Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 302 Dr. MWHs WochMchrift Nr. 18 gelegentlich zitierten Berichte zur Erklärung eines KoranVerses, bezw. einer geschichtichen Begebenheit oder eines topographischen Gegenstandes in den Kreis seiner Untersuchungen. Es gab aber einen bisher wenig beachteten Literaturzweig, der sich mit Prophrtenbiogrophien befaßte und vornehmlich die Lebensgeschichten der im Koran zu Propheten gestempelten biblischen Personen auf Grund jüdischer Quellen sammelte und lehrte. Als hervorragende Vertreter dieser Literaturgaltung gelten: Kaäb Mähbar, ein gewesener Rabbiner aus Jemen, der bei Lebzeiten Mohameds sich nicht entschließen konnte, den Islam anzunehmen und erst unter Abu Bekr sich veranlaßt sah, diesen Schritt zu tun. Er lebte in Medina und starb im Jahre 32 der Flucht. Ferner Wahb den Munebbi, ebenfalls ein gewesener Jude aus Jemen, der eine Schrift über Prophetenlegenden verfaßt haben soll (starb 110 d. H.) und endlich Jbn Abbas, ein Neste Muhammeds väterlicherseits, der bei Kaab elahbär jüdische Legenden studierte, um sie zum Verständnis des göttlichen Buches verwerten zu können (starb 68 d. H.). Die Aufzeichnungen dieser drei Männer, welche die jüdischen Mitteilungen weiter aussponnen und, wie die schöpferische Phantasie der Araber lehrt, durch Erweiterungen ausschmückten, bilden die Quellen, aus welchen die späteren Prophetenbiographen al-Kisai (gest. 188) und Taalibi (gest. 427) u. v. a. schöpften und wo wir den ungeheuren Stoff jüdischen Inhalts aufgespeicheit finden. Was Islam und Judentum einander zu verdanken haben, was für Bereicherung die religiösen Literaturen derselben infolge ihrer gegenseitigen Berührung erfuhren, soll eine Reihe von Schriften dartun, die der Unterzeichnete zu veröffentlich n begann. Die erste Lieferung: „H ob und Moses in der arabischen Legende" erschien im Jahre 191u. Die zweite Lieferung: „Das Leben Abrahams", hebräisch, befindet sich unter der Presse und die weiteren Lieferungen, die deutsch oder hebräisch publiziert werden, sollen dann folgen. D o b r i s ch, im April 1912. Dr. I. E i s e n b e r g M. Palil: Die Konzertsängerin. Novellen. Verlagsbuchhandlung .Carl Kone gen, Wien. 1912. Abermals ein Mitglied unserer Finanzaristokratie, das. sieh unter diesem Pseudonym verbirgt, der weibliche Sproß einer seit drei Generationen bekannten Wiener Industriellenfamilie, die der deutschen Literatur schon einen bekannten Namen geschenkt hat. Kaum würde man aber in diesen Novellen das Erstlingswerk einer Dame vermuten, die sich allerdings als Konzertsängerin schon oft bewährt hat. Diese Novellen legen glänzendes Zeugnis ab von einem von Musik, bildender Kunst, Auslandsreisen und ernstesten philosophischen Studien erhöhten Dasein, von der hohen Warte, von der die Verfasserin die Probleme des Lebens und der Kunst mit erstaunlicher Objektivität, seltener Gestaltungskraft und feinster Motivierung darstellt. Namentlich in der Künstler-, novelle „Eine Bildhauergeschichte“ interessiert die intime,. Kenntnis des Italienischen High-Lifes,. das Einleben in den italienischen Volkscharakter aller Schichten, die liebevolle Beurteilung und Nachsicht, mit der das italienische „süsse Mädel“ geschildert ist, so grundverschieden von dem unsern, so geadelt durch eine jahrtausendalte Kultur. Auf ihr liegt etwas von dem ästhetischen Abglanz einer Aspasia und