Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 311 schlagfertig zu erhalten und mit den hiezu erforderlichen Mitteln nicht zu kargen. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) Im Namen der Revisoren erstattet Herr Josef Fuchs den Kassabericht. Der Präsident eröffnet die Diskussion und erteilt zunächst Herrn Lucian Brunner das Wort. Herr Brunner gibt dem Befremden darüber Ausdruck, daß die „Oesterreichisch-Israelitische Union" sich in der letzten Zeit auffallend von allgemeinen politischen Angelegenheiten zurückgezogen habe. Sie habe jetzt unmittelbar vor den Gemeinderatswahlen keine Versammlung abgeyalten und sie kümmere sich anscheinend auch nicht um die Kultuswahlen. Redner führt einzelne politische Momente, insbesondere die Stellungnahme zu dem Verlangen der Vukowinaer Iudenschaft um Gewährung eines jüd. Katasters an, bei denen der Vorstand der „Union" selbständig vorgegangen sei, ohne die Meinung der Mitgliederversammlung eingeholt zu haben. Ein jüdischer Kataster in der Bukowina mag praktisch sein oder nicht — er selbst halte einen solchen für nicht praktisch — so müsse doch den Mitgliedern Gelegenheit geboten werden, zu einer solch wichtigen Angelegenheit Stellung zu nehmen. Redner spricht den Wunsch nach einer regeren politischen Tätigkeit und nach häufigerer Abhaltung von Versammlungen aus. Präsident Dr. Samuely erwidert dem Vorredner, datz die Zeiten auch für die Iudenschaft andere geworden seien und datz sich namentlich in Wien mehrere einander sehr heftig bekämpfende Parteien unter den Juden gebildet hätten. Gerade in jüngster Zeit sei es anläßlich eines Vortrages rein wissenschaftlicher Natur zu lärmenden Szenen sogar auf offener Straße gekommen, und die diesbezügliche Versammlung sei in sehr bedauerlicher Weise gestört worden. Sofort wurden diese Szenen von den antisemitischen Gegnern ausgenützt und in der christlichsozialen Wahlagitation spiele nun die Verleumdung, datz bei jener Versammlung die christliche Bevölkerung beschimpft worden sei, eine grotze Rolle. Gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Gemeinderatswahlen und zur Vermeidung weiterer derartiger Angriffspunkte sei es geboten gewesen, spezifisch jüdische Versammlungen und insbesondere eine jüdische Wählerversammlung zu vermeiden. Mit der fortwährenden akademischen Versicherung, daß man auch die gegenteilige Meinung achte, sei nicht gedient. Diese Toleranz müsse auch praktisch betätigt werden, und man dürfe nicht wieder zu solchen Zuständen gelangen, wie vor Jahren, als in einer Versammlung der „Union" einem um das Judentum verdienten Manne ein Bierkrügel an den Kopf geworfen wurde. (Lebhafte Zustimmung.) Vizepräsident Dr. Ornstein fühlt sich veranlaßt, zu den Ausführungen des Herrn Brunner Stellung zu nehmen, weil gerade er als langjähriger Vorsitzender der Versammlungen und als Vizepräsident ein Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den von Herrn Brunner behaupteten angeblichen Versäumnissen des Vereines in sich trage. Herr Brunner habe behauptet, es sei gleichgültig, ob die von den Jüdisch-Nationalen verlangte jüdische Kurie in Mähren und in der Bukowina praktisch sei oder nicht, man müsse unter allen Umständen für die selbe eintreten. In solcher Weise dürfe man doch nicht Politik machen. Wenn man eine Sache für praktisch undurchführbar erkenne, dann müsse man dieser Erkenntnis auch offen und männlich Ausdruck geben und sich nicht von irgend einer Volksströmung daran hindern lassen. Der Vorstand der „Union" habe dies getan in dem Bewußtsein, datz seine Anschauungen von der ungeheuren Mehrheit der Mitglieder geteilt werde. Die österreichische Iudenschaft wolle tatsächlich eine jüdische Kurie nicht, weil eine solche gegenüber der gesetzlichen Emanzipation einen Rückschritt