Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. -J1 Dr. Blochs Wochenschrift Geue 343 Selbstverständlich habe ich das Seminar Dr. Schächters besucht,- das Beste, was ich dort fand, war die reichhaltige hebräische Bibliothek und die kostbare Manuskriptensammlung. Einer der Lehrer, ein Herr Dr. Iofse, lud mich ein, seiner Vorlesung anzuwohnen, er trägt Schulchan Aruch vor, aber, wie er mir erläuterte, nicht nach den gedruckten Exemplaren, sondern nach selbstversaßter Zusammenstellung. Dr. Schächter war das vielleicht nicht ganz willkommen und er führte mich in den Hörsaal des Professors Dr. Günzburg, dessen Name gutem Mang hat. Die jährlichen Ausgaben des Seminars betragen 75,000 Dollar, welcher Betrag aber nicht einmal hinreicht, die Ausgaben zu bestreitem Es wollte mir scheinen, daß die in diesem Seminar produzierte jüdische Wissenschaft zu den enormen kosten doch in einem gewissen Mißverhältnis sich befinde. Ich sprach von der Newyorker Mille, aber was diese. Bezeichnung beinhaltet, ist keine eigentliche Gemeinde in unserem Sinne, sondern ein loser Verband zahlreicher Gemeinden, von welchen jede einzelne eine eigene Verwaltung mit eigenen, zum Teil großartigen Institutionen besitzt. Newyork besitzt mehr als 80 0 Synag o g e n, als älteste und reichste gilt die orthodore Rah variensynagoge, welche einer russischen Gemeinde gehört und vor wenigen Wochen das 50jährige Jubiläum gefeiert hat. Die Gemeinde „Orach Ehajim" nimmt kein Mitglied auf, das am Sabbat ein Bureau öffnet. Ihr Rabbiner Dr. Herz, ein geborener Amerikaner, Sohn eines ungarischen Emigranten, der mit mir zusammen die Rabbinerschule in Eisenstadt besucht hat, hat große Aussicht, der Nachfolger des Chiefrabbi von England, des sel. Dr. Adler zu werden. Früher haben die Amerikaner ihre Rabbinen aus Europa bezogen, nunmehr haben sich die Verhältnisse geändert. Claude Montesiore in London hat für seinen Reformtempel einen passenden Prediger in Amerika sich ausgesucht; jetzt soll auch ein geborener Amerikaner Chiefrabbi von England werden. Neben Dr. Herz wird als zukünftiger Chiefrabbi von England auch Dr. Drachmann von der Obab Z edek-Gemeinde genannt. Auch er ist ein geborener Amerikaner, vertritt nicht minder eine streng orthodoxe Richtung. Er steht als Präsident an der Spitze eines Literaturvereines der Gesellschaft „Ohole Shem", die mich durch eine Deputation einlud, in ihrer Mitte einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten. Ich sagte zu und nannte als Thema: „Entstehungsgeschichte des Kol-nidre-Gebetes". Die Einladungen waren in hebräischer Sprache ergangen und nach dem Vortrag fand eine mehrstündige Diskussion über den Inhalt statt. An der Debatte über meine Thesen beteiligten sich auch Advokaten und Kaufleute, welche Sachkunde bewiesen und gezeigt haben, daß sie in der Materie unterrichtet sind und über den Gegenstand uachgedacht haben. (Fortsetzung folgt.) Der Kampf gegen die neue Gmigralionsdill des amerikanischen Senates. Wie wir bereits wiederholt erwähnt haben, ist im Senat der Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Gesetzentwurf des Senators Lodge zum Beschluß erhoben werden, wonach ein „Bildungseramen" für die Einwanderer nach den Vereinigten Staaten eingeführt werden soll. Kein Einwanderer soll zugelassen werden, der nicht in irgend einer Sprache lesen und schreiben kann. Hebräisch und „ P i d d i s h" gelten auch im Sinne dieser gesetzlichen Bestimmungen als anerkannte Sprachen. Die Blldungsprüfung soll in der Weise vorgenommen