Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochmschrist Seite 301 gemeinde begab sich sodann in den Tempel, wo der Kesthelyer Oberrabbiner Dr, AUxanderBüchler, ein Sohn des Gefeierten, die Festrede hielt. Schließlich machten die Deputationen der Stadt Mc6r, der reformierten Kirchengemeinde, des Jsraelitentums der Komitate Fejär und Feßprem, des Landes-Rabbinervereines und der Wohltätigkeitsvereine ihre Aufwartung. '_ Feuilleton. Iugendbildnrr. MitgeteUt von I. Wertheim. Wer verstehen will, wie wohl vorbereitet das Volk und auch die höheren Stände in den Ländern deutscher Zunge für die antijüdische Begeisterung war, wird nicht fehl gehen, die Ursachen in Erziehung und Unterricht, den deutsche Jünglinge und Mädchen in den vorhergehenden Dezennien genossen, zu suchen. Datz der Religionsunterricht in der hiezu nötigen Weise erteilt wurde, nimwt uns weniger wunder. Daß aber Lehrer der Geschichte und Literaturgeschichte gleichfalls alles getan, in ihren Schützlingen Hatz und Verachtung gegen ihre Mitmenschen zu erwecken, geht aus den Lehrbüchern der damaligen Zeit klar hervor. Eines der weitverbreitetsten, das viele Auflagen erlebte, war die „Literaturkunde" von Dr. Alex. Schöppner, ein Handbuch zum Unterrichte für. Töchter höherer Stände. Neu herausgegeben wurde es von dem Professor der Philosophie am Kgl. Lyzeum in Amberg, Dr. I. N. Aschold. Die zweite Auslage erschien in München 1863 im Verlage der I. Lin-, dauerschen Buchhandlung (Schüpping). Im Vorworte wird hervorgehoben, datz das Buch beim „wirklichen Unterricht entstanden" sei und somit vollständig den Bedürfnissen entspreche und datz die Darstellung die jungen Gemüter zur „christlichen Nächstenliebe" aneifere, denn „ohne christlich-sittliche Grundlage hat das Studium der Literaturgeschichte für weibliche Bildung keinen Wert." Zur Illustration, wie sich das die gelehrten Herren Verfasser vorsteUten, seien nur zwei Proben in folgendem mitgeteilt: „Am Ende seiner Laufbahn schrieb L es sing noch den Nathan, ein DraMa, das seinem Kunstwerte nach hinter Minna und Emilie steht, aber seinem Inhalte nach die Herzensmeinung einer grotzen Zahl der Zeitgenossen aussprach und aus diesem Grunde autzerordentlichen Beifall gewann. Nathan ist Lessings Glaubensbekenntnis. Die zugrunde liegende Geschichte ist folgende: Sultan Saladin von Babylon ist eines Tages in Geldverlegenheit. Cr erinnert sich eines reichen Juden, der aber so geizig ist, datz er das Geld schwerlich von freien Stücken herausgeben wird. Der Sultan sinnt auf ein Mittel, den Juden unter irgend einem Vorwände zu zwingen, seinen Geldbeutel aufzutun. Er lätzt ihn zu sich rufen unter dem Vorgeben, von ihm als einem weisen Manne erfahren zu wollen, welche.Religion die wahrhafteste wäre. Der schlaue Jüde merkt wohl, datz es auf Händel angelegt sei und datz er keine der drei Religionen mehr als die andere loben dürfe. Ein guter Einfall hilft ihm aus der Schlinge; er bittet den Sultan, bevor er die Antwort vernähme, ein kleines Geschichtchen anzuhören." Folgt die Ringparabel. „Und eben dieses," fuhr der Jude zum Sultan fort, „sage ich Euch, Herr, von den drei Religionen, die Gott der Vater den drei Völkern gegeben hat, über welche Ihr mich befraget. Ein jedes derselben glaubt, seine Religion von Gott empfangen zu haben; welches aber die wahrhaft göttliche sei, bleibt unentschieden." Dieses ist Lessings Glaubensbekenntnis, welches er noch schärfer und deutlicher in theologischen Streitschriften ^ausgesprochen hat. Er glaubte nicht an die Offenbarung und äutzerte, „ein vergnügtes Leben sei besser als ein seliges Ende", doch besatz er so viel Herz, datz er den schlichten Glauben des Volkes für weit erhabener und menschlicher hielt, als das Vernunftchristentum der protestantischen Theologen. Schon daraus erhellt, was ein gläubiger Christ von dem Nathan zu halten habe. Wer das Christentum auf gleiche Stufe mit jüdischer und mohammedanischer Religion