Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 291 und wünscht von mir weitere Nachrichten über ihr Schicksal. Aber wie geht es den Freigelassenen? Wie geht es denen, die in diesem Häusermeer von Newyork arm, verlassen, fremd, ankommen? Bei der Einwandererhalle stehen Funktionäre des großen Emigrationsvereines, welche dem Ankömmling in einem „jiddisch" gedruckten Prospekte empfehlen, sich vertrauensvoll an die Delegierten dieses jüdischen Komitees zu wenden, welches ihn mit Rat zu unterstützen bereit ist. „Wie traurig und vereinsamt," so heißt es in diesem Anschreiben, „muß sich jeder Ankommende fühlen, wenn zufällig diejenigen ausbleiben, von welchen er gehofft hat, sie würden ihn bei der Ankunft erwarten. Hilflos und verlassen steht er da, unschlüssig, wohin die Schritte zu lenken. Er wende sich deswegen vertrauensvoll an die Männer, die dadurch kenntlich sind, daß sie Mützen tragen mit der jüdischen Inschrift: „Jüdisches Komitee". Diese sind bereit, ihn zu den Angehörigen oder Freunden zu geleiten, sollte deren Adresse unrichtig sein, die richtige finden zu helfen, nach in Verlust geratenen Gepäckstücken zu recherchieren, für ihn an seine Verwandten zu telegraphieren. Schließlich könne er' im Notfälle die ersten Tage im Emigrantenheim dttok nc»n Wohnung nehmen, wo er Koscher-Kost und ein reines Bett erhält." Jedem Emigranten wird mit Einem auch eine Postkarte eingehändigt, aber ohne Marke, — denn Geld oder Geldeswert wird dort prinzipiell nicht verabreicht — auf welcher er dem Komitee als Kontrolle für die Funktionäre mitteilen kann, wie er von diesen behandelt und ob ihm Geld abgefordert wurde. In diesem jüdischen Hause ist auch ein Stellenvermittlungsbureau, welches jedem jüdischen Einwanderer nach Maßgabe seiner Qualitäten Arbeit verschafft, und so nicht nur mehrere tausend Stellen im Jahre versorgt, sondern den weltfremden Ankömmling durch einen Führer zum neuen Chef hingeleitet, die Bedingungen der ersten Anstellungen vermittelt, vorzeitige Entlassungen verhindert usw. In den Bureaus dieses crmia n:rn betitelten Hauses werden die Erwerbsverhältnisse in 84 verschiedenen .amerikanischen Städten in genauer Evidenz gehalten, darüber jeden Abend Auskunft erteilt und für unentgeltliche Abschiebung der Ankömmlinge in diese verschiedenen Erwerbszentren gesorgt. Mit zu seinen Erfolgen gehört das Anwachsen des amerikanisch-jüdischen Farmertums, das schon jährliche Kongresse veranstalten kann, und eine eigene jüdische Farmer-Zeitung herausgibt. Dieses Heim führt den Spitznamen „die Mamme der Grünen", d. h. Emigrantenmutter, und sie betreut jeden Neuangekommenen mit einer Art mütterlichen Sorgfalt. Diesen Kontakt mit dem Einwanderer, falls er nicht sofort bei der Ankunft Schützling der Gesellschaft wurde, erreicht sie durch ein an jeden Einwanderer vier Wochen nach seiner Ankunft gesandtes Schreiben, das in rührendster mütterlicher Weise nach seinem bisherigen Schicksal frägt, ihm Obdach, materielle Hilfe, Stellenvermittlung, Unterricht, Auskunft über sämtliche Arbeitsorte und die Reise dahin anträgt und in seiner Abfassung den etwa zu Unterstützenden als Bruder und Gentleman behandelt, getreu dem Motto der Gesellschaft: „Ihr wißt, wie einem Fremdling zumute ist, denn Ihr wart selbst Fremdlinge im Lande Egypten." Das Informationsbureau hat im letzten Iahre nicht weniger als 100,000 Auskünfte, darunter vernünftigerweise ein Viertel an noch in der alten Welt Befindliche, erteilt (Adresse: Hebrew Sheltering and Immigrant aid Society, 229—231 East Broadway, Newyork), durch fast 4000 Annoncen hat es Verwandte der Ankömmlinge eruiert, verloren gegangenes Gepäck Wiederbekommen; außerdem