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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-05-31 · 22 (31.5.1912) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 360 Dr. Blochs MoWnfchM Nr. 33 ihre künftige Grütze erreichen. Mutz doch schon heute fast alle Feldarbeit, Erdarbeit, Bauarbeit, Bahn- und Tunnelbau, Hausierhandel von jenen geleistet werden, welche das Gesetz ausschlietzen will, und man fragt mit Recht, wer in die Caissons hinabsteigen oder auf die Gerüste der Wokenkratzer hinauflklettern würde, wenn nicht die vielgeschmähten Italiener, Ruthenen, Polen. Die amerikanische Frau ist die Gegnerin des Gesetzes nicht etwa nur aus angeborener größerer Gemütsweichheit, sondern weil die Dienstbotenfrage dann schon gar nicht mehr zu lösen wäre, wenn die Kroatin, Slovakin, Ruthenin ausgeschlossen wird. So weitz man nicht, ob diese neuen Bills unmenschlicher oder unpraktischer sind, denn sie schließen die nützlichen Ankömmlinge aus und öffnen dem gefährlichen, dem gebildeten Proletarier oder Deklassierten, in dem sich die Organisatoren des Umsturzes für die Ungebildeten finden, Tür und Tor. Eine Moral¬ und Charakterprüfung, die natürlich unmöglich ist, aber keine Bildungsprüfung wäre notwendig. Mit Recht hebt Nagel hervor, wie groß die Heuchelei sei, zu behaupten, daß die neuen Bills unassimilierbare Elemente ausschlietzen werdendenn wer wird sich leichter assimilieren, das Kind eines ruthenischen Minenarbeiters, das in die amerikanische Volksschule geht, oder ein berühmter Schriftsteller einer Kulturnation? Wir wollen nicht behaupten, daß das Beispiel, welches Frl. Professor Emilie Green Balch, eine berühmte Nationalökonominund gelehrte Forscherin der slavischen Einwanderung, anführt, typisch ist, daß nämlich ihr junger Universitätsassistent der Sohn Zeines analphabetischen ruthenischen Bergarbeiters ist, aber charakteristisch ist es. Mit Recht wurde im Parlament gesagt, daß wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast alle großen amerikanischen Millionäre, Staatsmänner, Generäle aus den Söhnen eingewanderter Farmer hervorgingen, so in den letzten vierzig Jahren aus den Söhnen eingewanderter Fabriksarbeiter, und in den Nachkommen der jetzigen Einwanderer ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten liegen, wenn man die eminente Begabung in Betracht zieht, welche in den untersten russischen und italienischen Volksschichten schlummert, denen aber in der Heimat jede Vildungs- und Entf Wicklungsmöglichkeit mangelt. Bei dem großartigen Volksschulwesen Amerikas ist es kein Wunder, wenn der Eingeborene sich dies gar nicht vorstellen kann, aber jeder, der mit russischen oder sizilianischen Bauern verkehrt hat, wird dies bestätigen. . Die Vorkämpfer der Bill stützten sich auf angebliche statistische Ergebnisse der Einwanderungskommission, deren Stimmen aber über die Frage der Einwanderungsbeschränkung sehr geteilt waren. Professor H. Parker Willis, der Herausgeber der 40 Bücher der Berichte dieser Kommission, hat die Ehrlichkeit, einzugestehen, daß die darin geleistete Arbeit ziemlich wertlos ist, da das enorme Zahlenmaterial „ganz unverdaut und Mbearbeitet dem Leser vorgeführt werde", was dem Mangel an geschulten.Hilfskräften zuzuschreiben ist. Es bleibt die Frage offen, wie weit die Einbringer der Bill diese 40 Bände durchstudiert haben, aus deren Daten Schlußfolgerungen zu ziehen, selbst der Herausgeber nicht wagt. Unanfechtbar bleibt aber folgende kleine Statistik, daß, obwohl die Zahl der Einwohner der Republik von 1860 bis 1910 von 31V2 Millionen auf 90 Millionen gestiegen, 1860 13,2 0/0, 1910 13,7 °/o der Bewohner nicht in Amerika geboren waren, daß also die relative Zahl der Einwanderer ziemlich gleich blieb, nur Nationalität, Farbe und Glaube wechselte. Wir lassen jetzt die Nationen folgen, die perzentuell am meisten von dem Analphabetengesetz getroffen wären. Portugiesen <68,2), Italiener und Türken (59,2), Mexikaner (57,4), Ruthenen (53,4), Syrer (53,2), Lithauer (48,9), Dab matiner (46), Serben (41,7), Kroaten (36), Russen (38), Rumänen (35), Polen (35). Wie man sieht, sind mehrere unserer österreichischen Volksstämme sehr stärk betroffen, während das Gesetz nicht die trifft, die es auch gerne mit treffen möchte, die Chinesen, Juden, Armenier, die in großen Massen kommen, aber fast nie Analphabeten sind, während Syrer, Türken nur relativ wenig kommen, die Portugiesen als Farmer höchst erwünscht und notwendig sind. Wir heben noch hervor, daß obige enorme .Prozente sich auf das Nichtlesen- und schreibenkönnen überhaupt beziehen: soll aber das neue Gesetz gehandhabt werden, so werden jedem Einwanderer 25 Zeilen der amerikanischen Verfassungsurkunde in seiner jeweiligen Muttersprache (Jiddisch, Hebräisch als solche zugelassen) zum Vorlesen vorgelegt und zum Nachschreiben diktiert werden. (Es fragt sich, wie viel österreichische Universitätsprofessoren unsere Verfassungsurkunde gelesen haben.) Die dem Laien vielfach unverständlichen Ausdrücke und Wendungen, die er zum erstenmal hört, werden, wie alle Einsichtigen glauben, bewirken, daß Mindere Kulturvölker überhaupt durchfliegen werden, also die Prozente von 50 auf 100 anwachsen, besonders wenn man die entsetzliche Aufregung der Geprüften, für die es sich um Sein und Nichtsein handelt, und das.Uebelwollen der Prüfer hinzurechnet. Bei der dialektischen Schulung des Judentums und Chinesentums wird man wahrscheinlich diesen am wenigsten anhaben können, nicht zum Vergnügen der Einwanderungsbehörde, Der zweite sehr grausame Paragraph gestattet wohl den über 55 Jahre alten Eltern oder Grotzeltern, der ledigen oder verwitweten Tochter oder dem Knaben unter 16 Jahren desjenigen, der die Prüfung bestanden hat, Amerika zu betreten, er mag Analphabet sein oder nicht, schließt aber den analphäbetischen Sohn über 16 Jahre aus, würde also Familien aufs grausamste trennen. Dieser Paragraph ist für Juden gefährlich, da bei dem heutigen Zustande in Rußland die jüngste ' Generation osp'keinen Schulunterricht genießen kann und gerade dies ein Motiv zur Auswanderung der Eltern ist. Stets ausgenommen wird die analphabetische Gattin, weil man nicht zu behaupten wagt, daß diese ihre physischen oder psychischen Mutierpflichten weniger gut erfüllt, als der gelehrteste Blaustrumpf. Wie viel künftige Mütter großer Männer, wie schon gesagt, werden aber durch die Rückweisung alleinstehender analphabetischer Mädchen, aus denen sich auch der größte Teil der Dienstbotenklasse rekrutiert, ausgeschlossen? Der Paragraph, der die Mitbringungssumme (jetzt 25 Dollars) erhöht, wird weniger gefährlich werden, denn die Faktoren, welche den Einwanderern bisher 25 Dollars zu verschaffen wußten, werden auch mehr milgeben, wohl erhöht dies aber die Schuldenlast des Einwanderers, macht ihn später wirtschaftlich weniger aktiv, als jetzt, schädigt also die Gesamtheit. Geradezu unerhört ist aber der letzte Paragraph der Bill, welche Amerika auf das Europa vor 48 und das gegenwärtige Rußland zurückschrauben will, indem es einen komplizierten Paßzwang und Einwanderungsattest einführen will, ja den Eingewanderten eine zeitweilige Rückreise in die Heimat nur mit großen Schwierigkeiten gestattet, sie also zu Bürgern letzter Klasse degradiert. Obwohl wir die Absicht der Bill, Verbrecher, flüchtige Schuldner, politische Agitatoren fern zu halten, nicht verkennen, könnte besonders bei strenger bureaukratischer Handhabung hüben und drüben, wozu jeder Vureaukratismus neigt, die Einwanderung überhaupt gesperrt werden und damit Amerika aufhören, Amerika zu sein, wobei nur Kanada und Argentinien, nicht die Republik ihren Profit fänden. „Ich kümmere mich beim Auswanderer Mehr um den gesunden Körper, den gesunden Geist und den aufrichtigen Blick, die Fähigkeit und Willigkeit, zu arbeiten, als um seine Bildung", sagt wieder Charles Nagel, wobei er

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