Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 17 4>r. Blochs Wochenschrift Seite 273 In erster Linie wurde die Frage des Emigrationskongresses der Diskussion unterzogen: ich berichtete über den Standpunkt der Wiener Iuden und erzählte nochmals, daß von Rustland aus auf die Abhaltung eines solchen Emigrationskongresses in Wien unablässig gedrängt werde. Darauf nahm der Hausherr selber das Wort und sagte, er habe nichts dagegen, wenn europäische Iuden unter 'sich einen derartigen Kongreß abhalten. Allein die Beteiligung amerikanischer Iuden an einem solchen Kongrest werde unbedingt für die Emigration nachteilige Folgen nach sich ziehen. Nahezu sämtliche Anwesende nahmen daraufhin nacheinander das Wort und erklärten sich gegen die Konzession des Herrn Iakob Schiff, der die Abhaltung eines solchen Kongresses ohne amerikanische Beteiligung für unschädlich hielt. Die Redner betonten, daß nach Lage der amerikanischen Gesetzgebung die Abhaltung eines solchen Kongresses internationaler Natur auch ohne Beteiligung von Amerikanern nicht blost eine Verschärfung der Emigrationsgesetze, sondern auch eine strengere Handhabung der bereits bestehenden Einwanderungsvorschriften unbedingt zur Folge haben werden. Diejenigen, welche diesen internationalen Kongrest Propagandisten, haben den guten Willen, den Emigranten zu nützen, allein sie werden ihnen unbedingt eine schwere Schädigung zufügen. Dann brachte ich das galizische Iudenelend zur Sprache, gab eine Schilderung der ökonomischen Lage des Landes und speziell der jüdischen Bewohner, berichtete über das Verhallen der Landesregierung, über das gewaltsame Hinausdrängen der Iuden aus den verschiedensten Berufen Und zitierte das Diktum des Grafen Badeni gegen den Antisemitismus: „Man brauche die Iuden nicht zu bekämpfen — man nehme der Biene den Honig, und sie werde voll selber krepieren." Darauf erwiderte Herr Schiff, er sei sonst der Ueberzeugung, dast amerikanisches Wohltätigkeitsgeld nicht nach Europa zu versenden sei, denn er glaube, wenn Amerika die jährlich eintreffenden 80.000 jüdischen Emigranten nach Kräften fördere, erfülle es seine Pflicht gegenüber dem Iudentum vollauf. Das habe er auch Herrn Dr. Mossinsohn aus Iaffa gesagt. Er glaube jedoch, dast in dem Falle Galizien eine Ausnahme zu machen sei und er erkläre sich bereit, denselben Betrag beizusteuern, den die galizischen Juden in Amerika aufbringen. (Beifall.) Einige Tage darauf war im Hause meines Bruders zwischen den Führern des „Ealizisch-Iüdischen Verbandes" und einem Delegierten des Herrn Iakob Schiff, nämlich Herrn Cyrus Sulzberger, eine Besprechung. Dieser regte an, dast die Fabrikanten, welche in Amerika mit reichem Erfolge Fabriken gegründet haben, den Versuch unternehmen sollen, solche in Galizien nach amerikanischer Methode einzuführen. Zu diesem Zwecke waren von Herrn Schiff 80,000 Dollars in Aussicht gestellt. Aber die Herren haben sich nicht verlocken lassen, ihre Fabriken in Amerika, im Stiche zu lassen und nach Galizien zu gehen. (Heiterkeit.) Der Galizische Verband hielt sodann mit den Delegierten seiner sämtlichen Vereine eine Beratung ab. zu der ich und mein Bruder geladen waren, wobei für die Sammlung des Hilfsfonds die Modalitäten festgelegt wurden. (Fortsetzung folgt.) vom Jahrmarkt des Lebens. Künstlerhaus. Last: not least wäre in der Besprechung über jüdische Künstler auf der diesjährigen Aufstellung im Künstlerhaus die in Kohle und Rötel gezeichnete Studie von Anna Walt, einer Schülerin des Meisters D. K o h n, der diesmal der Ausstellung