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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-05-03 · 18 (3.5.1912) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18 Dr. BLochs WochMchrist Sette 397 haben nun das folgende telegraphische Bittgesuch an die Kabinettskanzlei des Kaisers gerichtet, das wir wegen seiner Ungezwungenheit, die aber um so tiefer wirken muh, als Zeitdokument hier wörtlich wiedergeben: „Guter königlicher Vater! Ueberall hören wir. daß Eure Majestät ein sehr edler und guter Mensch sind. Flehend und kniefällig bitten wir, königlicher Vater, Helsen Sie uns in unserer bitteren Pein. Wir lebten auch in Armut mit unserem teuren Vater Menasche Freilich sehr glücklich im Dorfe Felsö-Szinnever, und jetzt können wir vor Tränen nicht mehr sehen, denn unseren armen, guten Vater, den edelsten und besten Menschen, hat die grausame Grenzpolizei von Ungarn ungerechterweise, obwohl er 35 Jahre in Ungarn wohnt, ausgewiesen. Er hat jedem nur Gutes getan. Aber die schlechten Menschen haben ohne Ursache den 60jährigen Mann von seinem Weibe und seinen zehn Bindern fortgerissen. Durch sechs Monate weinen und wehklagen wir um den guten Vater. Täglich erwarten wir ihn zurück, aber er darf nicht zu uns kommen. Cr hat nie Böses, sondern nur immer Gutes getan. Nur reiche Leute sind ihm böse geworden. Weinend flehen wir vor unserem guten, hohen, königlichen Vater: Lassen Sie uns unseren guter Vater zurückgeben! Wir flehen, man möge einen braven Mann herschicken, der wird sich überzeugen, welch grobes und schreÄiches Unheil und welche Ungerechtigkeit die schlechten Menschen begingen. Kniend bitten zehn Kinder — das kleinste ist ein Jahr alt — vor unserem geehrten Herrn und erhabenen König." Generaldirektor Moritz Lazarus. Aus Lemberg wird telegraphiert: Heute ist hier der frühere Generaldirektor der Galizischen Aktienhypothekenbank in Lemberg Moritz Lazarus, eine der vornehmsten und sympathischsten Gestalten des Lemberger Judentums, Vater des Ingenieurs Josef Lazarus in Fiume, im 80. Lebensjahre gestorben. Lazarus hat sich schon in jugendlichem Alter als Mitglied der akademischen Ehrenlegion an den Freiheitskämpfen des Achtundvierzigerjahres in hervorragender Weise beteiligt. Nach.Absolvierung der Univerfitätsstudien widmete er sich dem kaufmännischen Berufe und gab hierauf als Leiter einer Lemberger Fabrik den ersten Impuls zur Jndustrialifierung Galiziens. Im öffentlichen Leben spielte er durch eine Reihe von Jahren eine einflußreiche Rolle. In der Lemberger Handelskammer, deren Präsident er war, wie auch in mehreren Enqueten trat er noch in den Siebzigerjahren sehr entschieden für die Valutaregulierung ein. Der isr. Kultusgemeindevorstand wählte ihn wiederholt zu seinem Präsidenten. Im Jahre 1897 feierte er sein 30jähriges Dienstjubiläum in der Galizischen Hypothekenbank, zu deren Gründern er gehörte. Lazarus war Ehrenbürger der Stadt Janow und Mitglied des Auffichtsrates der Lemberg-Janower Eisenbahn. Die Not der Juden ging dem Verblichenen stets zu Herzen und vor etwa 30 Jahren hat er den Plan ausgearbeitet, die Juden dem Landbau zuzuführen und durch Parzellierung einzelner Güter jüdische Dörfer zu schaffen. Sein Mahnruf indessen begegnete allgemeiner Teilnahmslosigkeit. Was an ihm lag, tat er, um der Not abzuhelsen. Ihm hat die israel. Gemeinde in Lemberg zahlreiche wohltätige Stiftungen und die Erbauung eines großen, den modernen Anforderungen entsprechenden Spitals zu danken. Mittelalterliches aus Stanislau. In der Stanislauer Mädchenvolksschule wirkt eine Lehrerin, die ihre Hauptaufgabe darin zu erblicken scheint, die christlichen Schülerinnen gegen die jüdischen aufzuhetzen und die jüdischen Kinder zur Taufe zu verleiten. Es vergeht fast keine Unterrichtsstunde, in welcher dieses Musterbild einer Erzieherin sich nicht in die gemeinsten Beschimpfungen des Judentums und seiner Religionen ergehen und schließlich die jüdischen Schülerinnen auffordern würde, ihre Seele dadurch zu retten, daß sie zum katholischen Glauben übertreten. Das Haarsträubendste aber leistete sich diese Lehrerin am letzten Unterrichtstage vor Ostern, indem sie die christlichen Mädchen in Gegenwart ihrer jüdischen Mitschülerinnen ernstlich