führt es eine großartige Kontrolle über sämtliche, meist von den Hachnosas Orchim gegründete Obdachlosen-Asyle der Vereinigten Staaten und hat so zahlreiche Vagabundeneristenzen ihren Gattinnen und Eltern zurückgeführt, so daß es mit sein Verdienst ist, wenn die Zahl der verlassenen Frauen und Kinder in Newyork im Vergleich zu uns so gering ist. Das eigene ObdachlosenheimderGesellschaftimOstviertelder Stadt gibt fast dreitausend Personen jährlich Unterkunft, von denen nur zwei Drittel Einwanderer sind. Zu den daselbst in wenigstmöglich beschämender Art verteilten 113,500 Mahlzeiten stellen christliche und farbige Arme des Viertels ihr Kontingent. So unglaublich es ist, hält die Gesellschaft in den letzten Iahren alle Einwanderer in statistischer Evidenz. Der moralische Erfolg dieser dem Kongreß vorgelegten Statistik war ein großer. Die Statistik erwies, daß höchstens 8 Perzent der jüdischen Armen Amerikas der Einwanderung entstammen; daß wohl zwei Drittel der Einwanderer aber höchstens für ein Iahr in Newyork bleibt, daß sie sich dann, mit Land und Leuten vertraut, langsam über alle Staaten ergießen; daß nach zwanzig Iahren der Einwanderer meist wohlhabend genug ist, sich auf das Land oder in kleine entstehende Rentnerstädtchen zurückzuziehen. Die kleinsten Kinder werden schon in die amerikanischen Kindergärten geschickt, die in Amerika Geborenen verlieren meist ihre Muttersprache, wie sich denn die Anglisierung beim jüdischen Einwanderer viel rascher vollzieht, wie beim andern. Die Gesellschaft verschafft jährlich über 4000 Männern samt ihren Familien das amerikanische Bürgerrecht, wie sie auch sonst alles zur Amerikanisierung ihrer Schützlinge vorsorgt. Ich habe das Emigrantenheim dieser Gesellschaft besucht, die Schlaf- und Gesellschaftsräume angesehen; das Gebäude und seine Verwaltung ist ein lebendiges Zeugnis amerikanisch-jüdischer Großherzigkeit. Ein interessantes Erlebnis war für mich die Jahresversammlung dieser Gesellschaft, welche während meines Aufenthaltes in Newyork stattfand. Tausende Mitglieder waren Teilnehmer, und auch aus der Ferne kamen Gäste, um in der Generalversammlung anwesend zu sein. Den Vorsitz führte der Vereinspräsident Richter Sanders, selber ein Emigrant, der es in Amerika zu hohen Ehren gebracht hat. Am Ehrentisch saßen neben den Vorstehern ein hoher Senator. Vorsitzender des Emigrationsausschusses im Senat (Christ), welcher speziell zu dieser Versammlung von Washington herbeieilte, der gewesene Minister Oskar Strauß, der Philanthrop Iakob Schiff, der Abgeordnete von Newyork Goldfogle und zahlreiche andere führende Männer aus dem politischen Leben. Die Reden, die hier gehalten wurden, standen auf hohem politischen Niveau, wurden von den Zuhörern wiederholt durch rauschende Beifallsbezeugungen unterbrochen und behandelten hauptsächlich das Verhältnis Amerikas zu Rußland nach der Vertragskündigung. Das Senatsmitglied, ein autoritärer Politiker ersten Ranges, sagte unter anderem : „Wer werden nicht nachgeben, wir werden nicht zurückweichen. unsere Prinzipien nicht preisgeben, den Glanz unserer Geschichte nicht verdunkeln lassen, und wenn es darüber zum Kriege mit Rußland kommen sollte! Nach Abschluß eines neuen Handelsvertrages muß unser nächster Botschafter in Petersburg Oskar Strauß heißen." Sodann sprachen Iakob Schiff, Oskar Strauß und Abgeordneter Goldfogle. Schließlich erhielt das Wort ein orthodoxer Oberrabbiner der russischen Gemeinden, Wolf Margul i es, der in einer längeren Rede nachdrücklich dafür eintrat, daß für die Koscherküche in dem Emigrantenheim und auf Ellis-Island vertrauenswürdige „Maschgichim" bestellt werden. Er be-