Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr; 21 Dr. Äldchs von seinen Eltern gesucht und endlich gefunden wurde. Seinen Ausführungen folgte die Versammlung mit Beifall Und lebhaftem Interesse. Rekonvaleszenten- und Erholungs-Heim für arme kranke jüdische Frauen und Kinder „Philanthropia" Wien, XIII Lainzerstraße 172. Als im Jahre 1908 das Rekonvaleszenten- und Erholungs- Heim für arme jüdische Frauen und Kinder seine charitat.ve Wirksamkeit begonnen hatte, war einem vielfach empfundenen Mangel in der jüdischen Wohltätigkeitspflege Wiens abgeholfen worden. Wenn auch im Spitale der israelitischen Kultusgemeinde Wien eine Stätte bestand, die unseren Glaubensgenossen für die Krankheitsdauer Aufnahme gewährte, so fehlte es an einer Anstalt, die den aus dem Spitale entlassenen Rekonvaleszenten wirksamen Schutz und liebevolle Pflege bis zur völligen Genesung angedeihen lassen konnte. Wie immer bei fördern sw erten jüdischen Wohltätigkeitsgründungen bewährte sich auch im Falle der „Philanthropia" die Erfahrung, daß unsere Glaubensgenossen, von warmfühlendem Herzen geleitet, den Wert und die Wichtigkeit eines Wohltätigkeitswerkes zu würdigen und ihm ihre Unterstützung zuzuwenden wußten. Der Initiative der Präsidentin, Frau Amalie Beck, die Gründung verdankend, zählte der Verein im ersten Jahre seines Bestandes 400 Mitglieder mit einer jährlichen Beitragsleistung von Kr. 3000, die sich nunmehr — im vierten Jahre — bei einer Mitgliederzahl von 700 auf Kr. 5500 erhöht hat. Außerdem haben edle Menschenfreunde alljährlich den Vereinsfond mit namhaften Spenden und Zuwendungen bedacht. Am 15. Mai d. I. fand im Beisein des Gesamtvereinsvorstandes eine Besichtigung des Rekonvaleszenten- und Erholungsheimes „Philanthropia" durch Delegierte einer Anzahl von Frauenvereinen statt; bei derselben waren vertreten: der Verein ^Kinderhort" durch seine Präsidentin Frau Liebling, der Verein „Krankenpflege" durch Frau Dr. Lifczis"und Frau Dr. Blech, der Verein „Kaiser-Franz Joseph-Kinderhort" durch seine. Präsidentin Frau Fischer, der Frauenverein Döbling durch seine Präsidentinnen Frau Dr. Kahn und Frau Spira, der „Kaiserin Elisabeth- Lehrmädchenhort" durch die Vorstandsmitglieder Frau Katharina Ripp er, Frau Charlotte Kisch und Frau Smetano, der Frauenverein Hietzing durch die Vorstandsdame Frau Franziska B i e r m a n n u. v. a. Die Besichtigung der Anstalt unter Führung der schaffensfreudigen Präsidentin Frau Amalie Beck und des gesamten Vorstandes erstreckte sich auf die Wohnräume, die Schlaf- und Speisezimmer und Liegehalle, auf Küche, Badezimmer und Garten. Das Gesehene fand ungeteilten Beifall und Bewunderung. Uneingeschränktes Lob wurde auch der umsichtigen ärztlichen Leitung des Herrn Dr. W e n g r a f und der pflichteifrigen Mühewaltung der Verwalterin, Frau Hermine I a n o w i tz, zuteil. Die Gäste hatten aber auch Gelegenheit, sich von einem Uebelstande zu überzeugen: — die Ueberfüllung des Rekonvaleszentenheimes. Groß ist die Zahl der Aufnahmswerber und im Vergleich mit ihr find unzulänglich die Räumlichkeiten und gering die verfügbaren Mittel. Und so kommt es, daß der Zweck des Rekonvaleszentenheimes, den größtenteils nach schweren Operationen aus den Spitälern übernommenen Patienten bis zur vollständigen Kräftigung Aufnahme zu gewähren, vielfach illusorisch wird, daß zahlreiche arme und würdige Bewerber (Frauen und Kinder) entweder abgewiesen oder, was fast gleichbedeutend ist, mit dem Freiwerden eines Platzes vertröstet werden müssen. Um diesem Uebelstande einigermaßen abzuhelfen, ist der Zubau eines Kinderpavillons geplant, dessenAusführung allerdings insolange fraglich bleiben muß, als nicht durch die Munifizenz edler Wohltäter die hiezu nötigen Geldmittel zur Verfügung gestellt werden. Deshalb ergeht an unsere Glaubensgenoffen der dringende