Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite --78 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 17 Prüfung und Erledigung der Rechnungsabschlüffe pro 1911 über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinve und sämtlicher unter der Verwaltung der Kultusgemeinde stehender Fände und Anstalten; Der Präsident bemerkt, daß im Sinne des § 91 des Statutes der Rechnungsabschluß zur Einsicht der Gemeindemitglieder durch 14 Tage aufgelegen war und dies durch Einschaltung in der „Wiener Zeitung" an den Kundmachungstafeln verlautbart wurde. Der Präsident teilt ferner mit, daß Erinnerungen zu dem Rechnungsabschlüsse seitens des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Egon Zweig eingelaufen sind. In diesen Erinnerungen wird die Anregung gegeben : 1. das derzeitige Kultussteuerminimum von 20 Kr. auf 10 Kr. herabzusetzen: 2. als Grundlage für die Steuerbemessung die von den Kontribuenten vorzulegenden Personaleinkommensteuer-Bemessungen anzunehmen. Der Präsident bemerkt hiezu, daß diese Erinnerungen in keinem unmittelbaren Zusammenhänge mit dem zur Beratung stehenden Rechnungsabschlüsse für das Jahr 1911 stehen, das Ergebnis desselben in keiner Weise tangieren und demnach auch nicht Gegenstand einer meritorischen Behandlung bei diesem Anlasse sein können. Der Akt wird der geschäftsmäßigen Behandlung zugeführt. Herr Vertreter Mar Frank erstattet das Referat: Sehr geehrte Herren! Ich beehre mich, Ihnen hiemit den Bericht über den Rechnungsabschluß für das Iahr 1911 vorzulegen. Die gesamten Einnahmen betrugen 3,263,939.21 Kr., die Ausgaben 3,238,234.82 Kr., so daß sich ein Gebarungs- Überschuß von £5,704.39 Kr. ergibt. Der Voranschlag für das gleiche Rechnungsjahr hat einen Fehlbetrag von 257,871.55 Kr. angenommen, was mit dem eben referierten tatsächlichen Ueberschuß zusammen eine Differenz von 283,575.94 Kr. gegen das Budget ergibt. Diese Differenz ist um so leichter zu erklären, als sie hauptsächlich in unmöglich vorauszusehenden Mehreinnahmen, und zwar bei Friedhofswesen 94,000 Kr., bei Kultussteuer 34,000 Kr. und bei Spitalverpflegsgebühren 34,000 Kr. gelegen sind, ferner in 100,000 Kr. die für Ankauf von Wertpapieren der eigenen Fonde präliminiert und nicht verausgabt erscheinen, endlich in 54,000 Kr., welche von der Generalreserve nicht in Anspruch genommen wurden. Ich kann bei dieser Gelegenheit übrigens nicht unerwähnt lassen, daß wir die überaus großen, allerdings auch nicht budgetierten Ausgaben, welche uns für die Herrichtung des zu Friedhofszwecken angekauften Terrains erwarten, Ausgaben, welche sechsstellige Ziffern bedeuten, vollständig auf das Iahr 1912, in welchem größere Eingänge zu erhoffen sind, verschoben haben. Aber schon die wenigen früher genannten Ziffern allein betragen die Summe von 316,000 Kr. und erklären die Differenz zwischen Voranschlag und Gebarung so deutlich, daß ich mir füglich ersparen kann, die bei jedem Kapital pro und kontra sich ergebenden Aenderungen im Detail zu erörtern. Ich glaube dies umsomehr tun zu können, als es sich ja hier um einen Rechnungsabschluß, also um vollzogene Tatsachen handelt, die einer Aenderung nicht unterliegen und die man eigentlich nur zur Kenntnis nehmen kann, aus denen wir allerdings aber auch lernen sollen. Und aus eben diesem Grunde glaube ich konstatieren zu müssen, daß die Einnahmen für Trauungstaren um 16,500 Kr. gegen das Jahr 1910 gestiegen .sind und daß trotzdem für Beleuchtung der Tempel um 1000 Kr. weniger verausgabt, also sparsamer gewirtschaftet wurde, daß die Einnahmen der Mikwah die Ausgaben, wenn auch ohne