Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. jJS Dr. Blochs Wschenfchrift höriger des Judentums für die ihm dargebrachte Huldigung nnd fügte die Bemerkung hinzu, daß das Geschick öder Mißgeschick des Judentums stets je gewesen sei, dem Ueberschwang als Objekt zu verfallen, dem überschwänglichen Tadel von der einen Seite, und dem überschwänglichen Lobe von der anderen. Beides ist wenig zuträglich. (Bei diesen Ausführungen des Redners kam mir der Vers Heinrich Heines in Erinnerung: „Sie haben mich gcqaäiet. Geärgert blau und bla>), Die Emen mit ihrer Liebe, Die Andern mit ihren Haß".) Wir find aber nur Menschen, wie alle anderen, wir haben in unserer Mitte begabte und unbegabte Männer, große und kleine, gute und schlechte. Dr. Silvermann weigerte sich gegenüber dem Vortragenden, getaufte Juden als Angehörige des Judentums anzusehen und sagte endlich: „Die Begriffe und Gesetze der Moral seien allen Konfessionen gemeinsam, über das, was gut ist und edel, darüber sind alle eines Sinnes, was sie auseinanderhält, in Parteien und Sondergruppen spaltet, das sind Meinungsverschiedenheiten der Theologen. Die Menschheit überläßt es den Theologen, ihre Differenzen miteinander auszutragen, schreitet unbehindert davon die Bahn der Freiheit und des Fortschrittes, welche die Völker zur sittlichen Höhe und zur Verbrüderung führt. Als hervorragender Apostel dieser Völkerverbrüderung habe der Vortragende des Abends Anspruch auf den Dank aller Menschenfreunde." Mit einer herzlichen Ansprache schloß sodann der Pastor der Kirche die Versammlung. Aber auch die katholische Kirche kann sich dem Einfluß der amerikanischen Atmosphäre nicht vollständig entziehen. Es war gerade während meiner Anwesenheit, daß der Erzbischof von Newyork, Farley, von einer Romreise heimkehrte. Er wurde vom Papst zum Cardinal ernannt und mußte zu dieser Feierlichkeit persönlich nach Rom reisen. Bei seiner Heimkehr bereiteren ihm die Katholiken Newyorks außerordentliche Ovationen. Die Häuser der Katholiken waren beflaggt, es geleiteten ihn im Triumph Tausende und Tausende von Verehrern durch alle Straßen. Es fanden große Huldigungsversammlungen statt und schließlich ein großartiges Bankett, an welchem die vornehmsten und angesehensten Katholiken Newyorks, die hervorragendsten katholischen Geistlichen teilgenommen. Aber auch der Rabbi vom Emanuel-Tempel, Dr. Silvermann, war zu dem Bankett geladen. Vor Beginn des Speisens lud der Kardinal Rabbi Dr. Silvermann ein, das — erste Tischgebet zu sprechen. Die ganze Versammlung erhob sich, Rabbi Dr. Silvermann sprach das Gebet! _ (Fortsetzung folgt.) Jer Kampf für die Giriwanderrrngsfreiheit in Amerika. Während kleinlicher Nationalitäten- und Parteihader unsere beiden Parlamente durchtobt, zieht sich über Hunderllausende österreichischer Staatsbürger der verschiedensten /Rassen und Nationalitäten ein Ungewitier zusammen, das sich bald zu entleeren droht, ohne daß Presse, Parlament und Behörde dieser Weltfrage eine gehörige Aufmerksamkeit schenken, obwohl die Rückwirkung dieser Bewegung sich aufs Empfindlichste in beiden gegenwärtig hadernden Reichshälften bemerkbar machen wirb und nicht abzusehen ist, wohin dumpfbrütende Polkskräfte sich entladen werden, wenn ihnen das wohltätige Ventil der Auswanderung gesperrt wird. Es ist uns nicht bekannt, aber wir wollen hoffen, daß unser Arbeits- und Handelsministerium, die ja in letzterer Zeit sich intensiver mit dem Problem der Auswan- Seite 359 derung beschäftigen, der Frage ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden und