kunde bietet. In einem Vortrag, welchen der große Historiker Heinrich Grätz 1885 in London gehalten, sprach er das prophetische Wort: „Das jüdische Volk wird einst in Amerika aufblühen, in dem Lande der Freiheit und Gleichheit. Ein großes mächtiges Judentum wird erstehen in Amerika in dem 20. Jahrhundert." Diese Prophezeiung des großen Historikers beginnt sich zu erfüllen. Ger»eralversam«U«ng der Israelitische« Allia«;. Die zum zweitenmale einberufene diesjährige Generalversammlung fand Montag, den 3. ds.. 5 Uhr nachmittags. im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde. I., Seitenstettengasfe 4. statt. Unter den Anwesenden befanden sich die Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Feuchtwang, Rabbiner Dr. Taglicht, zahlreiche Mitglieder des Kultusvorstandes und fast sämtliche in Wien anwesenden Vorstandsmitglieder der Israelitischen Allianz. Der erste Vizepräsident. Herr Dr. Alfred Stern, begrüßt die erschienenen Mitglieder, konstatiert die rechtzeitige Ausschreibung der Generalversammlung in der „Wiener Zeitung" und die Beschlußfähigkeit. Ueber Antrag des Herrn Dr. I. S. Bloch wird von der Verlesung des umfangreichen Jahresberichtes, der seit länger als zwei Wochen in den Händen der Mitglieder ist, und von dessen Inhalt fast alle jüdischen Blätter bereits Auszüge gebracht haben, Abstand genommen. Herr »Professor Antscherl gibt im Namen zahlreicher Mitglieder der Freude und dem Dank darüber Ausdruck, daß die Leitung des Vereines auf erziehlichem Gebiete in Galizien, in Rumänien und Palästina, wie auch zur Unterstützung der verfolgten Glaubensgenossen eine so umfassende und ersprießliche Wirksamkeit entfaltet. wie sie in Wort und Bild im inhaltsreichen Jahresbericht dargestellt ist. Er sei auch vom greisen Rabbiner Dr. Schmiedl, dem es leider n'cht möglich ist, selbst in die Versammlung zu kommen, ersucht worden, auf das segensreiche Wirken des Vereines hinzuweifen. Er stellt den Antrag, daß anläßlich des bevorstehenden vierzigjährigen Jubiläums des Vereins der nächste Iah-

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