Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-04-26 · 17 (26.4.1912) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3021999--21091-3046166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 274 Dr. Btochs Wochenschrift Nr. 17 Die Repatriierung der spaniolischen Juden in Spanien. Die gegenwärtige spanische Regierung scheint es mit der Idee, die spaniolischen Juden des Orients mach Spanien zurückzuführen, recht ernst zu .nehmen. Wie uns aus Sofia berichtet wird, beschäftigen sich die bulgarischen Blätter in letzterer Zeit sehr viel mit dem Ursprung und der Entwicklung der spaniolischen Juden in Bulgarien. Ein Delegierter aus Spanien ist vor einigen Tagen in Sofia erschienen, hatte mit den Führern der Juden wiederholt Konferenzen und konnte sich überzeugen, daß sie trotz der vielen Jahrhunderte die spanische Sprache in ziemlicher Reinheit erhalten haben und überdies verschiedene altspanische Romanzen und Chansons gerettet Haben, welche in Spanien selbst längst nicht mehr bekannt sind. Wie uns aus Sofia gemeldet wird, sind die Versuche des spanischen Delegierten, der übrigens als Hauptzweck seiner Reise die Sammlung altspanischer Lieder angab und .nur nebenbei auch die Repatriierungsfrage berührte, wenigstens was die bulgarischen Juden betrifft, vollständig gescheitert. Von Sofia setzte der Abgesandte der spanischen Regierung seine Reise nach Velgrad-Salonique rc. fort. Das Pessachopfer der Samarianer. Einem Reisebriefe aus allerjüngster Zeit entnehmen wir die nachfolgenden interessanten Daten über das Pessachopfer der Samarianer. Die Nachkommen der Samarianer leben im ganzen ungefähr 150 Seelen in der uralten biblischen Stadt Sch'chem am Flusse des Berges Gerisim. Sie bewohnen den vernachlässigsten Teil der arabischen Stadt und sterben allmählich aus, weil sie sich weder mit den Arabern, noch mit den Juden, welche sie nicht für die echten Juden halten,, verschwägern wollen. Ueberdies macht sich bei ihnen schon seit vielen Jahrzehnten ein Mangel an Frauen fühlbar, so daß ein ziemlich beträchtlicher Teil von ihnen unverheiratet bleibt. Dieses Häuflein Menschen, das sich noch immer „das Volk der Samarianer" nennt, hat einen Hohepriester zum Oberhaupt. Der gegenwärtige Hohepriester, Jakob Ben Aron, ist ein älterer Mann mit patriarchalischem Aussehen. Sein Vermögen besteht in einem ererbten Stück Felde auf dem Berge Gerisim und einigen alten pergamentenen Thorarollen. Sein Name wurde der breiteren Oeffentlichkeit vor einigen Jahren bekannt, als er persönlich nach London fuhr und behufs Sanierung seiner Gemeinde ein Exemplar der Samarianischen Bibel um eine große Summe Geldes an das British-Museum verkaufte. Noch heute erzählt er gerne von den interessanten Episoden jener großen Reise. Er genießt bei seinem Volke großes Ansehen, sowohl wegen seiner Stellung, als auch weil er der Aelteste unter ihnen ist und die Samarianer vor dem Alter besondere Ehrfurcht haben. Der Tempel der Samarianer ist ein unterirdisches Gewölbe, auf dem Fußboden liegen Matten und kleine Pölster. Der Samarianer betritt den Tempel barfuß oder in Strümpfen. Beim Gottesdienste sitzen sie oder knien auf dem Fußboden in Reihen gegliedert, und jede Reihe spricht die einzelnen Sätze des Gebetes laut, worauf die nächste Reihe den Satz wiederholt. Dadurch nimmt der Gottesdienst bei den Samarianern sehr viel Zeit in Anspruch. So dauert zum Beispiel der Freitagabend-Gottesdienst vom Sonnenuntergang bis nahezu Mitternacht, und am Sabbath fast den ganzen Tag. Auch bei den Samarianern ersetzt der Gottesdienst das Opfer von ehedem. Bloß ein Opfer wird auch heute noch faktisch, dargebracht, und das ist das Pessachopfer. Das Pessachopfer wird auf der Spitze des Berges Gerisim