Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 316 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 19 Diese Fälle lassen sich nämlich nicht ohne weiters von Laien beantworten; aber Eines ist sicher. Die Entscheidungen über solche Fälle werden im Karlsbader Stadtrat getroffen, der derzeit ganz im deutschradikalen Sinne geleitet wird; man muß sich ferner fragen, ob es denn gar keinen Weg geben sollte, auf welchem sich derartige Differenzen auf friedliche Art ebnen ließen, besonders, wenn es sich um A e r z t e handelt, also einem Stande, dem ja doch Karlsbad eine besondere Berücksichtigung schuldet, und endlich, daß dem Karlsbader Juden jcdeMöglichkeit genommen ist, sich inZeitungen zu verteidigen und zu wehren, wenn er von Zeitungen angegriffen wird und wenn man auf ihm — herumtrampelt. Und herumgetrampelt wird auf den Karlsbader Juden, und was das Schlimmste dabei ist, denjenigen, auf welchen getrampelt wird, geht es wie den gefangenen Ratten, die vergebens einen Weg suchen, um sich zu wehren und zu entkommen, ohne diesen Weg zu finden. Bezüglich des Dr. Stark ist nachgewiesen, daß sein Anwalt Dr. Carl Hahn den Versuch gemacht hat, die Stadtgemeinde zu bewegen, ihn zu einer Konferenz einzuladen, damit die schwebenden Fragen besprochen werden und ein Ausweg gefunden werde. Diesen Weg hätte man doch wohl wählen können, allein man hat es vorgezogen, den Weg des Gesetzes zu gehen und durch städtische Organe das Haus des jüdischen Arztes bearbeiten zu lassen. Natürlich werden zwei ganz entgegengesetzte Beurteilungen gehört: „Die Stadtgemeinde sagt, daß Dr. Stark im Unrecht sei und sie hat die antisemitische und andere Presse hinter sich." Dr. Stark versichert dagegen, es werde ihm ein himmelschreiendes Unrecht getan und er werde bereits um Zehntausende geschädigt, weil die Stadtgemeinde einen irrigen Standpunkt einnimmt. Aber was nützt das! Es gibt in Karlsbad keine Zeitung, welche von einem Juden eine Beschwerde aufnimmt, denn die Presse ist teils im Dienste der Stadt, teils hat man so viele Inserate und Drucksorten für die Stadtgemeinde zu drucken, daß die Aufnahme jeder Erklärung, die irgendwie oppositionell ist, verweigert wird. Erst vor wenigen Tagen hat sich ein unglaublicher Fall zugetragen. Der Vorsteherstellvertreter der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad, Herr Adolf Rosenfeld, der jahrzehntelang diese Ehrenstelle einnimmt und fast ebensolange im Stadtverordnetenkollegium sitzt, hatte den Mut, gegen die Gewährung einer großen Subvention für den reichen Schützenverein zu stimmen, nachdem dieser Verein antisemitische Tendenzen vertritt und die Juden keine Veranlassung haben, Subventionen für antisemitische Vereine zu bewilligen. Darauf kam ein geradezu empörender Artikel im Karlsbader Badeblatt, in welchem der hochverdiente und hochehrenwerte Mann in einer Weise skizziert wurde, die es verdient hätte, mit dem Stock beantwortet zu werden. Anstatt nun, daß die Parteiblätter diese hübsche Schreibweise gehörig beantwortet hätten, schwieg man — es war wieder die alte Geschichte: dem Juden Karlsbads ist jcdeMöglichkeit genommen, sich zu wehren; er muß auf sich trampeln lassen, ob er will oder nicht, und wie man trampelt, darüber ließen sich Bücher schreiben. Budapest. Die Generalversammlung der Pester isr. Kultusgemeinde hat Sonntag vormittags unter dem Vorsitze des Präsidenten-Stellvertreters Ludwig Adler stattgefunden. Der Vorsitzende gedachte vorerst in warmen Worten der Verdienste des verblichenen Präsidenten Phil. Wein mann, worauf der Jahresbericht zur Vorlage gelangte. Der Verein weist auf das 70jährige Geburtstagsfest des Oberrabbiners Dr. Samuel Kohn hin, von dessen besonderer Ehrung man aus die Bitte des greisen Jubilanten absehen