setzt, wer die Göttlichkeit des Christentums noch für eine zweifelhafte Sache hält, der ist offenbar nur dem Namen nach Christ und könnte, wenn ihn nicht äutzere Rücksichten abhielten, ebenso gut Jude oder Türke sein." „Als die französische Julirevolution neuerdings unsere deutsche Poesie auf die Freiheitsideen hinlenkte,, waren Juden, ohne Vaterlandsgefühl, voll Hatz gegen die christliche Religion, Chorführer einer ungestümen Schar poetischer Jünglinge. Ihr Grotzmeister Heinrich Heine, eines Juden .Sohn, äutzerlich zum Christentum übergetreten, hatte zuerst in seinen Reisebildern, Buch der Lieder, salonpoetischen Geist und viel Gemüt geofsenbart, obwohl der Schalk bereits zu erkennen war. Bald trcn er mit liederlichen, frechen, schonungslosen Satiren gegen alles auf, was hoch und heilig ist; vornehmlich war sein Witz gegen das Christentum gerichtet. Charakterlos genug, hatte er den Juden verleugnet, und doch war in seinem Herzen der Shylock geblieben, der seine höllische Freude daran hat, dem Christen ein Stück Fleisch so nahe als möglich am Herzen auszuschneiden. Wie er dadurch die Gottesleugner auf seine Seite bekam, wutzte er andererseits der Sinnlichkeit durch die unflätigsten Schilderungen zu schmeicheln. Noch jüngst hat sein „Romanzero" selbst deutsche Salondamen angezogen. Und doch, welches Geistes ist diese Poesie? „Lasset uns essen und trinken, denn Morgen sind wir tot," so lautet ihre Parole. Dasselbe Philistertum, das auf den Bierbänken und an der Table d'hote regiert, hat sich hier nur in das feine Gewand des Geistes gehüllt." Wir haben diesen Ausführungen nichts weiter hinzuzufügen. Nur eine Frage möchten wir gerne beantwortet hören: Und wie wird heute Literaturgeschichte unterrichtet? Literatur. Judentum und Islam. Der Islam, eine zweite Tochterreligion der jüdischen, welche an der Brust des Judentums ihre Nahrung fand und den Söhnen desselben, insbesondere in den letzten Lebensjahren des Stifters, unheilvolle Wund.n schlug, erscheint als zweite Weltreligion, die auf die Geschicke des jüdischen Volkes den größten Einfluß nahm. Schon in den ersten Jahrzehnten, als die tapferen Krieger der Araber dem Islam Länder und Völker unterwarfen und in die fernsten Weltteile siegreich vordrangen, suchten die hervorragenden Lehrer der Nation in den heimischen Schulen (Madares) das himmlische Buch, genannt Koran, zu erklären und zogen, um manche dunkle Stelle aufzuhellen, manche unverstandene Erzählung zu erforschen oder den Sinn manchen Fremdwortes zu erfahren, jüdische Weisen zu Rate. Dadurch erfolgte eine Annäherung der führenden Gerster beider Religionsgenoffenschaften, ein gegenseitiger Ideenaustausch und eine Befruchtung beider Literaturen. Dadurch wurde auch eine politische Besserstellung der Juden im weiten Reiche der Chalifen erzielt, eine Verbesserung ihrer Lage, ja oftmals sogar die volle Gleichberechtigung, zu Zeiten, da das fromme, christliche Europa ad majorem dei gloriam sie auszurotten schwor. So begegnen wir in der umfangreichen Koranexegese, in den geographischen, kosmographischen und historischen Werken jüdischen Vorstellungen. Erzählungen und oftmals auch ganzen Uebersetzungen verschiedener Stücke aus Bibel, Talmud und Midrasch, während uns andererseits das Antrt ffen islamischer Legenden, Ausschmückungen und Zusätze in den späteren Midraschim in Staunen versetzt. Seitdem A. Geiger sein Preiswerk: „Was hat Mohammed vom Judentum ausgenommen", veröffentlichte, ist das Jntereffe für die Erforschung des Korans auf den Universitäten rege geworden und zeitigte so manche gute Arbeit auf diesem Gebiete. ES sei nur verwiesen auf das tiefgründige Buch Max Grünbaums : „Neue Beiträge zur vergleichenden, semitischen Sagenkunde", welches sich nicht auf den Koran allein beschränkt, sondern zieht auch die bei den Korankommentaren Zamaksari, Baidawi rc., den Geschichtsbüchern Tabari, Atir usw., den Geographen Jakut rc. und Kosmographen Kazwini u. a. m.