ihr Möglichstes zur Abwehr beitragen werden, sollte nicht fede Intervention schon viel zu spät sein. Es ist ein verdienstliches Werk von Dr. Mar Köhler, seines berühmten Vaters würdiger Sohn, Ehrendoktor der Newyorker Universität und Mitglied der von dem Unionsverband aller Wohltätigkeils- und Besserungsanstalten begründeten Einwanderungsschutzgesellschaft (Präsident und Rektor der Hawarduniversität), daß er sich an die Spitze der Bewegung gegen die vom Senat angenommene Dillingham- und die dem Repräsentantenhaus vorliegende Burnett-Bill ge-, stellt und alle Stimmen, die sich gegen diese Bill erheben, gesammelt hat. Daß auch die beiden gegenwärtigen amerikanischen Kardrnäle Farley von Newyork und Gibbons von Baltimore an der Spitze der Opponenten stehen, ist nur natürlich, denn der Bewegung liegt neben den radikalwirtschaftlichen Motiven im letzten Grunde antikatholvsches und antilateinisch-slavisches Puritanertum zugrunde, aber es freut uns in einem Momente, wo die Mehrzahl des Senats antidemokratisch, antiamerikanisch gedacht und gehandelt hat, sie neben Männern wie der Unterstaatssekretär Charl. Nagel des Handelsministeriums (oberste Behörde in Einwanderungssachen), die Abgeordn. Bennet (Newyork), O'Connell (Massachusets), die Rektoren fast sämtlicher amerikanischer Universitäten, die Senatoren James O'Gorman und James Martine unter den Gegnern der Bills zu sehen. Tiefergreifend war des letzteren Rede im Senat, in der er sagte, daß die Mutter, aus deren Busen er die Milch des Freiheilssinnes und der Gerechtigkeit gesogen, unter dem neuen Gesetz nicht hätte einwandern können, denn sie war eines jener bretonischen Dienstmädchen, die, ohne lesen und schreiben zu können, in die neue Welt wandern. Daß alle jüdischen Abgeordneten und Celebritäten sich gegen das Gesetz stellen, ist natürlich, obwohl die jüdische Einwanderung von demselben am allerwenigsten getroffen wird; ist es doch eine uns angeborene Eigenschaft, der Unterdrückten gegen die Unterdrücker uns anzunehmen. Aber außer diesem strengen Gerechtigkeitsgefühl spielt bei der Entrüstung der jüdischen Amerikaner bewußt oder unbewußt das Gefühl mit. daß, wo einmal nationale und wirtschaftliche Ausnahmegesetze geschaffen sind, mögen sie sich auch gegen wen immer richten, das Judentum bald an den Wurzeln seiner Eristenz gefährdet ist. Der Schrei nach Beschränkung der Einwanderung ist nicht neu, ist nur um 10 Jahre jünger als die Republik. Es ist nun interessant, daß die „alten" Einwanderer sich immer gegen die neuen gewendet haben und sie jedesmal für das Unglück und den Ruin der Vereinigten Staaten erklärt haben, die an diesen Elementen zugrunde gehen müssen. So wurde die französische Emigration aller Parteien während der französischen Revolution, der Masfenzuzug der Deutschen nach dem Jahre 1848, die Ireneinwanderung in den Fenierunruhen, die Iudeneinwanderung der 90er Jahre öffentlich in Presse und Parlament als Weltuntergang für die Republik erklärt, wobei es der „Ironie nicht ermangelt, daß heute schon das Rückwandern des Deutschtums und Irländertums. als Folge des Krieges von 1870 und der guten englischen Verwaltung in Irland in den letzten 20 Jahren als ebensolche Kalamität empfunden wird und man anfängt, sich schlecht und recht mit der jüdischen Einwanderung abzufinden. So sagen denn große Staatsmänner in beiden Parlamentshäusern, daß sie überzeugt sind, daß die Zeit kommen wird, wo man die italienische, ruthenische, polnische. ungarisch-kroatische Einwanderung ebenso als Wohltat empfinden wird, ohne welche die Staaten nicht