Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite 353 Kutiua (Kroatien). Zu einer wahrhaft erhebenden Feier gestaltete sich die Grundsteinlegung zu einem neuen Temvelgedäude in unserer Gemeinde. Es waren hierzu erschienen: König!. Bezirksvorstand Matija Vrkljan, Bürgermeister Gustav Levak mit nahezu allen Beamten der hiesigen Behörden, sämtliche Mitglieder der Kultusgemeinde, darunter auch viele Damen. Am Eingänge des mit Blattpflanzen geschmückten Festplatzes begrüßte der KultuSprases Dr. Jos. Krev die erschienenen Festgäste mit einer herzlichen Ansprache, gab seiner Freude beredten Ausdruck, daß es nun der Gemeinde gegönnt ist — dank der Opferwilligkeit ihrer Mitglieder — einen lai gelsehnten Wunsch der Erfüllung nähergebracht zu sehen, dankte mit warmfühlenden Worten dem königl. Bezirksvorstand für sein Erscheinen, indem er hervorhob, daß dieser damit das schon wiederholt bekundete Interesse für unsere Gemeinde und deren Institutionen aufs neue dokumentiere, er sprach gleichzeitig die Bitte aus, den Dank der Gemeinde an die hohe königliche kroatische Landesregierung für die munifizente Spende, mit der sie den Bau ermöglichte, zu übermitteln. Nach der vom Bezirks- Rabbiner M. Tauber vorgenommcnen religiösen Weihe hielt der königl. Bezirksvorstand eine von allen Festteilnehmern mit Begeisterung aufgenommene Ansprache, worin er den altbewährten Patriotismus, der uns Juden auszeichnet, hervorhob und versprach, auch fernerhin unsere der Gesamtheit dienenden Bestrebungen nach besten Kräften fördern zu helfen. Mit der Unterfertigung der Bau-Urkunde und üblichen Hammerschlägen endete diese schöne Feier. Besonderer Dank gebührt dem Herrn königl. Bezirks-Arzt Dr. N. Polizer, der an der Spitze des Tenpelbau-Komitees steht, wie auch dem Kassaverwalter Herrn S. Goldschmidt, die mit ihrer unermüdlichen Tätigkeit den Tempelbau förderten. zfeuMeton. Da« Obdachlosen- «nd Altersversorgungsheim der indische« Kchnhgesrllschast in Philadelphia. Nur drei Bahnstunden trennen die stolze Metropole der westlichen Welt von der Stadt Wilhelm Penns, von der die Freiheit der modernen Menschheit ausging, und doch sind beide Städte im Aeußern und Wesen grundverschieden. Dieses Rom von Amerika, in dem der Staub derjenigen ruht, welche 'die Union geschaffen, hat noch immer Änklänge an das Holland, Frankreich und Alt- England des 17. Jahrhunderts, von denen die ersten Ansiedler kamen. Bei aller vornehmen Ruhe steht der Einwohner von Philadelphia keinem anderen an Geschäftsgeist nach, und so sind hier neben der ursprünglichen Quäkerbevölkerung besonders aus der katholischfranzösischen und schottischen-püritanischen Einwanderung enorme Vermögen, aber ebenso grobartige Wohltätigkeitsanstalten entstanden, wir erinnern nur an die Carnegie-Bibliotheken und an das grobartigste Waisenhaus der Welt, das Girard-College, die Stiftung eines Franzosen. Aber „die Heimstadt", so in Amerika benannt, weil sie nicht nur das Heim der Freiheit war, sondern weil in ihr nur viereinhalb Einwohner auf ein Haus kommen, in einer Stadt von fast der Einwohnerzahl Wiens ein unerhört günstiges Verhältnis, hat sich schon lange für die Juden als ein echtes Heim erwiesen, und nirgends fühlten sie sich vielleicht in Amerika wohler» und wahlverwandter mit den Einwohnern als hier, wo das Quäkertum mit seiner nüchternen, sparsamen, auf streng religiöser und friedfertiger Basis aufgestellten Lebensführung, daneben für öffentliche Wohlfahrt, Hygiene, Stadtpflege und geistige Kultur das Größte leistete, so daß Philadelphia, die Stadt des schönsten Parkes der Welt, nach dem Arteil-des Städtebaureformers Rehhorst die einzige Stadt der Gegenwart ist, die seine idealen Zukunftsforderungen für den Städtebau erfüllt, wobei das Merkwürdigste bleibt, dab die moderne Stadt trotz ihres Riesenhandsls genau nach den Plänen und Grundsätzen ihres Begründers, William Penns, weitergebaut werden konnte, der schon, als er die