Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 292 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 16 gründete dieses Verlangen mit einem Bibelzitat, I. Mose 18, 8. Ms die Engel des Herrn bei Abraham zu Gaste waren, bereitete ihnen Sarah eine Mahlzeit: dann heißt es von Abraham: „Er aber stand vor ihnen unter dem Baume und sie atzen." Das solle andeuten, daß die Engel von der Mahlzeit erst genossen, nachdem sie gesehen hatten, datz Abraham von der Ferne den Vorgang bei der Zubereitung der Mahlzeit genau beobachtet! 2n Gegenwart der Minister und hohen politischen Würdenträger genierte sich der fromme Rabbi nicht, derlei Fragen zu berühren, ausführlich zu behandeln und seine übrigens nicht sehr kurze Ansprache fand vielen Beifall. Nach ihm gelangte ein zweiter Jargonredner zum Wort, Hirsch Maßliansky, der den Typus eines der besten Magidim aus alter Zeit darstellt, ein begeisterter Redner, der seine Zuhörer förmlich zum Enthusiasmus zu entflammen weiß. Er zeichnete das Bild jedes einzelnen der hervorragenden Männer, welche am Vorstandstisch satzen, mit einem passenden Worte oder einem treffenden Bilde und so oft er einen Namen .nannte, bereitete ihm die Versammlung eine Huldigung. Daun setzte er die Bedeutung Amerikas für das Judentum und den einzelnen Juden auseinander. Der jüdische Emigrant, der nach Amerika kommt, ist ganz anderer Art, als etwa der aus Irland oder aus Italien. Diese vertauschen bloß für eine Weile ihre Heimat, sie kommen aus der alten Heimat in eine neue. Der jüdische Emigrant hingegen entflieht einer Hölle, deren verzehrende Flammen von einer Grenze Rußlands bis zur andern lodern. Gebeugt, gepeinigt, mißhandelt, bis in die tiefste Seele verwundet entflieht er erbarmungslosen Häschern, die seine nächsten Angehörigen ermordet haben. Erst hier, in diesem freien Lande, unter dem Schutz der Gesetze der großherzigen amerikanischen Nation, wagt er aufrecht zu gehen, die Augen aufzuschlagen, die Sonnenstrahlen zu genießen, er lernt die Seligkeit kennen, ein Vaterland zu besitzen. Auch er ist nunmehr ein Mensch, der eine Heimat hat, und diese seine Heimat hat er hier erst gewonnen. Der Redner erinnert an die sagenhafte Abrahamsmünze, von welcher der Talmud erzählt, Baba Kamma 97 b -,nrr iLv ropn jpn inrr nbinai Tina ora« omas bw yaao auf der Aversseite sah man ein altes Paar abgebildet, auf der Reversseite ein j u n g e s Paar. „Hier ein junger, starker Gentleman mit einer jungen, schönen Lady, und auf der andern Seite ein alter Mann und eine Altitschcke". So schauen wir heute die große, jugendstarke, amerikonische Nation, reich an Willen, an Kraft, an Tapferkeit, Mtzend, beschirmend mit der großen Macht des gewaltigen Reiches das alte, gebeugte, von Feinden gepeinigte Israel. Das junge Amerika reicht dem alten Israel die Hand, um es aufzurichten, zu trösten, rüstet seine Macht aus zuM Schutze der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Aufklärung, und beider Bildnis, des Beschützers und des Beschützten, bleiben eingegraben in den Denkmälern der Geschichte. Die Rede hat selbstverständlich rauschenden Beifall aller Zuhörer ausgelöst.