Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L70 Dr. Blochs WMenschrift Nr. 17 Es war ein fröhliches Sturmlausen auf allen Linien, eine mächtige Bereitwilligkeit der Wähler und das Resultat hat alle Erwartungen übertroffen. Bis auf wenige Christlich- Soziale, die nicht Mandatare der Bevölkerung sind, sondern des Herrn Pawelka und des Friedhofes, wurden alle Klerikalen umzingelt und werden ihrem Schicksal nicht mehr entgehen, wenn alle Freiheitlichen ihre Pflicht erfüllen. Auch der zweite Wahlkörper erwrckt die Hoffnung, als könnte es hier ebenfalls gelingen, eine große Position der rückschrittlichen Klerikalen und Feudal-n, das Raubnest im Wiener Rathaus zu erobern. Allerdings ist noch immer die Anspannung aller geistigen und materiellen Kräfte nötig, aber das prächtige Weltereiguis wird die Mühen prächtig belohnen. Wir Juden müssen uns jedoch selbst bei vollem Erfolge hüten, den alten Fehler der bedingsloseu Assimilation zu wiederholen, der einen neuen Antisemitismus auslösen würde. Wir können uns freuen, daß das Gesindel endlich hinweggefegt wird, welches immer verleumderisch uns das «achgesagt hat, was es selbst immer an Gemeinheit und Schlechtigkeit begangen hat. Wir begrüß:u mit Genugtuung, daß die Staatsgrundgesetz? vielleicht wieder zur Geltung kommen und daß vielleicht nicht wird jeder Bube an uns sein Mütchen kühlen können. Wir hoffen und glauben, daß die Behörden wieder dem christlichsozialen Terrorismus entrückt sind und uns werden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber wir müssen vorsichtig sein, denn wir find gewarnt genug. Wir Juden dürfen bte Liebe unserer Mitbürger nicht zu hart auf die Probe stellen, sondern ruhig unserer Wege gehen. Denn diese Liebe ist, wenn sie besteht, noch zu jung und zu schwach, um einen Druck auszuhalten. Vor allem aber wollen wir nicht wieder Christen unsere politische Vertretung und Verteidigung übergeben.Man kann nicht wissen, wann wiederum Znten der Not eintreten und wir das versprengte Judentum zur äußersten Gegenwehr organisieren müssen. Was wir an Korporationen, Presse und überhaupt nationalem Besitzstand haben, dürfen wir nicht aufgeben, sondern müssen es zu unserem natürlichen Mittelpunkt machen. Der Anfang vom Ende der Christlich-Sozialen ist da, dies darf nicht wieder die V'ranlassung geben, uns das Judentum wieder entgleiten zu lassen und eine schon einmal schiffbrüchig gewordene Politik neuerdings zu beginnen. Gm Kesrrch beim Wem Marker Judentum. Vortrag gehalten in der Generalversammlung der „Oesterr.-Jsrael. Union" am 17. April 1912, im Saale des Hotel Gnib. Von Dr. Josef S. Bloch. Dem ehrenvollen Rufe der Vereinsleitung, meine Reiseeindrücke von Amerika in einem Vortrage zu schlldern, leiste ich in einem Momente Folge, in dem der Untergang des Riesenschiffes „Titanic" die ganze gesittete Welt in Atem halt. Die ewige Tragödie der menjdH lichen Schwäche einer unerbittlichen und alles zermalmenden Natur gegenüber hat sich in einem Akt offenbart, der uns aufs tiefste bewegt, und unsere Herzen mitschlagen läßt für die wehrlosen und unglücklichen Opfer, für ihre verwaisten Familien! Eine Stimmung inständiger Ergriffenheit überkam jeden beim Lesen der Einzelheiten dieser großen Tragödie. Ich glaube. Sie werden mir vor Eingang in den Vortrag gestatten, in unser aller Namen diesen Gefühlen Ausdruck zu geben, unsere Tellnahme auszusprechen und auch bei diesem traurigen Anlasse dem Mute und der Opferfreudigkeit jener Männer unsere Ehrerbietung zu bezeugen, die im Angesichte des grausigen Todes in ihrer Pflicht nicht wankten. Ehre sei diesen ungenannten Helden, Ehre und Frieden auch unseren dahingegangenen Glaubensgenossen, unter denen sich auch Isidor Straus und dessen Frau