bedeuten würde, weil sie eine Negierung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung wäre. Die Juden wollen in voller Gleichheit mit den anderen Bürgern dieses Staates bei den Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper Mitwirken und sich nicht in eine eigene Kurie hineinpferchen lassen, welche ihnen einen unsichtbaren gelben Fleck anheften würde. Es sei aber auch nicht möglich, in der Bukowina eine jüdische Kurie zu errichten und in Wien. Böhmen, Mähren und den Alpenländern eine solche zu vermeiden. Datz aber die jüdische Kurie für die innerösterreichischen Länder ein Dirg der Unmöglichkeit sei und die Juden in eine ganz unhaltbare — sowohl politisch als wirtschaftlich und sozial Lage brächte, bedarf keiner besonderen Begründung, nachdem Herr Brunner eine eigene indische Wahlkurie selbst für unpraktisch erklärt habe. (Lebhafter Beifalls Es sprechen hierauf die Herren Beer und Rottenberg. worauf die Debatte geschloffen wird. Die Versammlung erteilt zum Schluffe dem Vorstande das Absolutorium und spricht den Revisoren den Dank aus. In den Vorstand werden per aeelumatiouem einstimmig die Herren Dr. Jakob Orn st ein. Gemeinderat Stadtbaumeister Edmund Melcher und Isidor S a m u e l n wieder- und Herr Dr. Arthur Mahler neugewüblt. Zu Revisoren wurden die Herren Ig. Simon und Kultusvorsteher S. V r o d bestellt. Nach Schluß der Generalversammlung hielt Herr Dr. I. S. Bloch einen überaus interessanten, mit großem Beifalle aufgenommenen Vortrag unter dem Titel: „Reiseeindrücke aus Amerika", welcher in der „Oesterreichischen Wochenschrift" bereits publiziert, wurde. Arthur Schuitzlrr. (Geboren am 15. Mai 1362.) Fünfzig Jahre! Fast wehmütig will es uns berühren, daß der jugendliche Dichter der Wiener Juaend, dessen ersten Mißerfolg wir miterlebt und dessen ersten Triumph wir mitgefeiert, nun die Höhe des Lebens überschreitet, um einen hoffentlich langen und glücklichen Weg ins Alter zu geben, der ihm zugleich immer mehr ein Weg ins Große, Weite und Freie sein möge. Als vor einigen zwanzig Jahren Christine die Bretter des Bnrgtheaters betrat und der Erfolg der „Liebelei" in wenigen Tagen in ganz Deutschland nachklang, da war es zum erstenmal seit Dezennien, daß wieder ein Angeböriger der jüdischen Rasse von sich hätte sagen dürfen : „Ich bin ein deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land, nennt man die besten Namen, wird auch der meine genannt". Freilich, vergiftet waren diese Lieder damals noch nicht, und dies ist aus dem Milieu leicht erklärlich, ans dem Schnitzler hervorging. Wenn deutsche Literarhistoriker immer wieder hervorheben, daß aus jeder Zeile der vom Judentum abqefallene Heine und Börne, die im Ghetto verbrachte Jugend durchschimmert, wenn das Germanentum diese zwei großen Geister als Fremdlinge empfindet und sich mit Leben und Tod gegen sie wehrt, so ist dies nicht mit Schnitzler der Fall, der so unerschütterlich treu zum Judentum hält und gehalten hat, selbst als die Versuchung zum Uebertritt in der Gestalt einer tiefen und tragischen Leidenschaft an den Dichter herantrat. Blieb uns von ihm nichts als seine Werke, so könnte die feinste Spürnase eines Literarhistorikers aus der nationalistischen Schererschule auch aus keiner Zeile herausfühlen, daß hier nicht ein Vollblutwiener geschrieben, und hievon nehmen wir selbst das Werk, und das erst recht nicht aus, das als sein einziges das jüdische Problem behandelt und Juden auf die Szene bringt. Der Dichter, dessen Werke auf zwei Hemisphären ge'pielt werden, und der nicht etwa symbolisch, sondern in Wirklichkeit von russischen Schauspielern auf russischen Bühnen auf den Händen im Triumph herumgetragen wurde, wäre kein Bollblutösterreicher. wenn er nicht nirgends so wenig anerkannt^wäre, als in Wien, namentlich