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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 312 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 19 im jüdischen Wien. Geschadet hat es ihm gerade nicht, und der Dichter hat ja glücklicherweise Zeit, zu warten, bis ihm auch hier eine volle Anerkennung zuteil werden wird. Man kann über den absoluten Wert seiner Dichtungen streiten, man kann einräumen, daß ihm d'e letzten tiefen und großen Akzente des Tragikers, wie sie Hofmannsthal, Anzengruber oder selbst Schönherr zu Gebote stehen, versagt sind, daß seiner in das weite Land der Seele in ihren psychologischen und physiologischen Untiefen so tief hinuntertauchenden und so vornehm herausholenden Kunst mehr die anmutige Silhouette als der große plastische Wurf gelingt, man mag einräumen, daß ihn Naturwahrheit und Schaffenskraft oft verlassen, wenn er seinen Nährboden, die obersten Schichten der Wiener Bourgeoisie verläßt, man mag bedauern, daß selbst da, wo er im „Vermächtnis" und im „Freiwild" tiefere Probleme anschneidet, es wieder nur Probleme der Schneidungsflächen dieser Kaste mit dem Kleinbürgertum oder d'r Boheme sind, eines ist aber sicher, diese langsam versinkende Welt, welche der wirtschaftliche Aufschwung und der Liberalismus herangezogen, diese Wiener Frau der jüngsten Vergangenheit, die von einem stärkeren „dritten" Geschlecht abgelöst wird, und deren geheimen Leiden und noch geheimeren Freuden der gewesene Nervenarzt so wundervoll nachgegangen ist, dieser Rebenduft der Wiener Landschaft, der in der wachsenden Großstadt verschwinden wird, dieses vornehme, dekadente Aesthetentum einer alternden Hyperkultur, alles das, was die spezielle Wiener Note ausmacht, wird für den Kultur- Historiker in Schuitzler's Werken weiterleben. Der Dichter, der einst ein Stürmer und Dränger in Glacehandschuhen und Gamaschen war und jeden Zusammenhang mit der Tradition ableuguen wollte, ist sich heute wohl selbst bewußt, daß seine Bertha Garlan eine Tochter der Hero, viele seine von Frauengunst getragenen und von Frauen vorwärts geschobenen jungen Männer Abkömmlinge des Phaon und Jason, ja selbst sein junger Medardus im Innersten mit dem greisen Kaiser Rudolf II. wahlvcrwandt ist. Und wie die Form bei ihm oft den Inhalt überragt, ist er seit Walter von der Vogelweide der erste Oesterreicher, dessen Sprache von Deutschen als mustergiltig empfunden wird, eine Sprache, über die ein deutscher Literarhistoriker mit Recht die Devise: Goethe gesetzt hat, und deren wir uns umso mehr erfreuen können, als nirgends auf unsere österreichische Literatursprache hochmütiger herabgeblickt wurde, als im deutschen Norden. Da spricht es nun Bände für die ganze Tragik des Judentums, daß dieser Mann, der jüdischen Sitten, jüdischem Ritus, jüdischem Volkscharakter ganz ferne steht, dem seiner Erziehung nach das Judentum nicht einmal ein pieux Souvenir de famille, wie Theodor Gomperz von sich sagte, sein konnte, der noch dazu, wie sein Dichter Bermann, die im harten Daseinskampf erworbenen Fehler und Vorzüge des Juden gleich abstoßend empfindet, i h m, der nie einen Daseinskampf geführt, der im Praktischen Leben von rührender Unbcholfenheit ist und eines am wenigsten versteht, sich vorzudrängen und zur Geltung zu bringen, einer der wenigen, der wohl in keiner Sekunde an sich den Fluch erfahren, Jude zu sein und dem von germanischen Volksgenossen vielleicht zuerst und am aufrichtigsten zugejubelt worden ist, da ist es nun tief tragisch, wenn selbst ein solcher Manu die aus tiefster Seele kommenden Worte im Weg ins Freie gesagt hat: „Glauben Sie, daß es einen Christen auf Erden gibt, und wäre es der edelste und gerechteste und treueste, einen einzigen, der nicht in irgend einem Augenblick des Grolls, des Unmuts, des Zorns selbst gegen seinen besten Freund, gegen seine Geliebte, gegen seine Frau, wenn sie Juden oder jüdischer Abkunft waren, deren