kleine Besiedlung den Indianern abkaufte, hier den Plan für die künftige geistige Metropole Amerikas legte. Anter diesen, wegen ihres Glaubens Verfolgten fühlten sich die Juden seit zweihundert Jahren besonders wohl, und in vielen der vornehmen Straßen, echten Qualitystreets wie in Holland und England, deren Namen sogar auch an die alte Heimat erinnern, in jenen eleganten, kleinen, peinlich sauberen, ein- oder zweistöckigen Häusern, mit vier Fenstern Front, grünen Jalousien und einladenden Marmorstufen und Marmorportalen wohnen still und ruhig Kaufherren und Fabrikanten jüdischen Glaubens, sÄr die religiöse Erbauung, Musik und der Besuch der zahlreichen populären Universitätsoorträge, hie und da ein Ball zu wohltätigen Zwecken ebenso eine friedliche Abwechflung bot, wie ihren Mitbürgern. Im äußeren Stadtbild machte sich das Judentum nur durch einen Bau bemerkbar. Wie Philadelphia die erste Stadt für monumentale Kirchenbauten ist, von denen einige noch aus der englischen Zeit, genaue Kopien von alt-eng)» lischen und französischen Heimatskirchen sind, will das Judentum nicht zurückstehen und hat in seiner Maurischen Synagoge eine aus dem Städtebild wohl herausfallende, aber gerade darum doppelt malerische Zierde der Stadt, wohl den schönsten amerikanischen Tempel, geschaffen. In der Nähe Philadelphias lag auch der alte (d. h. nach amerikanischen Begriffen alte) Judenfriedhof, dem Longefellow eines seiner rührendsten Gedichte gewidmet hat, worin der Dichter, der für die religiös Verfolgten aller Konfessionen und ihre Aufnahme in seinem Vaterlande unsterbliche Töne gefunden hat, den Schmerz des Judentums so schön ausspricht, daß ein Satz der Elegie, in hebräischer Sprache übersetzt, das Motto der Hachnosas Qrchim von Philadelphia geworden ist. Diese Vereinigung bestand zwar nach jüdischer Tradition seit dem Aufenthalt von Juden in Pennsylvanien, führte aber meist ein beschauliches Dasein, aus dem sie erst die russischen Stürme, die in den neunziger Jahren ihre Wellen bis Philadelphia warfen, unsanft aufrüttelte. Es ist nicht zu verkennen, daß der jüdische Bürger von Philadelphia sich auch nebst anderen Bürgertugenden die Geringschätzung angeeignet hatte, mit der dieser amerikanische Patrizier auf andere Städter herabsieht. Wie konnte er nun von dem Zuzug erbaut sein, der ihm auf einmal aus dem fernsten Osten zukam, besonders da es gewöhnlich die allerärmsten, allererwerbsunfähigsten. allerunzivilisiertesten Einwanderer waren, mit denen man in Rewyork gar nichts anfangen konnte, und welche den letzten Rest ihrer Habe dort aufgezehrt hatten, welche buchstäblich pfenniglos nach Philadelphia abgeschoben wurden. Entzücken , war die letzte Empfindung der Philadelphiaer Judenschaft, glaubte sie doch selbst, jetzt moralisch ihre Bürgerrechte in der Quäkerstadt zu verlieren. Aber siehe! Die Philadelphiaer jüdische Dame zeigte sich ihrer Mitschwester. bei deren Teetischen im 18. Jahrhundert bekanntlich die erste Unabhängigkeitserklärung beschworen wurde, und deren eine das erste Sternenbanner erfuüden und gestickt hatte, voll gewachsen. Während die Männerwelt spröde zögerte, arrangierten vor 22 Jahren die jüdischen Frauen das erste Massenmeeting, den ersten Wohltätigkeitsball zur Errichtung eines Asyls für die Ankömmlinge. Der Erfolg war so durchschlagend, — kein Wunder, wenn man diese schönen Damen von damals selbst heute als gereifte Matronen sieht —, daß man zunächst eine jener oben beschriebenen Häuser der Lombardstreet, eine der vornehmen Straßen der Altstadt, die vom Hafen ins Zentrum führt, als Asylhaus mieten und schon durch die sofort erfolgte Vereinsgründung und den nächstjährigen Ball 1891 in derselben Straße ein Haus kaufen konnte, worauf 1901 die Erwerbung des Rebenhauses folgte. Dort wurden Einwanderer und momentan Erwerbslose vollständig kostenlos mit Wohnung und Nahrung versehen und das Möglichste und Unmöglichste versucht, sie erwerbsfähig zu