Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 374 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 83 man in Tirol wünscht, daß wir tn andere Kronländer ziehen sollen oder ins Ausland, und dann wird es wohl bald zu vermeiden sein, daß sich in einem Tiroler Ort die von Annoncen hereingelockten, dann gefährdeten Juden ansiedeln. __ Ci« Kesrrch beim Uew-Uorker Judentum. Zweiter Vortrag, gehatten in der Plenarversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus am 2. Mai 1912 von Dr. Josef S. Bloch. (Schluß.) Der radikalste der Reformrabbinen, aber eine der hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas überhaupt, ist der Begründer der „Freien Synagoge", der geniale Dr. Stephen S. Mise, der Sohn eines längst Heimgegangenen Newyorker Rabbiners, mit dem ich in freundschaftlichem Verkehr stand und dem ich ein ehrendes Andenken bewahre. Dr. Stephen Wife ist ein Redner von bezwingender Gewalt, der durch die Macht seines Wortes und den Zauber seiner Persönlichkeit einen starken Einfluß sowohl auf die breiten Massen als auch auf die Führer der politischen Parteien ausübt. Besonders groß ist sein Anhang in der jüdischen Frauenwelt, wovon ich mich persönlich überzeugen konnte. Wichtiger als alle Predigten ist ihm aber das soziale Hilfswerk, das er gegründet und für welches ihm von allen Seiten die reichsten Mittel Zuströmen. Er bemüht sich um die Volksbelehrung durch regelmäßige Vorträge und Erhaltung der Toynbeehallen. Seiner Gemeinde kann jeder als Mitglied angehören, ohne einen Cent zu zahlen, doch gibt er jährlich mehr als 100,000 Dollar für soziale Wohlfahrt aus. Sonntag vormittag Halt die „Freisynagoge" in „Carnegie Hall" Gottesdienst. Ich habe auch diesen mir angesehen. Zuerst ein Konzert, Partien aus „Tannhäuser", „Lohengrin" und „Parzival" kamen zum Vortrag. Dann sang der Chor Schema Israel in hebräischer Sprache. Es folgt ein stllles Gebet der Gemeinde, worauf der Chor Kodausch, Kodausch sang. Rach der Predigt kam Olenu und das Kadisch, beides in englischer Sprache, wobei die ganze Versammlung aufstand und in Andacht zuhörte. Eine seiner Predigten hatte das Thema zum Inhalt: „Die gottlose Kirche und her kirchenlose Gott". Der Redner führte aus, daß man Religion und Kirche streng auseinanderhalten müsse, die Begriffe decken sich nicht und streiten oft gegeneinander. Er belegte die These durch Beispiele aus der Geschichte. Wo irgend in der Geschichte der Menschheit ein religiöses Genie entstand, kam es in Konflikt mit der organisierten Kirche und Synagoge, und wurde verdammt. Savanarola, Spinozza. Jeder menschliche Fortschritt, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Gesittung, hat immer zunächst gegen die Mächte der Kirche zu ringen und' muß sich gegen ihre Gewalten durchsetzen. Die wahre Religiösität ist außerhalb der Kirche und ihres Machtbereiches, wo Gott im Geiste, nicht getrübt durchs Reste von Aberglauben und Fettschismus, angebetet wird. Freitag abend hält Dr. Stephen Wise auf der Ostseite in „Clinton Hall" Versammlung, welche eine Art Gottesdienst bildet: neben englischen Liedern singt man auch Lecho däudi. Montag abend und Mittwoch abend finden ebenfalls Vorträge statt, wo man häufig Dr. Richard G dt teil und Dr. Emil Hirsch aus Chicago am Vortragstisch sieht. Für den Europäer ist es schwer, einem Manne, wie Dr. Stephen Wise gegenüber den richtigen Standpunkt zu gewinnen und seiner Persönlichkeit gerecht zu werden. ViMeicht gewinnt Man ein richtiges Urteil, wenn man sich jener Erzesse erinnert, welche vor Jahren die aus Rußland eingewanderten jüdischen Sozialdemokraten in den Straßen