Judentum, innerlich wenigstens, ausgespielt hätte?" Diese Worte, die eine so tief tragische Wahrheit enthalten und noch wahrer wären, wenn Schnitzler statt Christ Deutscher gesagt hätte, denn vom Italiener und Engländer möchte ich das gleiche nicht behaupten, werden als trauriges Denkmal unserer Zeit stehen bleiben. Aufrichtig möchte ich wünschen, daß es dem Autor, in dessen rotblonde Dichtermähne sich noch kein graues Haar mischt, gegönnt sein möchte, für sich und seine Kinder eine Epoche zu erleben, wo sie nicht mehr gelten können. Und noch in einem Punkt können wir, die Zollschan's ■ Werk mit Bewunderung für die darin aufgebotene Gelehrsamkeit, aber mit tiefer Trauer über die Schlußfolgerung, die er ziehen zu müssen glaubte, gelesen haben, durch Schnitzler Trost schöpfen. Die Schlußfolgerung, daß der europäische Jude, der drei Generationen der Bildungswelt angehört, sich auch äußerlich vom Judentum loslöst, Schnitzler ist ein Beispiel, eine leuchtende Zukunftshoffnuug für das Gegenteil. Er lebt zufällig seit vier Generationen in Wien und sein Stammbaum (Urgroßvater: barouisierter Bankier; Großvater hervorragender Arzt und Fachschriftsteller; Vater: Universitätsprofessor und Arzt von Weltruf) widerlegt Zollschans Behauptung von selbst. Hätten wir mehr Schnitzlers, daß heißt mehr zu Mehrern deutscher Geisteskultur, deutscher Sprache, deutschen Weltruyms Gewordene, die ihr Judentum nicht verleugnen, wahrlich, um das Ansehen unseres Volkes wäre es besser bestellt. Und so möge der Dichter diesen bescheidenen Festgruß einer durch drei Generationen bestandenen Familienfreundschaft mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit und Nachsicht aufnehmen. 0. B. iDom Jahrmarkt des Lebens. Em Monument für eenen berühmten Märtyrer d:r Inquisition in Lissabon. 2u Lissabon wird, wie wir dortigen Blättern entnehmen, demnächst auf dem vornehmsten Platze der Stadt, auf welchem sich auch die Kathedrale befindet, ein Monument zum Andenken des portugiesischen Dichters Antonio 2ose da Silva enthüllt werden. Antonio Jose da Silva wurde im Jahre 1705 in Rio de Janeiro als Sohn eines berühmten jüdischen brasilianischen Advokaten am 8. Mai geboren. Beide Eltern waren Marannen, die mit Gewalt zur Taufe geführt wurden. Im Alter von 8 Jahren kam Antonio Jose in Entsprechung eines Ediktes des Königs Johann des Fünften, wonach sämtliche verdächtigen und geheimen Juden Brasiliens in die Hauptstadt Portugals gebracht werden mutzten, mit seinen Ellern nach Lissabon, wo sie unter ständiger Aussicht der Inquisition standen. Hier studierte er die Rechtswissenschaft, widmete jedoch den grötzten Teil seiner Zeit seinen poetischen Neigungen und dem Studium der Literatur. 'Seine Poesie brachte ihn auch zuerst in Konflikt mit der cheiligen Inquisition. Im Alter von kaum 21 Jahren wurde er in 'den Kerker geworfen, und am 18. September 1726 als Ebraizzante zum erstenmal der Tortur unterzogen. Von da ab beginnt die große Serie der unbeschreiblichen Qualen für ihn und seine Familie. Einer hochstehenden Protektion verdankte er seine Befreiung und heiratete gleichfalls eine Marannin namens Leonora Maria Carvallo, Tochter der Hanna Henriques, welch letztere ihr Leben auf dem Scheiterhaufen lassen mutzte. Antonio Jose da Silva widmete sich nun ganz der Poesie. Frei wie in seinem Denken war er auch in seinen Schriften. Und das sollte sein Verderben sein. Er geriet das zweitemal in den Kerker, diesmal mitsamt seiner jungen Gattin und seiner greisen Mutter. Seine sämtlichen Schriften, seine Gedichte, Lustspiele und Dramen, welche in jener Zeit sich der grötzten Popularität erfreuten, wurden auf den Inder gesetzt und öffentlich verbrannt. Am 19. Oktober 1739 starb Antonio Jose da Silva, nachdem er den Torturen aller Grade unterworfen war, auf dem Campo de La in Lissabon den Feuertod des Märtyrers. „Der Tod dieses Men-

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