Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022003--21171-3046250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 350 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 21 Die ersten Anfänge der Industrialisierung Galiziens, viele kommunale Verbesserungen, als: die Wasserleitung, die elektrische Straßenbahn, die elektrische Beleuchtung, verdanken seinem Einflüsse bei der Gal. Hypothekenbank ihren finanziellen Beginn. Deshalb erwies ihm auch der Magistrat ein Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung durch Beleuchtung des ganzen Straßenzuges auf seinem letzten Wege zur ewigen Ruhe. Und so bewahrheitet sich auch an seinem Beispiele die jüdische Sage, daß derjenige groß und glücklich wird, der im Sinne seines hebräischen Vornamens lebt.. Der Verewigte Mofcheh-Ben-Schimeon-Halevi war, wie Moses, bei aller Fülle von energievollen Taten, der bescheidenste Mann. Nie hatte er einen, ihm des öfteren angetragenen Orden angenommen; die ihm angedeutete Adels-Verleihung hat er dankend abgelehnt: „Die Arbeit — adelt." Der Verewigte hat drei im baulichen Niedergange befindliche Synagogen wieder aufgerichtet: und so bewahrheitet sich an ihm das jüdische Wort: „Wer Synagogen aufrichtet — lebt lange". Der Verewigte hat das Alter des Psalmisten erreicht, zum Wohle und zum Beispiele seiner Mitbürger. Seine letzte Pflege und sein letztes Geleite organisierte der Präses seines Israel. Spitales Herr Rußmann, der ihm in den letzten Jahren seiner Zurückge^ zogenheit treue Gesellschaft leistete. Budapest. (Eine öffentliche Lehranstalt für Judentaufen.) In dem soeben erschienenen Jahresberichte der israelitischen Religionsgemeinde wird in dem Schulberichte über eine von der schottisch-reformierten Mission in Budapest aufrecht erhaltene Schule und Erziehungsanstalt Klage geführt, deren emgestandener Zweck darin besteht, jüdische Schulkinder der Taufe zuzuführen. Ueber diesen schrecllichen Zustand gab der Schulinspektor der Budapester jüdischen Gemeinde, Dr. Bernhard Munkacsy, soeben eine längere Erklärung ab, der folgendes zu entnehmen ist: „Schon seit einem Menschenaller besteht hier die schottische Elementar- und Bürgerschule für Mädchen, die mit einem Internat verbunden ist. Es werden da fast ausschließlich nur jüdische Kinder ausgenommen, welche man systematisch in christlichen Gebeten ünd Kirchengesängen unterrichtet, in die Kirche zum Gebet führt und täglich mit christlichen Religionslehrgegenständen beschäftigt. Alle Schritte, welche die Gemeinde hiegegen bei der Behörde unternahm, waren bisher vergebens. Die Gemeinde richtete daher an die Eltern der Kinder ein Warnungsschrsiben und erweiterte den jüdischen Religionsunterricht dieser Kinder. Aber auch das nützte kaum etwas. Heute verbreitet sich der verderbliche Einfluß dieser Schule, welche allerlei Lockmittel anwendet, schon auf 206 jüdische Schülerinnen. Viele der aus dieser Anstalt hervorgegangenen Kinder haben sich bereits getauft. Em Strafurteil wegen Blutbeschuldigung. Aus B u d a p e st wird uns geschrieben: Am Pessachfeste dieses Jahres geschah es, daß in dem Städtchen Sarkad die Witwe Kiß ihr kleines Mädchen in das Geschäft des jüdischen Kaufmannes Hermann Scheffer schickte. Das Kind begegnete aber auf dem Wegs seinem Spielgenossen, schloß sich demselben an und ging nicht in das Geschäft. Nachdem das Mädchen auch nach Verlauf einer Stunde nicht heimkehrte und es eben Pessach war. hat die abergläubische Mutter auf der Straße Lärm geschlagen, und nach kaum einer Viertelstunde hieß es schon im ganzen Städtchen, „die Juden haben dem Töchterchen der Frau Kiß das Blut abgezapft!" Die aufgeregte Menge ist vor das Haus Scheffers marschiert und forderte die Herausgabe des Kindes. Mehrere drangen auch in das Haus hinein, fanden aber natürlich von dem Kinde keine Spur. Daraufhin wurde das Geschäft Scheffers gestürmt, und wenn die zum Glück rasch herbeigeeilten Gendarmen sich nicht rechtzeitig ins