Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Btochs Wochenschrift Teile 271 den sollte. Wir plazierten uns im großen Speisesaal, unterhielten uns stundenlang recht angenehm, allein mir entging dadurch gar Mancherlei, was bei der Einfahrt in den Hafen mich besonders interessiert hätte. Die Herren erzählten mir viel Interessantes vom Newyorker Judentum u. a., daß der „Galizisch-jüdische Verband" in Newyork ca. 400 Vereine umfaßt, gegen 70,000 Mitglieder zählt, ein eigenes großes Spital besitzt und eine große Talmud-Thoraschule, ebenso ein eigenes Altersheim, Moschaw Sekenim. In Newyork leben jetzt zirka 1,200,000 Juden. In den letzten zehn Jahren habe sich die Zahl der Juden verdoppelt, die Zahl der Unter st ützungsgesuche um 2 0 °/o vermin d ert. Ich hörte u. a., daß, als vor drei Jahren ein großer Schneiderstreik ausbrach, der über 9 Wochen dauerte, die Fabriksarbeiter, die lauter Juden sind, nirgends Unterstützung verlangt haben, ein Beweis, daß diese den Wert des Selbstschutzes zu würdigen wissen. Inzwischen waren wir in Hoboken, und am Pier von Newyork erwarteten mich neben meinen nächsten Familienangehörigen einige hundert Freunde und Bekannte. Landsleute, auch Elaubensbrüder aus Ungarn und Rußland, ferner Deputationen Verschiedener Vereine, welche nach Hoboken gekommen waren, um mich beim Betreten des Landes zu begrüßen. Vor allem umdrängten mich zahlreiche Journalisten, Vertreter der angesehensten und verbreitetsten Tagesblätter Newyorks, jeder von ihnen wollte in aller Eiler von mir mancherlei erfahren. Meine Ankunft fiel nämlich mit einem der großartigsten Momente in der Geschichte der Vereinigten Staaten, mit der Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages, zusammen. Diese Frage wogte damals durch ganz Amerika, erfüllte alle Gemüter, tauchte in jedem öffentlichen und privaten Gespräch auf und und schien der einzige Gegenstand des allgemeinen Interesses zu sein. Die erste Frage der Journalisten war auch: „Was sagen Sie zur Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages?" Ich fand dieses allgemeine Veteiligtssin ganz begreiflich. Bedenken Sie, meine geehrten Damen und Herren, welch unerhörtes Ereignis sich zugetragen! Zum erstenmale in der Geschichte der Diaspora war es, daß ein großes Volk einer anderen Nation die Freundschaft kündigt, jede Gemeinschaft ablehnt der verfolgten und elenden Juden wegen. Heute, wo die Völker miteinander wetteifern, vor dem blutigen Zaren auf dem Bauch zu liegen, um die Gunst Rußlands zu betteln und die fürchterlichsten Schandtaten der russischen Blutrichter ruhig mit ansehen, erhebt sich ein Volk voll Widerwillen und schneidet zwischen sich und Rußland das Tafeltuch entzwei — wegen der Be- Handlung der Juden. Ich nannte das eine „Kulturtat" ersten Ranges, welche in der Geschichte des menschlichen Fortschrittes zur Erinnerung der kommenden Geschlechter auf einem eigenen Blatt mit einem Goldrande glänzen wird. Amerika habe die Mission übernommen, die Verheißungen des Propheten Iesaias im 61. Kapitel zur Vorbereitung des messianischen Zeitalters zur Wahrheit zu machen, und durch diese politische Großtat haben die Vereinigten Staaten sich den Dank aller freiheitsliebenden Völker erworben und überall, wo Menschen wegen ihrer religiösen und politischen Ueberzeugung geknechtet und mißh andelt werden, wo Ohnmächtige und Hilf lose unter tyrannischen Staatsgewalten leiden, werden Gebete zum Himmel emporsteigen für das Gedeihen und .Emporblühen der glorreichen nordamerikanischen Republik. Diese Erklärung erschien mit amerikanischer Geschwindigkeit gleich in allen jüdischen, englischen und deutschen Blättern: ausführliche, ziemlich genaue Biographien, eine Schilderung meines Kampfes mit Rohling, einzelne Episoden aus meiner parlamentarischen