__ ___ __ Als ich diese Versammlung verließ, erinnerte ich mich an den Vortrag des Herrn Prof. Sombart, den ich während meiner Anwesenheit in Berlin angehört habe. Er sprach über die „Zukunft des Judentums" und erklärte mit voller Bestimmtheit: Die Vereinigten Staaten werden binnen kurzem ihre Häfen vor jüdischen Einwanderern schließen. Ich fragte mich und fragte auch verschiedene Freunde: Ist eine solche Befürchtung irgendwie begründet? Mein Bruder sagte mir: „Wenn ein Präsident, wie Taft, im Jahre der Neuwahl von Versammlung zu Versammlung zieht und keinen Anstand nimmt, den Segen der Emigration anzupreisen, so kann unmöglich die Stimmung der Massen gegen die Emigration eine feindselige sein." Der .Präsidentschaftskandidat besitzt immer die Klugheit, seine Reden der öffentlichen Stimmung anzupassen. Den Ball des Vereines Noselm^v Letreuim -hat der Präsident Taft eröffnet und bei dieser Gelegenheit in einer Rede nichts geringeres gesagt, als daß die Emigranten häufig mehr Patriotismus und Vaterlandsliebe an den Tag legen, mehr Opferwilligkeit für die „Vereinigten Staaten" bekunden, als die eingeborenen Amerikaner. Bei den Kriegen, welche die Der. Staaten zu führen hatten, haben mehr Freiwillige aus den Reihen der Emigranten gekämpft, als aus der eingeborenen Bevölkerung, und bei einer anderen Gelegenheit sagte Taft, daß der in der Geschichte beispiellose Aufschwung der amerikanischen Union vor allem der Emigration und der Tatkraft der Emigranten zu danken sei. In Chicago sagte Taft wörtlich: „Die Emigranten sind die besten Bürger von Amerika, und unter den Emigranten zeichnen sich die Juden besonders aus. Amerika wird seine Tore jederzeit offen hakten und wird niemals aufhören, verfolgte Völler unter seinen Schutz zu nehmen." Wenn Taft nicht befürchtet, durch solche Aeußerungen die Gunst der großen christlichen Wählermassen zu verscherzen, so sind für eine absehbare Zeit wesentliche Einschränkungsbestimmungen gegen die Emigration kaum zu befürchten. Nun wird dermalen allerdings über eine Bill im Senat verhandelt, welche in gewissem Sinne eine Einschränkung der Emigration bezweckt. Es sollen Analphabeten, erwachsene Männer, die weder lesen noch schreiben können, nach Europa zurückgeschickt werden. Andererseits wird aber im Gesetz festgelegt, daß jeder, der jüdisch schreiben kann, nicht als Analphabet anzusehen sei. Außerdem enthält das Gesetz eine Bestimmung, daß es überhaupt auf Emigranten aus Ländern religiöser.und politischer Verfolgung (Rußland, Rumänien) nicht angewendet werden darf. Das Gesetz richtet sich offenkundig gegen die Emigration aus Italien und aus slavischen Ländern. Nichtsdestoweniger haben jüdische Gemeinden Amerikas auch gegen die Bill beim Senat Protest eingelegt, eingedenk des Satzes : „Was du nicht willst, daß Man dir tu, füge auch keinem anderen zu." Die amerikanischen Juden erheben laut ihre StimMe gegen die Ausschließung italienischer und stavischer Emigranten. Wenn Man demgegenüber sich erinnert, daß in Ungarn zahlreiche jüdische Familien aus Galizien ausgewiesen werden, ohne daß die ungarischen Gemeinden, ob fie nun orthodox oder neolog sind, zu Gunsten der Verfolgten einen Finger gerührt und ein Wort gesprochen haben, so gewinnt Man einen Maßstab, den Grad der Kultur und Gesittung des amerikanischen Judentums zu würdigen. (Lebhafter Beifall,) New-Yorks jüdisch» Müdchrnermerbvereinsschule. Schon vor dreißig Jahren gründete eine noch lebende Newyorker Dame, Mrs. Minna Louis die Hebrew Technical School for Girls, die sich seit einigen Jahren im Zentrum von Newyork, unweit von Tamany Hall, befindet, für welchen Neubau der Baugrund allein eine halbe Million Kronen kostete. Diese zentrale Lage hat sich gls sehr praktisch erwiesen und in dem! weiten Festsaal des nicht gar großen Gebäudes (drei Stockwerke, 5 Fenster Front gegen die 2. Avenue) finden daher fast alle GeneralversamMlungLN der vornehmen jüdischen Vereine statt, was an und für sich