mußte. Die Kultus gemeinde errichtete auf seinen Namen zu Gunsten des Witwen- und Waisenfonds des Landes-iNabbiner- Vereines eine Stiftung von 10,000 Kronen. An Stelle Jul. Adlers, der zum Vizepräsidenten des Heil. Vereins gewählt worden war, wurde Arthur Szecsy zum KrankenhausvorsLehter gewählt. Weiters hebt der Bericht hervor, daß im 10. und 7. Bezirk der Bau neuer Tempel beabsichtigt sei. Anerkennend erwähnt der Bericht ferner die Tätigkeit Gustav G. Ehrlichs, Sigm. Rigocz und Marzell Kramers in Hinsicht der Steuerbemessung, welche die Finanzen der Gemeinde wesentlich verbessern half. In bezug des konfessionellen Unterrichts weist der Bericht auf die Schwierigkeiten und Unzukömmlichkeiten hin, die der Kultusgemeinde aus der Proselptenmacherei der schottischen reformierten Schule erwachsen, die mit Vorliebe jüdische Kinder ausnimmt und an diesen Bekehrungsversuche unternimmt. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeit erwähnt der Bericht folgende Aufwendungen: Monatsunterstützungen an 380 Familien im Betrage von 58,525 Kr., gelegentliche Unterstützungen an 8954 Personen im Betrage von 110,262 Kr., ambulante Unterstützungen 23,082 Kronen und Heiratsprämien in der Gesamthöhe von 17,286 Kronen. Nach dem Berichte des Krankenhausvorstehers Szöcsy wurden in den jüdischen Spitälern 3429 bettliegende Kranke gepflegt, von denen 1146 Christen waren. Das Vrodi-Kinderspitak wurde von 19,824 Kindern in Anspruch genommen. Laut den Schlußrechnungen beträgt das Vermögen der isr. Kultusgemeinde 14,775,053 Kronen 71 Heller, das jedoch mit 14,774,797 Kronen 7 Hellern belastet ist. Die Generalversammlung nahm all diese Berichte zur Kenntnis und erteilte der Leitung die Absolution. In den Ausschuß wurden Samuel Horner und Moriz Ledermann gewählt. Sabbatarier oder Juden. Aus Budapest wird uns berichtet: In Szegedin wollte einer sein Neugeborenes als der Religionsgemeinschaft der Sabbatarier angehörig immatrikulieren lassen, der Standesbeamte bedeutete ihm aber, dies gehe nicht an. da diese Sekte nicht zu den gesetzlich anerkannten Konfessionen gehöre. So ließ denn der Vater sein Kind als jüdisch eintragen, und in dieser Religion wird er es auch erziehen. : @ Hier einige Daten über die Sekte der Sabbatarier oder Judenzer, die auch Halbjuden genannt werden. Diese seit der Reformation bestehende Sekte will die jüdischen Kirchengesetze in die christliche Kirche wieder einsühren, und da sie statt des Sonntags den Samstag — den Sabbat — feiert, heißen ihre Bekenner Sabbatarier. In Böhmen, wo sie im 17. Jahrhundert heimisch waren, hießen sie Abrahamisten, in England um dieselbe Zeit Neo-Jsraeliten. Am zahlreichsten sind die Sabbatarier heute in Siebenbürgen vertreten, wo sie szombatosok heißen. Die siebenbürgische Sabbatarierkirche wurde in dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts durch den steinreichen Szökler Uradligen Andreas Eossi begründet. Sein Werk fetzte sein Pflegesohn Thomas Pecsi fort, unter dem Fürsten Gabriel Vethlen, Großkanzler von Siebenbürgen, ein hochgelehrter Mann, der für die Sabbatarierkirche viel getan hat. Seit dem sogenannten Devser Termin, wo Pecsi gegen den Fürsten Georg I. Rakoczi unterlag, wurden die Sabbatarier in Siebenbürgen arg drangsaliert und grausam verfolgt, ihre Zahl verminderte sich stetig und schließlich beschränkte sich das Sabbatariertum auf das Dörfchen Bözödujfalu, wo 39 Familien wohnten. Diese traten aber gegen das Ende der Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit Ausnahme von vier Familien sämtlich zum Judentum über. Eine eingehende Studie über die Sabbatarier liegt in dem Werke „Die Sabbatarier, ihre Geschichte, Dogmatik und Literatur" des gelehrten Vudapester Rabbiners Samuel Kohn vor. Ueberdies hat das Leben der