es ist doppelt schön, dass ein weiblicher Autor neidlos der Italienerin aller Schichten gerecht wird. Höchstens in der Technik des Aufbaues, nicht der Sprache, werden wir noch in diesem Erstlingsbuch an die Dilettantin gemahnt, aber1 gerade in der Bildhauergeschichte erinnert M. Pahl oft an die besten Traditionen der Tieck’schen Novelle, und werden wir selten in der modernen Literatur einem so eingehenden technischen Verständnis für bildende Kunst und einer so feinem psychologischen Zergliederung einer titanenhaften Künstlernatur begegnen, mr wünschen, noch recht oft. Bildern des Lebens zu begegnen, die von diesem Griffel festgehalten, von diesem Geiste geschaut, von dieser Seele nachgelebt sind. C. B. Ed. Fuchs, »Das bürgerliche Zeitalter«. (Illustrierte Sittengeschichte Band 3). Alb. Langen, München 1912. Lieferung 1 u. 2. Es wird an Glanz und Fülle des Bilderschmuckes sich kaum ein zweites Werk mit diesem Unternehmen vergleichen dürfen. Was unsere Zeit an Reproduktionsmitteln aufzubieten vermag, zeigt sich hier in höchster Vollendung. Der Text steht auf gleicher Höhe. Bald sind hundert Jahre verflossen, seit Napoleons Macht in Rußland den tätlichen Stoß erhielt und in jenen düsteren Novembertagen sich an der Beresina Szenen abspielten, die noch heute das Herz erstarren machen. Ein Augenzeuge, der württembergische Regimentsarzt Dr.Roos, berichtet in seinen Memoiren »Mit Napoleon in Rußland« (Verlag Robert Lutz in Stuttgart, Preis geh. M. 6.—) u. a., wie die 25jährige Frau eines französischen Obersten mit der Ruhe stiller Verzweiflung ihr Kind küßte und mit ihrem Strumpfband von dem zerschmetterten Bein erwürgte. Hierauf «chloß sie ihr gemordetes Kind in die Arme, drückte es fest' an sich und legte sich neben ihr gefallenes Pferd. Bald darauf wurde sie von den Pferden derer, die gegen die Brücke sich drängten, zertreten. — Auch wegen der jüdischen Teilnehmer an dem unglücklichen Feldzug, deren Schicksale jetzt nach und nach bekannt werden, ist das Buch von Interesse. Der Diluvialmensch nach seiner körperlichen Beschaffenheit ist ein sehr zeiigemäßes Thema, das in ebenso gewissenhafter und ernster, wie wissenschaftlicher Weise in der 9. Lieferung des Werkes: »Der Mensch aller Zeiten«, Natur und Kultur der Völker der Erde (Vollständig in 40 Lieferungen, ä Mk. 1.—, München und Berlin, Allgemeine Verlags-Gesellschaft m. b. H.) behandelt wird. Die Untersuchungen über die Neandertalgruppe, »Homo primigenius« und »Homo recens«, über Deszendenz und Monismus, Fossile Menschenaffen, Theorien über die tierischen Vorfahren des Menschen, über Einheit und Wiege des Menschengeschlechtes und dergleichen werden das Interesse aller in hervorragender Weise in Anspruch nehmen. Das gleiche gilt auch von dem folgenden Kapitel: »Der Tertiärmensch und die Eolithenfrage«. Von Graesers Schulausgaben klassischer Werke (Verlag: Karl Graeser & Cie., Wien, lV/2) sind Immermanns »Oberhof«, herausgegeben von Dr. V. Pollak (Preis K 1.20), »Stifters Narrenburg« (von Dr. G. Wilhelm) und »Die Freiherrn von Gemperlein« von Ebner-Eschenbach (gleichfalls von Dr. Wilhelm herausgegeben) erschienen. Daß Stifter und besonders das Kabinetstück unserer größten Erzählerin von österreichischer Kunst in weite Kreise Kunde tragen, ist dem Verlage als besonderes Verdienst anzurechnen. Spivak und Bloomgarden, Jiddish