fernblieb, zu erwähnen. Der Meister läßt fich durch drei seiner Schüler vertreten, durch die bereits erwähnte Emma L ö w e n st e i n mit der Radierung „Arthur Schnitzler", durch Hans Tan n-B e r g l e r mit einem fein gestimmten Interieur einer Kapelle und durch Anna Walt, ein 19jähriges hochbegabtes Mädchen, das ihrem Meister alle Ehre macht. Ihre Arbeit ist nur mit zwei Stiften gezeichnet, hat aber so farbige Wirkung, daß sie fich im großen Saale, umgeben von lauter Oelbildern, sehr gut als farbige Wirkung hält. Man kann zu diesem Debüt der jungen Künstlerin ihrem Meister gratulieren. Die Juden von Irland und die Homeruke^ Das Gesetz über die Selbstverwaltung Irlands, welches gegenwärtig die parlamentarischen Kreise Englands so sehr beschäftigt und von den Konservativen so stark bekämpft wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Iuden und ihre Stellung zur Gesetzesvorlage. Tatsache ist, dast die Konservativen jedesmal, so oft die Homerulefrage aktuell geworden ist, bei den irländischen Iuden den Glauben zu erwecken versuchten, dast eine gröstere Autonomie Irlands den Katholiken eine gröstere Macht und daher den Iuden große Nachteile bringen müßte. Tatsächlich hat sich vor einigen Iahren sogar ein Rabbiner in Irland gefunden, der in einer Unterredung mit einem Mitarbeiter eines englischen Blattes der Befürchtung Ausdruck gab, daß, wenn Irland seine Homerule erhält. Pogrome dort eine tägliche Erscheinung sein würden. Es ist nun bezeichnend, dast dieser Rabbiner damals .sein leichtfertiges Urteil mit seiner Stellung bezahlen mußte. Die Geschichte der Iuden in Irland läßt auch tatsächlich eine solche Befürchtung unbegründet erscheinen. Im Mittelalter schon wurden die Iuden in Irland besser behandelt als in England selbst. Unter den Irländern hat sich eine Volkslegende erhalten, wonach der Prophet Jeremias nach der Zerstörung des Tempels mit einer jüdischen Prinzessin aus dem Königshause David auf einem Schiffe, das teure Kostbarkeiten aus dem Tempel mit sich führte, Palästina verlassen habe. In den irischen Gewässern sei das Schiff gescheitert und dem Sinken nahe gewesen. Der Prophet und die Prinzessin wurden gerettet. Später heiratete' die Prinzessin in Irland, und von ihr stamme auch die königliche Familie Englands ab. Einer der kostbaren Edelsteine, welche die jüdische Prinzessin mit sich brachte, sei auch der englischen Krone eingefügt worden und sei bis an den heutigen Tag das kostbarste Iuwel, welches in der Westminster-Abtei gehütet wird. Dieser Legende hatten es die Iuden im Mittelalter zum Teile auch zu danken, daß sie in Irland vor Verfolgungen geschützt waren. Im Iahre 1628 fanden sich in der Hauptstadt Irlands, Dublin, ungefähr 200 Juden. Im Iahre 1747 wurde im irländischen Parlament ein Gesetz geschaffen, welches es den Juden ermöglicht, Bürgerrechte in Irland zu erlangen. Dieses Gesetz wurde jedoch in der Praxis kaum durchgeführt, hatte aber die Wirkung, dast auch in England ein ähnliches Gesetz geschaffen wurde. Gegenwärtig befinden sich in Dublin 2700 jüdische Seelen, in Belfast 1200. Ueberdies gibt es noch Gemeinden in Cork, London Derry, Water Ford und Lurgan. In Irland spielen die Juden eine ziemlich bedeutende Rolle. Vor einigen Iahren wurde der Iude Sir Otto Iaffe zum Lordmayor und Sheriff von Belfast und Louis Harris zum Alderman in Dublin gewählt. Später ging diese Ehrenstelle auf einen Sohn Harris über. Ueberdies wurden Wiederholt Juden aus Irland in das englische Unterhaus als Deputierte zur Vertretung der Interessen Irlands entsendet.