Verzinsung und Abnützung, fast vollständig deckten und muß auch anderseits die bedauerliche Tatsache feststellen, daß die Gebühren für Schlichtungen und rituelle Aufsicht gegen das Jahr 1910 um volle 12,000 Kr. zurückgingen. während sich die Ausgaben bei dem gleichen Kapitel um 3000 Kronen erhöhten. Es wird Aufgabe des Koscherfleisch- Komitees sein, diese unerklärlichen Differenzen zum Thema einer gründlichen Beratung zu machen. Der Jahresabschluß, den ich heute vorzulegen die Ehre habe, ist aber auch in anderer Beziehung lehrreich und befriedigend. Lehrreich deshalb, weil er zeigt, daß. unsere Gemeinde ihre finanzielle Verwaltungspflicht in rigorosester Weise auffaßt und daß sie bemüht ist, bei der Budgetierung ohne Rücksicht auf demagogische Schlagworte oder, wie es bei anderen Körperschaften geschieht, ohne Rücksicht auf bevorstehende Wahlen, den verantwortlichen Faktoren, also dem Kultusvorstand, und damit der gesamten jüdischen Bevölkerung ein ungeschminktes Bild der wirklichen Verhältnisse zu geben. Und befriedigend habe ich ferner gesagt, ist dieser Abschluß, denn er zeigt, daß unsere Gemeinde imstande war, den ungeheueren, alljährlich steigenden Pflichten nachzukommen und' dabei doch das Gleichgewicht ihres Haushaltes zu erhalten. Wenn wir nun sehen, wie alle übrigen Verwaltungskörper mit stets steigenden Defiziten zu kämpfen haben, dann können wir wohl ruhig sagen, daß die Wiener jüdische Gemeinde mit Zuversicht der Zukunft 'entgegensehen kann, mit um so größerer Zuversicht, als es gotllob in unseren Reihen noch Mitbürger gibt, die ihr höchstes Glück darin sehen, das Leid der Armen und Elenden zu lindern. David Ritter von G u t m a n n, den unser Kultusvorstand mit Stolz seit Jahren zu seinen Mitgliedern zählt, unser werter Kollege, hat die Summe von drei Millionen Kronenrente zur Gründung eines Kinderspitales gewidmet und dadurch mit einem Schlage die Errichtung desselben in absehbarer Zeit ermöglicht. Die schönsten Worte des Dankes, die wir dafür widmen können, sie bedeuten nichts gegen ^ie gestammelten Segenswünsche von zarten Kindeslippen, die wohl der herzlichste Lohn für die hochherzige Tat sein werden. Es ist eine eigene Fügung des Schicksals, daß unmittelbar nach dem, von dem antisemitischen Bürgermeister Wiens erlassenen Aufruf, Kinderspitäler zu gründen, gerade ein Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde, gerade ein Jude, es war, der — seit dem Erscheinen des Aufrufes bisher als einziger, und allerdings aus langgehegter Absicht heraus, diese Tat geschaffen hat. Roch war die Freude über diese fürstliche Zuwendung in uns lebendig, als uns die Kunde wurde, daß ein einfacher, von vielen kaum gekannter Glaubensgenosse, Herr Josef Spitzberger, in seinem Testament sein ganzes, 21/2 Millionen Kronen betragendes Vermögen der Kultusgemeinde zum Zwecke der Errichtung eines Kinderspitales für jüdische und nichtjüdische Kinder hinterlassen habe. Wohl selten hat sich der ganze Edelmut des jüdischen Herzens klarer gezeigt, als in diesem^ Falle. Ein Leben der Arbeit und Entbehrung, der größten persönlichen Opfer und ^Mühsal hingebracht, stets nur von einem Gedanken bewegt, einem einzigen hohen Zwecke der Wohltätigkeit und der Menschenliebe alles zu widmen. Er hat damit sich und seiner Mutter Emma Spitzberger, deren Andenken das Spital gewidmet sein soll, ein Denkmal errichtet, welches unvergänglich ist. Und dies gibt auch uns die frohe Zuversicht, daß wir getrost an die Zukunft des Judentums glauben dürfen. Ich bitte Sie. den Rechnungsabschluß zur Kenntnis zu nehmen. (Lebhafter, allg. Beifall.)