Mittel gelegt hätten, wäre der unglückliche Scheffer samt seiner Familie der wütenden Menge zum Opfer gefallen. Alsbald kam das verschwundene Mädchen zum Vorschein, und es stellte sich heraus, daß es spielen gegangen und nicht einmal in die Nähe des Hauses des Juden gekommen war. Aus diesem Anlasse wurde gegen bie. Frau Kiß das gerichtliche Verfahren eingeleitet, welches vor einigen Tagen mittels Urteilss seine Beendigung fand. Der Strafrichter hat nämlich die genannte Frau wegen Verleumdung, begangen durch Verbreitung der Blutbeschuldigung, ferner wegen Veranlassung des Auflaufes der Menge und schließlich wegen Störung der öffentlichen Ruhe insgesamt zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt.!! 1 ■ i Agram. (Kultuswählen.) Der durch den Tod des verdienstvollen königl. Baurates weiland Leo Königs b erg ein volles Jahr verwaist gewesene Präsidentenstuhl der Agramer Kultusgemeinde ist durch die am 9. d. M. auf den Advokaten Dr. Robert Siebenschein gefallene einstimmige Wähl zum Präsidenten wieder besetzt worden. Hbrr Dr. Siebenschein ist der würdige Sohn des früheren langjährigen, um die Agramer Gemeinde hochverdienten Präsidenten königl. Rates Josef Sieben sch ein s. A. Seine Lauterkeit und Tüchtigkeit bürgen für die Erfüllung der großen Hoffnungen, die die große Agramer Kultusgemeinde in ihn setzt. Nach erfolgter Wahl dankte er für dieselbe durch die folgende Ansprache: Hochverehrte Herren! Empfangen Sie vor allem den Ausdruck meines Dankes für die Botschaft, die Sie soeben an mich ergehen ließen. Mit gemischten Gefühlen folae ich Ihrem ehrenvollen Rufe. Es erfüllt mich einerseits Dankbarkeit für das mir entgegengebrachte Vertrauen, anderseits die Ueberzengung, daß die Aufgabe, die meiner harrt, schwer, sehr schwer ist. Wenn ich mich dennoch entschließe, die Aufgabe zu übernehmen, so leitet mich h'ebei gewiß weder Eitelkeit noch irgend eine andere Ursache, als der heiße Wunsch, meine schwachen Kräfte dem Gedeihen unserer Gemeinde zu widmen. Dieser Wunsch wurzelt vielleicht teilweise in einer Familientradition, die mich seit meiner frühesten Jugend geleitet hat. Innigster Dank daher Ihnen, meine Herren, für das mir erwiesene Vertrauen. Mit heiliger Fürsorge werde ich durch meine Handlungen bestrebt sein, dieses Vertrauen nicht zu desavouieren. Den Präsidentenstuhl übernehmend, halte ich es für meine erste Pflicht, der aufopfernden Tätigkeit meines Vorgängers, des seligen Präsidenten Hönigberg und seiner Mitarbeiter der Vizepräsidenten Dr. G o l d m a n n und^Dr. Segen, zu gedenken. Die beiden Letzteren haben während der Krankheit des Präsidenten und nach seinem Tode unsere Gemeinde musterhaft geleitet und dieselbe zu ewigem Danke verpflichtet. Diesen Dank spricht ihnen die Gemeinde durch meinen Mund hiemit aus. Mögen Sie versichert sein, daß ihr Name mit goldenen Lettern in der Geschichte unserer Gemeinde verzeichnet bleiben wird. Sie, meine Herren, erwarten wahrscheinlich von mir, daß ich mein Programm entwickle. Hier ist es in wenigen Worten: Die Hebüng unserer Gemeinde auf allen Gebieten ihres Wirkungskreises, die Vervollkommnung ihrer Institutionen. In den letzten Jahren war eine bedeutende Vergrößerung unserer Gemeinde zu verzeichnen. Die Zahl ihrer Mitglieder ist wesentlich gestiegen; rechnet man die gründliche Umgestaltung der sozialen Verhältnisse h'nzu, so ist es klar, daß wir vor Veränderungen stehen, mit denen wir sehr zu rechnen und demgemäß wir unsere Arbeit -nizurichten haben werden- Zu. mein«-- H nptaufgabe wird die Hebung des jüdischen Bewußtseins gehön n, um dem Judentums und unserer Gemeinde jene Stellung in der Öffentlichkeit zu sichern, die ihnen in Gemäßheit der intellektuellen Kraft des Judentums und der numerischen Stärke seiner Bekenner gebührt. Details bitte ich, meine Herren, mir heute zu erlassen. Urteilen Sie, nickt auf Grund von Programmen und Verheißungen, diese haben in der Regel den Zweck, nicht eingehalten zu werden.