Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 846 Dr. Blocks Wochenschrift Nr. 21 Dr.' Straucher scheint die Versammlung in Wien überhaupt sehr willkommen gewesen zu sein, um seine zu Hause schon zu sehr verblaßte Popularität ein wenig aufzufrischen und gleichzeitig sein Matchen an jüdischen Professoren, von denen einer ihm ganz besonders unangenehm ist, zu kühlen. Wir in Wien haben das Recht, gerade vom Herrn Dr. Straucher keine Belehrungen anzunehmen. Wir, die wir sein Wirken als Präsident der Czernowitzer Kultusgemeinde beobachten, wir, die wissen, daß er jüdischen Studenten in Czernowitz, weil sie gegen ,.den liebevollen Vormund" sich auflehnten, den S a a l des jüdisch en Vereinshauses, sei es zur Abhaltung von jüdischen Versammlungen oder Vorträgen verweigert, dürfen ihn ersuchen, in Zukunft etwas gemäßigter in der Kritik anderer Personen zu sein. Sonst könnte es naheliegen, seine Tätigkeit als Präsident der Czernowitzer Kultusgemeinde näher zu beleuchten. Der jüd. Studentenschaft wird jeder unbefangene und jeder, der es mit ihr gut meint, nur den Rat erteilen, daß sie sich in Fragen, bei welchen es sich um ihre vitalsten Lebensinteressen handelt, nicht, sei es von Personen oder politischen Korporationen, irre führen lasse, denn ihre Sache ist Sache des gesamten Judentums. I. G r o b t u ch. Vom Jahrmarkt des Hebens. Eine Wendung im Kiewer Ritualmvrdprozeß. Der Kiewer Journalist Braul hat beim Gericht eine sensationelle Mitteilung eingereicht, wonach ihm der wirkliche Mörder des Knaben Iustschinsky bekannt ist. Seine Eingabe enthält auch Angaben über den Ort und die Motive des Mordes. Die Einzelheiten werden von der Behörde noch geheim gehalten. Doch werden die Mitteilungen Brauls bereits zum Gegenstände genauer amtlicher Nachforschungen gemacht. Proteste gegen die Vlutlüge. In Genf fand gestern unter dem Vorsitz des Theologieprofessors und Rektors der Genfer Universität Montet eine von Anhängern verschiedener Glaubensbekenntnisse besuchte Protestversammlung gegen die Ritualmordanklage im Kiewer Prozeß statt. Außer dem Rektor der Universität ergriffen Professor Tulliguet, Dekan der theologischen Fakultät, Pastor Frank Thomas, Nationalökonom Professor Milhaud und Dr. Felski das Wort. Die Versammlung nahm einstimmig eine Protestresolution an, in welcher die unglaubliche Beschuldigung des Ritualmordes als ein schwerer Irrtum gebrandmarkt wird, der in der Vergangenheit unzählige Opfer gefordert und als eine Giftquelle voll von Vorurteilen anzusehen sei. Die Londoner „Times" veröffentlichten das nachstehende Telegramm vom 11. Mai 1912: „Als Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde und des „Allgem. österr. israel. Bundes" protestiere ich auf das Nachdrücklichste gegen die verdammungswürdige Insinuation, als ob irgend eine jüdische Sekte jemals einen Ritualmord begehen könnte. Baron Heykings Aufforderung, Vertrauen zur russischen Justiz zu haben, ist durchaus ungerechtfertigt. Ich besitze hier authentische Informationen darüber, daß in Kiew überhaupt keine ernsten Untersuchungen gepflogen werden, um den wahren Mörder zu finden, von welchem Spuren vorhanden sind. Flugschriften, welche mit Zustimmung der Regierung verbreitet werden, verhetzen mit ihren Vlutbeschuldigungen nach wie vor die Bevölkerung gegen alle Juden. (Siehe „Zweiköpfiger Adler", Kiew, 5. Mai 1912.) Es handelt sich hier nicht um eine interne