Dictionary, J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1911. Das Buch bietet eine sehr dankenswerte Handhabe zum Verständnis des Jiddish für jeden, dem Bibel und Talmud nicht geläufig sind. Es ist damit besonders für das Studium dieser Weltsprache in nichtjüdischen Kreisen ein wichtiger Schritt getan. Für Amerika entspricht es sicherlich auch einem praktischen Bedürfnis. Aber auch der Fachmann wird die übersichtliche Zusammenstellung hebräischer und aramäischer Reminiszenzen der jüdischen Namen u. a. m. willkommen heißen. L. Selma Lagerlöf, Liljecronas Heimat. Roman. Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark 50 Pf., in Halbfranz 7 Mark. Verlag von Albert Langen in München. Selma Lagerlöfs neues Buch führt uns nach Värmland, wo sich auch ihr berühmter Roman »Gösta Berlings Saga« abspielt. Gerade wie im Gösta Beding werden wir auch hier in den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückgesetzt. Da ist vor allem das Pfarrerstöchterlein, das Schneewittchen, das eine böse Stiefmutter hat und sich, dem armen betörten Vater zuliebe, alles von dieser gefallen läßt, bis der Ritter kommt, der durch den Dornenhag hindurchbricht und sie erlöst. Um sie herum gruppieren sich greifbar deutlich alle die anderen Gestalten. Wie alte Kupferstiche tauchen diese Bilder vor uns auf, so bis in die kleinste Einzelheit deutlich und genau, von jenem weichen Farbenschein umflossen, mit dem Selma Lagerlöf ihre Dichtungen zu umgeben vermag. Anna Salzberger, Gedichte religiösen Inhalts. J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1912. Mk. 1.80. ' Diese Gedichte sind warm empfunden und sicherlich eine sinnige Gabe, »den geliebten Eltern zur Feier 25jährigen gemeinsamen Wirkens in der Gemeinde überreicht von ihren Kindern«. L. N. Leven, Ciquante ans d’histoire. LAlliance isr. univ. (1860—1910). T. 1. Paris 1911, Felix Alcan. Ein monumentales Werk, würdig des erhabenen Gegenstandes, den es behandelt, liegt hier in einem stattlichen Bande vor, dem ein zweiter in Kürze folgen soll. Im Fluge durch die Greuel des Antisemitismus, so könnte man diesen ersten Band betiteln. Bis in die Zeit der Römerherrschaft greift der Verfasser zurück, um zum Schluß Polna und Dreyfus mit einer Anschaulichkeit zu schildern, die dem Buch eine Spannung verleiht, die sonst nur Kriminalromanen eigen ist. Wir erwarten mit Ungeduld den zweiten Band, der u. a. das jüdische Auswandererwesen und das herrliche Schulwerk der Alliance darstellen soll. R. „Ans Kontor und Leben“. Karl C u r t i u s, Berlin W. M. 2.50. Für angehende Kaufleute manch brauchbarer Wink. Doch der Kaufmann wird nicht anerzogen, er wird geboren.;;.M I!■: :; ' i ' ' L. Monatshefte für Kunst und Wissenschaft. Leipzig, 1912. Von Ivlinkhardt und Biermann. Halbjährlich 12 M. Das Hauptstück des inhaltreichen Heftes bildet eine gründliche und aufschlußreiche Abhandlung von Schubert- Soldern „Zur Entwicklung der technischen und künstlerischen Ausdrucksmiltel in Dürers Kupferstichen“. Für uns besonders interessant sind Hans Tietzes Randbemerkungen zu dem beschreibenden Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Oesterreich (Graf zu Erbach und Fürstenau), Band V. Rossiana in Wien-Kainz. Wir erfahren hier, welche, unschätzbaren Bibelhandschriften diese Sammlung enthält, zugleich auch, daß der Herausgeber bei der Verifizierung der biblischen Darstellungen nicht sonderlich beraten war. L.