dargebracht. Dieser Berg ist für den Samarianer das größt^ und teuerste Heiligtum. Es lebt in ihnen der unerschütterliche Glaube, daß auf diesem Berge die Opferung Jsaks durch Abraham in Szene gesetzt wurde, und daß er der Schauplatz aller wichtigsten und größten Wunder, von welchen uns die Bibel zu erzählen weiß, gewesen ist. Sie haben auch die Ueberzeugung, daß der dritte Tempel durch den Messias auf diesem Berge wird erbaut werden. Beim Beten sind die Samarianer mit dem Antlitz dem Berge Gerisim zugewendet. Auf der höchsten Spitze dieses Berges steht» eine uralte Ruine, um welche herum das Fest der Pessachopferung gefeiert wird. Alle Samarianer, groß und klein, sind bereits an der heiligen Stätte versammelt. D)r Hohepriester, begleitet von den angesehenen Mitgliedern der Gemeinde, erscheint. Die Sonne ist im Untergehen begriffen, die Stimmung ist eine andächtig feierliche. In eigenen Opfergruben wird ein Feuer aus dürrem Gesträuch angelegt, über welches Eisenstäbe gelegt werden, die einen Rost bilden. Junge Männer holen aus dem Innern der Ruine eine Anzahl Lämmer, welche ge?- opfert werden sollen. Bevor die Nacht einbricht, schlachtet der Hohepriester nach jüdischem Ritus die Opferlämmer, die dann rasch geschunden und auf das Feuer gelegt werden. Nun vertreibt sich das Volk die Zeit mit Festge-, sängen, denn es wird spät .nachts, bis die Lämmer gebraten sind. Mit einem Segensspruch genießt jeder der Anwesenden ein Stückchen von dem Opferlamm. An der Opferzeremonie nimmt nur das männliche Geschlecht teil. Die Verheirateten erhalten für ihre Familie je ein Stück von dem Opserbraten. mit dem sie nach Schluß der Zeremonie vergnügt zu ihrer Familie heimeilen. Ein Besuch beim! Turm zu Babel. „Den großen Ziegelhaufen" nennen die Engländer ein wenig verächtlich die Stätte des alten Babylon, die durch die deutschen Ausgrabungen wichtige Aufschlüsse über die Anfänge der allen Geschichte uns geliefert hat. Eine Würdigung dieser Leistung deutscher Wissenschaft gibt der englische Schriftsteller Perceval Landon im „Daily Telegraph". „Babylon — so schreibt er — stellt große Anforderungen an die Einbildungskraft, denn Geschlecht auf Geschlecht hat die Natur in ihrem Zerstörungswerk unterstützt, um die gigantischen Paläste und Tempel Nebukadnezars dem Erdboden gleichzumachen. Jahrhundertelang hat Babylon als der große Steinbruch gedient, aus dem sich die umwohnenden Völker ihr Baumaterial hollen. Hauptsächlich aber hat Babylon sich selbst zugedeckt. Stadt auf Stadt wurde auf derselben Stätte erbaut. An einer Stelle MUß man z. B. 75 Fuß tief hinunter gdhen, bevor man aus dem Boden von Nebukadnezars Tempel steht. Babylon ist vielleicht die älteste sicher bekannte Stätte der mesopotamischen Herrschaft, und selbst wenn das Grundwasser erreicht ist und Grabungen unmöglich werden, kann man noch mit der Hand Täfelchen aus dem Wasser fischen, die. aus den Tagen Hamurabis stammen, jenes Gesetzgebers, der Geschichte schrieb, die der Verfasser der Genesis viel später übernahm und Gebote gab, die Moses unverändert in seinem berühmten Dekalog ausnahm." Landon gibt eine lebendige Schilderung jenes Baues, den er den Turm von Babel nennt. Dieser berühmte Turm in der Nähe des Marduk-Tempels ist das himmelragende Symbol dieses vom Zauber uralter Ver- - gangenheit umwobenen Ortes. „Riesenhaft, düster, weithin sichtbar auf 25 oder 30 Meilen in der Runde, mußte dieses Bauwerk die natürliche Heimat von Legenden und Sagen aus zehn Jahrhunderten werden. Man kann sich Wohl vorstellen, daß seine hilflose Ruine — denn es wurde zerstört, lange bevor Nebukadnezar einen neuen Turm baute — als der sichtbarste Beweis von Gottes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.