Angelegenheit Rußlands, da Tausende von Juden in' ihrer Todesangst aus Rußland auswandern und in ihrer Not sich an das westliche Europa wenden. Wien, am 11. Mai 1912. Dr. Alfred Stern. Eine Rede des Baron Edmund von Rothschild. Das Pariser israelitische Konsistorium hielt, wie uns aus Paris gemeldet wird, vor einigen Tagen seine diesjährige Generalversammlung ab. Der Präsident des Konsistoriums ist bekanntlich Baron Edmund de Rothschild. Der zur Verlesung gelangte Jahresbericht enthält unter anderem auch einen warmen Nachruf nach dem im Berichtsjahre verstorbenen Ehrenpräsidenten Baron Gustav de Rothschild, einem Bruder des Baron Edmund. Vor Schluß der Versammlung ergriff Baron Edmund de Rothschild das Wort zu einer längeren Rede, in welcher er unter anderem ausführte: „Ich bin noch ganz gerührt von dem ehrenden Nachrufe, den Sie soeben meinem armen teuren Bruder gewidmet haben. Er hatte ein tiefes jüdisches Herz. In der letzten Zeit seines Lebens waren alle seine Gedanken, alle seine Sinne dem Konsistorium und der Reorganisation des Kultus gewidmet. Zur Zeit, als die Trennung des Staates von der Kirche zum Gesetze erhoben wurde, war er von tiefer Besorgnis erfüllt. Er frug sich, ob unsere Glaubensgenossen, die seit langem gewöhnt waren, immer auf den Staat zu rechnen, noch soviel Anhänglichkeit an das Judentum empfinden werden, um die Opfer zu bringen, welche zur Erhaltung einer so großen und wichtigen Gemeinde, wie diejenige von Paris, notwendig sind. Aber er hatte auch den Glauben an die gewohnte Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen, und dieser sein Glaube hat sich als berechtigt erwiesen. Bei uns Juden gehört die Bildung von Vereinen, Chewros, zur Förderung des Kultus und der Wohltätigkeit zu einer alten, schönen Tradition." Nachdem Baron Rothschild noch auf die Notwendigkeit mancher neuer Schöpfungen innerhalb der Pariser Iudengemeinde und besonders auf die Unerläßlichkeil jüdischer PatronagegesellschaftLN hingewiesen hatte, schloß er seine Rede wie folgt: „Meine Herren! Ich habe das volle Vertrauen und die beruhigende Ueberzeugung, daß. wir nach wie vor treu bleiben werden unseren ehrenvollen Traditionen, gerade jetzt in einem Momente, wo die Prinzipien des Judentums in der ganzen Welt Triumphe feiern. Vergessen. Sie nicht, meine Herren, daß die Solidarität, von welcher jetzt so gerne viel gesprochen wird, zum erstenmale von den Propheten Israels der Welt proklamiert wurde." Eine offizielle Statistik über die Juden in Indien. Wie dem soeben erschienenen offiziellen statistischen Iahrbuche in London zu entnehmen ist, betrug die Zahl der Juden in Indien im Jahre 1911 insgesamt 20.980 Personen. Und zwar 10.813 männliche und 10.167 weibliche. Der größte Teil dieser Juden, und zwar 15.081, wohnt in der Präsidentschaft Bombay, darunter 3747 in Aden. Größere jüdische Kolonien sind überdies in Bengal (1992), Burma (1024). In den Eingeborenen- Staaten der Präsidentschaft Bombay leben 1028 und in den Eingeborenen-Staaten der Präsidentschaft Madras 1248 Juden. Von den Letzteren leben 1175 in den Cochin-Staaten. Die Internationale Konferenz d-er Jto. Die von uns bereits angekündigte Konferenz der Jto ist, wie aus London berichtet wird, für den 13., 14. und 16. Juni d. I. festgesetzt worden. Die Konferenz wird in Wien oder in Zürich stattfinden. Endgültiges hierüber wird demnächst veröffentlicht werden. Als Tages-