ermahnte, sich jetzt ganz besonders vor den Juden in acht zu nehmen, da sie das Blut der Katholiken für ihre Feiertage brauchen. Die jüdischen Schülerinnen begannen hierauf zu weinen, wodurch die Lehrerin allerdings nicht erweicht wurde, sondern im Gegenteil ihre Warnungen an die christlichen Schülerinnen nur noch ausdrücklicher betonte. Hoffentlich wird die Regierung diese Dame bald in den schon längst verdienten Ruhestand versetzen. Israelitischer Nächstenliebeverein. Im Sitzungssaal; des Altstädter Rathauses fand vorgestern die Generalversammlung des Nächstenliebevereines zur Unterstützung verschämter israel. Hausarmer in Prag statt. Dem vom Sekretär Herrn Wilh. Moscheles vorgetragenen Geschäftsberichte ist zu entnehmen, daß der Verein im Jahre 1911 an Jahresbeiträgen 3551 K, an Spenden nur Unterstützung 20.933 K, an Spenden zum Fonde 6460 X, an Zinsen 18.898 K usw. eingenommen und an Unterstützungen Mr verschämte Arme 35.605 X, für religiöse Funktionen 1651 an Akguivalentsgebühren 4446 K usw. ausaegeben hat, so daß das Vereinsvermögen mit Schluß des Jahres 1911 sich nachstehends belief; Vinknlierte Stiftungen 298 053 X, Fond für Wohltätigkeitszwecke 179.000 X, disponibles Vermögen 5197 K, zusammen 482.247 X. Der Vorsitzende, Herr Dr. Ludwig Bendiener, gab ein Bild der Entwicklung des Vereines, der in den ersten 25 Jahren 47.000 fl. an verschämte Arme, die sich in Not befanden, verteilt und mit einem Vermögensstande von 10.000 fl. abgeschlossen hatte, nach 50 Jahren 164.686 fl. Armen und Unglück.ichen hatte zukommen lassen und mit einem Vermögensstande von 124.921 fl. schloß, daß mit Schluß des Jahres 1911 sich die Summe der während des Bestehens des Vereines an ver'chämte, in Not und Armut befindliche Personen gewährten Unterstützungen auf die Summe von 1,390.370 X belief und daß der Vermögensstand mit dem Betrage von 482 274 X schloß und seither die halbe Million weit überstiegen habe. Der Vorsitzende berührte auch noch, welches große Ansehen der Verein gleich in der ersten Zeit seines Bestandes genossen habe, daß Kaiser Ferdinand l., die Fürstbischöfe Freiherr Schrenk von Notzing und Kardinal Fürst Schwarzenberg dem Vereine durch eine lange Reihe von Jahren alljährlich namhafte Beträge zukommen ließen, gedachte pietätsvoll der Gründer des Vereines, dann seiner Vorgänger als Direktor, Herrn Dr. Kerpal und Dr. Pribram und schloß mit dem Wunsche, der Verein, der sich so eine edle Tendenz zum Ziele gesetzt, möge auch weiterhin Gelegenheit finden, wohltätig zu wirken, um verschämte Arme vor Not und Elend zu bewahren. Bei der Trauerkundaebung für die Mitglieder, die der Verein in letzter Zeit durch den Tod verloren, gedachte der Vorsitzende auch des in jüngster Zeit dem Vereine entrissenen, hochgeschätzten Mitgliedes, Herrn Hofrates Doktor Pribram, der durch volle 69 Jahre dem Vereine als ein treues Mitglied angehört hatte. Auf Antrag des Revisors, Herrn Alexander Bodeuheimer wurde der Geschäftsbericht unter Beifall genehmigt und es wurden sodann die aus scheidenden Mitglieder, die Herren Arthur Fuchs. Dr. Wilhelm Moscheles. Dr. Anton Müller» Markus Popper. David Troller, Gottfried Weltsch. sowie die Revisoren Alex. Z. Bodenheimer, Dr. Ludwig Geschmay und Willibald Hirsch mittelst Akklamation wieder gewählt. Berichte aus Rumänien. ___ Die Union der heimischen Juden in Rumänien ist sehr rüstig an der Arbeit, welche sie sich zur Aufgabe gestellt hat, um den rumänischen Juden zu ihrem vorenthaltenen Rechte zu verhelfen. Vorige Woche übermittelten sie dem König von Rumänien ein neuerliches Memorandum, von welchem eine Abschrift auch dem Parlamente unterbreitet wurde. In diesem Memorandum wird ohne Uebertreibung die traurige, wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Rumänien geschildert, und werden alle jene Ausnahmsgesetze aufgezählt, welche die Juden so sehr bedrücken. Das Memorandum schließt mit einem AppeU an den König beziehungsweise an das Parlament, diesen unhaltbaren Zuständen ein rasches Ende zu bereiten. In der laufenden Parlamentssession wird die Kammer einer großen Anzahl von Juden des Mittelstandes das rumänische Bürgerrecht verleihen. Im übrigen sind

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