Tätigkeit, und dann folgten eine Schilderung des Empfanges und der Begrüßung in Hoboken und schließlich die Aeußerungen über die Kündigung des russischen Handelsvertrages. Erst nach der Befreiung von den Journalisten war es mir möglich, ein Wort mit meinen Familienangehörigen, meinen Kindern. Brüdern usw. zu sprechen, das junge Brautpaar, zu deren Vermählungsfeier ich eigentlich die Amerikareise unternommen hatte, zu begrüßen und wenigstens mit einigen von den Hunderten Freunden, die meinetwegen nach Hoboken zum Landungsplatz gekommen waren, ein Wort zu wechseln. Einer von diesen. Herr Borgenicht, ein reicher, ebenso frommer als liebenswürdiger jüdischer Fabrikant, nahm mich und meine nächsten Angehörigen in sein schönes Automobil und brachte mich in das mir vorbereitete Quartier im Hause meines Bruders. M. Bloch, welches nahezu auf der entgegengesetzten Seite der Stadt Newyork gelegen ist. Am anderen Morgen war natürlich bei uns großer Besuch, es kamen Männer, die mich dem Namen nach kannten, einzelne, die auch meine Schriften gelesen hatten, wiederum andere, die einst Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" waren, aber auch solche, an die ich mich noch erinnern konnte von gelegentlichen Besuchen in Galizien, Männer, die mir bei verschiedenen Wahlkämpfen zur Seite standen, also alte Gesinnungsgenossen, dann auch solche, die im gegnerischen Lager standen. Allein mit allen diesen galizischen Ghettojuden hatte sich inzwischen eine merkwürdige Wandlung vollzogen - innerlich und äußerlich. Der aufrechte, selbstbewußte Gang, die freie Stirne, der gerade, offene Blick, das starke Persönlichkeitsbewußtsein und ich darf hinzufügen, die freigebige Hand, das alles war offenkundig Resultat amerikanischer Erziehung, richtiger der Erziehung in der Atmosphäre amerikanischer Freiheit. Und dann kamen wieder Journalisten, vornehme Vertreter der gelesensten Newyorker großen Tagesblätter, und wünschten diesmal einige Aufschlüsse über die politische Situation in Oesterreich und speziell über den Stand der Iudenfrage. Man hörte mit großem Interesse die Einzelheiten der letzten Reichsratswahlen in Oesterreich, den jähen Sturz der antisemitischen Größen in Wien und ich ermangelte nicht hervorzuheben, daß die stolzen Matadore der antisemitischen Gaunerpartei durchgefallen sind, trotz ihrer großen Titel gegen Kandidaten ganz unbekannter Provenienz. Aus dem Parlament ist die christlichsoziale Partei Wiens nahezu ganz verschwunden, der Antisemitismus wird dort nur noch durch die „Liberalen" vertreten. Die Lage der Juden in Westösterreich beginne sich zu bessern, allein das galizische Iudenelend bildet das schrecklichste Problem, vor welchem das österreichische Judentum ratlos dasieht. Daraus erkläre sich, daß auch das große Emigrationsproblem die Aufmerksamkeit der leitenden Kreise des Wiener Judentums seit langem in Anspruch nimmt. Das Massenelend in Galizien drängt die Juden zur Auswanderung und fordere dringend eine internationale Schutzorganisation für die Auswanderer. Die unglücklichen Emigranten werden ausgebeutet und betrogen von gewissenlosen Agenten, wandern alle planlos nach Newyork. welches ohnehin an einer jüdischen Ueberfülle leidet. Aus diesen Gründen hat sich in Wien unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten der israll. Kultusgemeinde, Dr. Gustav Kohn, ein Komitee gebildet, um Delegierte aus den verschiedensten Ländern zu einem großen jüdischen Emigrationskongreß in Wien zu berufen. Aufgabe des Kongresses sollte sein: 1. Schutz der Auswanderer gegen gewissenlose Agenten. 2. Erlangung besserer Bedingungen bei den Schifffahrtsgesellschaften. 3. Ablenkung des Emigrationsstromes von Newyork nach dem Innern Amerikas^ 4. Errichtung einer Emigrationsbank zum Zwecke eines