und herzliche Appell, sie mögen für den in Aussicht genommenen, eminent notwendigen Zweig der jüdischen Wohltätigkeitspflege Interesse bekunden und durch gütige Zuweisung von Spenden das Werk der Nächstenlübe zu vollem Erfolge führen. Mochenschrist Seite 349 General-Direktor Moritz Lazarus s. A. Ueber das Begräbnis des Generaldirektors Moritz Lazarus s. A. wird uns aus Leinberg nachträglich geschrieben: Welch enormen Wirkungskreis dieser edle Mann mit dem ihm eigenen bescheidenen Wesen zum Segen der Stadt und des Landes gewonnen, beweist der Umstand, daß 30.000 Menschen ihm treues Geleite bis zum Grabe brachten. Ein sicheres Zeichen dessen, daß der Verewigte mindestens mit ebensoviel Menschen in persönlichem Kontakte gestanden: mindestens ebensoviele sich persönlich verpflichtet, sei es durch Rat und Tat, sei es durch Hilfeleistungen: denn ohne persönliche Veranlaffung würde niemand die Wanderschaft bis zum weit außerhalb der Stadt gelegenen Friedhofe angetreten haben, um einem längst pensionierten alten Herrn das letzte Geleite zu geben. Drei Stunden lang dauerten die Trauerreden am offenen Grabe, aus deren Inhalt, unterstützt durch das Bild von 30.000 Zeugen, eine Charakterzeichnung entfließt, so klastisch reiner Natur, daß sie festgehalten zu werden verdient, beispielgebend künftigen Generationen. Der orthodoxe Groß-Rabbiner erwähnte in seiner Trauerrede, wie schwer es sonst sei, einen „H e s p e d" zu sprechen, da der Sprecher zum Richter werden müsse. Hier aber sei der Hesped leicht, denn seine Taten haben Tatsachen hinterlassen, die von selbst für den Verewigten das Wort führen. Im Anschluß an die Rede des orthodoxen Groß- Rabbiners sprach der Ober-Rabbiner der Israeli-- tischen Kultusgemeinde, und hob hervor, daß er in diesem Falle genau nach dem Wahlspruche des edlen Verblichenen sprechen müsse: „Nur nicht übertreiben — richtig abschätzen", um die Charaktergröße des Mannes zu schildern, der Nichts für sich selbst. Bescheidenes für feine Kinder, aber Paläste für die Armen anstrebte. Im Anschlüsse an die Rede des Ober-Rabbiners zeichfnete der zweite Rabbiner der Israel. Kultusgemeinde, wie der Verewigte die schwerwiegende Macht seines Amtes nicht für sich, sondern „alles für die Andern" verwendete, wie er gebrochene Existenzen im ganzen Lande wieder aufrichtete und neue begründete, wie ja die bei Leichenbegängnissen in Lemberg n o ch n i e gesehene Zahl von Dankbaren beweist, die sich zur Pflicht bekennen, ihn auf dem letzten Wege zu begleiten. Der. Vor st and der Isr a el iti sch en Kultusgemeinde widmete einen Nachruf der organisatorischen Kraft des Verewigten, mit welcher er der Kultusgemeinde als Präses diente. Der Spitalsrat dankte dem Verblichenen für das munifizente Geschenk eines architektonisch vollendeten, allen sachlichen Anforderungen der modernen Medizin entsprechenden Prachtbaues des Israelitischen Spitals, welches seinen Namen tragen soll. Darauf schlossen sich zahlreiche Reden an aus jenem fachlichen Gebiete, welches der eigentliche berufliche Wirkungskreis des Heimgegangenen war. Verwaltungsrat und Beamtenkörper der Galizischen Hypothekenbank feierten seine Schaffenskraft, welche aus diesem, in den Anfängen kleinen, im Stockwerke eines Privathauses lozierten Bankgeschäft das unbestritten erste Geld-Institut des Landes gestaltete. Die ersten Silberprägungen für private Rechnung in Galizien waren sein Werk. Wo er im schlichten Menschen Fleiß oder Talent fand, dort schob er den Mann in den richtigen Wirkungskreis. Der Früchte- und Agrumen-Handel Galiziens verdankt ihm seinen Beginn durch richtige Kreditgewährung an die richtigen Leute. Erst nachdem Moritz Lazarus die Augen geschlossen, erfuhr man, daß die vornehmsten Künstler Galiziens, deren Namen er niemals nannte, ihm die Möglichkeit ihrer beruflichen Ausbildung verdanken.