werden, daß einem jeden Einwanderer 20 bis 25 Wörter der amerikanischen Konstitution in der von ihm gewünschten Sprache gedruckt vorgelegt werden und er diesen Text dem Prüfungsinspetlor vorzulesen und sodann.niederzuschreiben hat. Von diesem Bildungsexamen sollen nur die Ehefrauen der zugelassenen Einwanderer, deren Kinder unter acht Jahren und deren Eltern und Großeltern über 55 Jahre befreit bleiben. Ferner ist auf Antrag des Senators Simons bestimmt worden, daß die Blldungsprüfung auch solchen Personen erlassen werden kann, die ihre Heimat wegen religiöser Verfolgungen verlassen mußten, also auf Emigranten aus Rußland und Rumänien findet diese Bill keine Anwendung. Die Verteidiger der neuen Emigrationsbeschränkung machen sich einer großen Heuchelei schuldig. Der Charakter eines Menschen ist von seinen literarischen Kenntnissen so ziemlich unabhängig. Die große Majorität der Räuber und Banditen besteht nicht aus Analphabeten; auch unter den wegen .Diebstahls Verurteilten ist die Mehrheit des Lesens und Schreibens kundig. Die Agitation zur Beschränkung der Einwandererzahl kommt aus zwei entgegengesetzten Richtungen. Da sind zunächst die aristokratischen Altamerikaner, welche mit Geringschätzung aus die Einwanderer herabsehen und davon reden, daß der niedrige Bildungsgrad der Einwanderermassen die amerikanischen Sitten verderbe. Diese Leute vergessen, daß ihre eigenen Väter oder Großväter als arme Emigranten ins Land kamen. Andererseits sind es wiederum die organisierten Arbeiter, welche gegen die Emigration agitieren, um sich die Konkurrenz der neuen Arbeitskräfte vom Halse zu schaffen. Eine sehr engherzige Auffassung, denn die Emigranten sind wohl Arbeiter und Produzenten, allein sie sind auch Konsumenten, sie steigern den Verbrauch und den Bedarf und schaffen dadurch auch Arbeitsgelegenheit. Interessant ist, daß diejenigen Elemente, gegen welche das neue Gesetz sich richtet, vollständig ruhig bleiben. Die Bauern aus Sizilien oder Kroatien, die Slowaken aus Ungarn oder die Ruthenen aus Galizien wissen kaum von den Vorgängen, bei welchen sie eigentlich die Hauptrolle spielen, und, so weit sie davon erfahren, ist es ihnen offenbar gleichgültig, ob man ihre Landsleute landen läßt oder nicht. Nur die Juden Amerikas sind es, welche gegen diese Beschränkung der Einwanderungsfreiheit eine große Agitation eingeleitet haben. In Washington ist ein jüdisches Komitee zusammengetreten von Delegierten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, um diesen Kanrpf zu führen. Teilgenommen an dieser Beratung haben Delegierte aus Newyork, Baltimore, Philadelphia, Pitsburg, Chicago, Washington, Cleeveland. In einer großen Protestversammlung kamen diese Delegierten zum Worte. Ebenso wurde in Boston ein Komitee gewählt, welches als Deputation zum Kongreß entsendet wird, um gegen die Annahme der Bill Protest einzulegen, und auch in St. Louis fand eine große Demonstrationsversammlung zum gleichen Zwecke statt. Am 6. Mai wurde in Newyork im Eooper Union eine großartige Demonstrationsversammlung veranstaltet, in welcher Männer wie Oskar Strauß, Kongreßmann Sulzer, Kongreßmann Goldfogle, Dr. Stephen W i s e und Iosef B a r o n d e s die schärfsten Worte gegen jeden Versuch, die Einwanderung zu beschränken, fanden. Ein enthusiastischer Empfang begrüßte den gewesenen Handelsminister Oskar Strauß bei seinem Erscheinen auf der Rednerbühne. Mit zitternder Stimme beginnt er, daß er in tiefer Trauer um den Tod seines trefflichen Bruders es doch für seine Pflicht erachte.