Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022000--21108-3046184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 290 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 18 die politische und materielle Korruption auf die Spitze treiben und endlich so ekelhaft werden, daß auch der stupideste ihrer Auhänger ihnen davonlaufen wird. Für die Juden aber sind die Ereignisse der letzten Tage eine gute Lehre. Sie haben uns gezeigt, daß noch immer viel Feindseligkeit gegen uns vorhanden ist und daß wir alle Ursache haben, unsere Kräfte beisammen zu halten. Wahrscheinlich wären wir wieder als Juden auseinander gelaufen, wenn ein durchgreifender Sieg des Freisinns zu verzeichnen gewesen wäre. So aber werden wir gefestigt und gekräftigt, unser Zusammenhalt wird dichter, dieses schöne Kennzeichen des Judentums — seine Erhöhung durch seine Erniedrigung ist auf das Gewinnkonto der letzten Wahlen zu stellen. _ Gin Krsuch beim Ukivyorker Judentum. Vortrag gehalten in der Generalversammlung der „Oesterr.-Jsrael. Umon" am 17. April 19t2, im Saale des Hotel Gnlh. Von Dr. Josef S. Bloch. II. Das Wort Zakob Schiffs, daß die Fürsorge für die ca. 70- bis 80,000 jüdischen Einwanderer, welche jährlich im Hafen von Newyork landen, eine bedeutsame und verantwortungsreiche Aufgabe der amerikanischen Juden gegenüber der jüdischen Gesamtheit bildet, enthält eine hohe Wahrheit, wÄche den SLammesgenossen in Europa nie recht zu Bewußtsein gekommen ist. Das jüdische Volk zählt 10 oder 12 Millionen Seelen; wenn von diesen jährlich 70—80,000 eine neue Heimat in den Vereinigten Staaten aufsuchen, so ist diese Ziffer ein solch hoher Prozentsatz der Gesamtheit, daß man förmlich von einer jüdischen Volkswanderung sprechen kann. Was bedeuten gegen solch hohe Ziffern alle mit so vielen Geldopfern unterstützten Auswanderungen nach den verschiedenen Gegenden des Orients? Diesen Erwägungen entsprang mein Entschluß, über die Behandlung der jüdischen Emigranten an der Landungsstelle durch persönlichen Augenschein mir Ueberzeugung zu verschaffen, d. h. Ellis- Jsland einen Besuch abzustatten. Zur Begleitung erbot sich mir in liebenswürdiger Weise Herr Phil. Cown, einer der staatlichen Beamten auf Ellis-Zsland, ein älterer Herr, der auch in verschiedenen jüdischen Vereinen und Organisationen eine geachtete Stellung genießt. Ellis-Jsland ist eine kleine Insel, die man nur zu Schiff erreichen kann. Dort landen alle Zwischendeckpassagiere, dort wird über jeden einzelnen entschieden, ob ihm gestattet ist, den Boden Amerikas zu betreten oder ob er als unerwünschter Einwanderer mit dem Schiff zurückerpediert wird, und zwar auf kosten jener Schiffahrtsgesellschaft, deren Dampfer ihn gebracht hat. Ein Arzt schaut ihn an, ob er nicht an irgend einer unheilbaren oder gar ansteckenden Krankheit leide, vor einem der Inspektoren hat er über Ziel und Absicht seiner Reise ein Verhör zu bestehen, über seine Barmittel Auskunft zu geben. Wird er beanständet, dann kommt er vor ein sogenanntes Inquisitionsgericht,- ein Eerrchtskollegium entscheidet über sein weiteres Schicksal. Gegen dieses Urteil steht dem zurückgewiesenen Emigranten das Recht der Appellation an den Handelsminister in Washington zu. Mein Begleiter holte mich früh morgens ab, so daß ich mit dem Zustrom der zahlreichen auf der Insel fungierenden staatlichen Beamten ankam. Eine sehr große Anzahl dieser Beamten erkannte man sofort als ehemalige jüdische Emigranten, die noch kaum das amerikanische Bürgerrecht erworben haben können. Das Gebäude des Einwanderungsamtes ist von Wahrhaft amerikanischen Dimensionen, darauf berechnet, eventuell zahlreiche Emigranten längere Zeit beherbergen