der Ostseite von Newyork am Jom Kippur zu inszenieren pflegten. Sie veranstalteten Bälle und Belustigungsspiele gerade gegenüber den Synagogen und Bethäusern, in welchen die anderen Juden an diesem hohen Fast- und Bußetag Gottesdienst hielten. Es kam zu Zusammenstößen und Ausschreitungen und die Newyorker Polizei hätte an diesem Tage immer schwere Arbeit. Dr. Stephen Wise hat auch diese Elemente an sich gezogen, sie bilden einen Teil der Garde seiner „freien Synagoge": Mit einer höheren Gesittung hat er ihnen auch die Erkenntnis von dem Wesen der Toleranz eröffnet und sie gelehrt, fremde Ueberzeugungen zu respektieren und das, was einem anderen heilig ist, zu achten. Dr. Stephen Wise besuchte mich und überbrachte mir die dringende Einladung, in „Clinton Hall" bei einer seiner Versammlungen einen Vortrag zu halten. Nachdem ich bereits in zwei hochorthodoren Synagogen gesprochen, glaubte ich auch der Einladung von dieser Seite keine Absage geben zu dürfen. Das Thema, worüber ich sprach, war „Die Religion der Propheten als Zukunftsreligion der Menschheit". Der Inhalt in kurzen Worten zusammengefaßl, brachte folgenden Gedanken zum Ausdruck: Die Religion, welche die Propheten gelehrt haben, war keine Religion der Theologen, auch nicht eine Religion der Philosophen oder der Mystiker. Es war ausschließlich in dem eigentlichen Sinne eine soziale Religion, welche die Propheten mit flammender Begeisterung verkündet haben. Sie sprachen geringschätzend über Fasten und Opfer und über Lippengottesdienst. Der einzige Kultus, den sie anerkannten, war soziale Pflichterfüllung. Wenn man die Geistesströmungen bei den fortgeschrittenen Völkern Europas genau beobachtet, dann drängt sich die Wahrnehmung mit unwiderstehlicher Gewalt auf, daß die religiöse Entwicklung der Völker die Richtung nimmt, welche zur Religion der alt-hebräischen Pro^ pheten zurückleitet. Allerdings in den oberen politischen Kreisen, welche auf ihre Machterhältung bedacht sind, werden noch immer die alten Formen der Frömmigkeit genau befolgt: wenn man die großen Nationen nach ihren Spitzen und politischen Führern beurteilen müßte, dann möchte man glauben, alles sei noch klerikal, konservativ und reaktionär, als lebten wir im Mittelalter. Man erinnert sich an eine lustige amerikanische Anekdote: Ein christlicher Missionär sollte in einer Gesellschaft von Niggers eine.Predigt halten. Der Häuptling führte den Geistlichen lein und sagte von ihm, er sei ein gelehrter Mann, er sei auch ein gutherziger Mann und meine es ehrlich. Man solle sich nicht abschrecken lassen von seiner Gesichtsfarbe: „Nur die Haut ist weiß, im Innern ist er so schwarz wie wir alle," Mit den europäischen Völkern geht es nicht anders : Nur von oben und von außen sind sie schwarz angestrichen, im Innern ist bereits alles weiß. Sonntag den 10. Januar war ich Ehrengast der vornehmsten jüdischen Organisation Newyorks, der „Judaeans" im Hotel A st o r. Die „Judäeans" tragen einen aristokratischen Charakter. Die Mitglieder sind Söhne von Emigrantenfamilien, die bereits im vorigen Jahrhundert in den 50er und 60er Jahren, vielleicht etwas früher, aus Deutschland eingewandert sind. An der Spitze der Gesellschaft steht als Präsident Dr. Henri Leipziger, welcher auch in der Verwaltung des städtischen Schulwesens, insbesondere der höheren und Mittelschulen, ein entscheidendes Wort zu reden hat. Ich wurde wurde vom Richter S. Lachmann in englischer Sprache begrübt, worauf Dr. Jsak Moses über meine wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten deutsch sprach, diese zum Teil würdigte, zum Teil auch kritisierte. Herr Da-