zu können. Frauen und minderjährige Binder werden zurückgehalten, bis gehörig legitimierte Männer sie abholen. Im Gebäude des staatlichen Einwanderungsamtes hat der große jüdische Emigrations-Verein, der auch den Namen v'nn-rr führt, ein eigenes großes Bureau, an dessen Spitze der Advokat Dr. M. Lipschitz amtiert, mit der Aufgabe, jeden jüdischen Emigranten vor Unrecht zu schützen. Wird irgend ein jüdischer Einwanderer zur Abschiebung von der sogenannten Inquisition verurteilt, so erhält Dr. L i p s ch i tz unmittelbar darauf auf amtlichem Wege leine Abschrift des Urteils, er verfaßt sofort die Beschwerde, welche er mit der Unterschrift des Emigranten nach Washington an den Minister übermittelt. Im Laufe von zwei Tagen pflegt der Bescheid einzutreffen. Von Dr. Lipschitz erhielt ich folgende statistische Ziffer: Im Iahre 1911 sind im Hafen von Newyork ca. 63,000 jüdische Emigranten gelandet, von denen 3700 eine Beanstandung erfahren, für welche der Rekurs beim Ministerium eingebracht werden mußte. 3000 dieser Rekurse hatten vollen Erfolg, so daß von den mehr als 63,000 Einwanderern nur ca. 700 wegen Krankheit, Wahnsinn usw. zur Rückfahrt gezwungen waren. Einen ganzen Tag habe ich auf Ellis-Island zugebracht, der Abfertigung mehrerer hundert Emigranten zugeschaut, den Inquisitionsverhandlungen beigewohnt und kann nach bestem Wissen erklären, daß dort gerade jüdische Emigranten den sichersten Schutz genießen. Unter den Einwanderern jenes Tages fielen mir besonders auf: Inden und Araber aus Palästina, mit welchen ich mich unterhielt und die die Erwerbsverhältnisse im heil. Lande in gar schlimmem Lichte darstellten. Kommissär William, der Gewaltige von Ellis-Island, zweifellos kein sonderlicher Freund der Immigration überhaupt, wird in Europa als „Antisemit" geschildert. Um so mehr dürfte folgender Vorfall interessieren : Mit vielen anderen Emigranten kam im Landungshafen von Newyork ein armer Kinderlehrer aus Rußland an. Da er kein Bargeld vorzeigen konnte, kein Handwerk verstand und auch sonst keinen Ausweis über seine EXistenzbedingungen in der neuen Welt erbringen konnte, wurde er als mittelloser Einwanderer zur Rückschickung verurteilt. Der Mann war ganz unglücklich darüber, zurück zur russischen Hölle gewiesen zu werden. Dr. Lipschitz verfaßte für ihn eine Appellation nach Washington. Es war aber gerade Sonnabend mittag, der junge Mensch weigerte sich, seine Unterschrift zu geben. Das Schiff stand bereit zur Rückfahrt. Da entwickelte sich zwischen den Einwanderungsbeamten und dem Russen folgendes Gespräch: Beamter: „Unterschreiben Sie diese Appellation, dann sollen Sie bis zum Eintreffen der Antwort noch hier zurückbehalten werden." Emigrant: „Ich schreibe heute nicht, da wir heute Sabbat haben." Beamter: „Dann müssen Sie eben das Schiff besteigen und gleich die Rückreise antreten." Emigrant: „So ziehe ich es vor, lieber zurück ins heimatlose Elend zu gehen, als am Sabbat zu schreiben." Die Beamten brachten den Mann vor den Kommissar Williams und er entschied, dem Russen die Landung sofort zu gestatten. „Solche Männer," sagte Williams, „können wir in Amerika!gut brauchen." Der Mann hat auch in Newyork bald eine Anstellung erhalten. Und wie die amerikanischen Iuden sich für jeden einzelnen Zurückgewiesenen interessieren, davon erhielt ich erst vorgestern ein interessantes Beispiel. Eine Dame, die ich im Hause des Herrn Schiff gesprochen habe, Sadie America in, schrieb mir, daß ein junges Mädchen, Etel Hartmann aus Misko 1 z, mit dem Schiffe angekommen fei, plötzlich wahnsinnig wurde und deshalb auch zurückgewiesen wurde. Miß Americain teilte mir die genaue Route des zurückreisenden Mädchens mit