befinden, Mitglieder der Phllanthropenfamllie Straus, welche ihr ungeheures Vermögen mit verschwenderischer Großmut jüdischen Zwecken und Wohltätigkeitsinstitutionen widmet. Erst vor kurzem wellte ein Bruder dieses verunglückten Isidor Straus in Palästina und hinterließ dort große Stiftungen. Ich glaube, daß wir auch dieser Familie unsere Tellnahme aussprechen. (Die Versammlung erhebt sich zum Zeichen der Teilnahme von den Sitzen.) Am 12. Dezember brachte mich und meine Reisegenossen ein Ertrazug von Hamburg nach CuXhafen und ich bestieg das große Schiffsungetüm „Amerika" der Hamburg-Amerika^Linie. Das Quartier, welches man mir vorbereitet hatte, war bequem, und der Beginn der Reise g erad ezu genußreich. Ein herrlicher Winter tag, der Himmel war llar. und in zauberischem Lichte spiegelten sich die blauen Fluten. Wir verweilten den ganzen Tag im Freien, promenierten auf dem Deck und in ruhigem Genießen verliefen die ersten Reisetage. Als wir uns der englischen Küste näherten, lockte der Anblick der ‘ großen englischen Kriegsschiffe alle Passagiere des Dampfers ins Freie; die Reisenden 1. und 2. Klaffe waren nach ihrer großen Mehrheit deutsche Reichsangehörige, und wie aus einem Munde kam von all diesen Reisenden die Bemerkung, daß früher oder später diese englischen Kriegsschiffe den deutschen Küsten einen unerwarteten und unwillkommenen Besuch abzustatten bestimmt sind. Auch die jüdischen Passagiere erörterten diese Frage und gaben der lleberzeugung Ausdruck, daß aus diesem unglückseligen Antagonismus zwischen England und Deutschland nur die russische Gewaltherrschaft Kraft schöpfe, daß Rußland niemals gewagt hätte, vor den Augen Europas blutige Schreckensszenen aufzuführen, wenn es nicht durch diesen Gegensatz der beiden Mächte vor jedem Einspruch gesichert wäre. Das Mißtrauen gegen Deutschland habe, England zum Bundesgenossen und Mitschuldigen des blutigen Zaren gemacht. Auf die ersten Tage ruhigen Seeganges folgten solche mit äußerst schweren Stürmen, wie man sie im Monate Dezember naturgemäß erwarten mutzte. .Bald kam auch eine grimmige Kälte, welche uns das Nahen eines besonderen Gastes ankündigte. Es war ein 20 Meter über Wasser ragender Eisberg, der gesichtet wurde, und seinen Einfluß verspürten wir noch, nachdemer langst aus unserer Sichtweite kam. Mit einer infolge der Stürme wohl begreiflichen 24stündigen Verspätung kamen wir Freitag, am 22. Dezember, in die Nähe des Newyorker Hafens. Versunken in dem grandiosen Anblick, welcher sich den Ankommenden darbol, vernahm ich nicht, daß inzwischen mein Name wiederholt gerufen und ich gesucht wurde. Bei der Quarantäne-Station näherte sich unserem Schiffe auch ein Zollkutter, und diesem kleinen Dampfer entstieg eine Deputation hervorragender Männer des Newyorker Judentums, welche kamen, um mich im Aufträge ihrer Mandanten und meiner Freunde noch vor meiner Landung zu begrüßen. Der Vorgang war «mir entgangen, und es dauerte eine Weile, bis die Herren mich versunken in dem Anschauen der amerikanischen Küste aufgefunden haben. In dieser Deputation befanden sich die Herren Bernhard Semel, Vizepräsident der großen Newyorker Khille, Bernhard Türkei, der Präsident des großen Verbandes galizischer und Bukorvinaer Juden, Iosef B ar o n d e s, Stadtschulkommiffär von Newyork, W. Fischmann, Präsident der Down town Talmud-Thora, ferner die Mitglieder des Empfangskomitees Mar Dick, R. Auerbach und S. Terner, sodann als Vertreter der Newyorker Staatszeitung Dr. Pollak, ein geborener Wiener. Das war die erste Manifestation der grandiosen Gastfreundschaft des amerikanischen Judentums, welche ich im Laufe meines zweimonatlichen Aufenthaltes in Amerika noch wiederholt zu bewundern Gelegenheit fm- Herausgeoer: ovi*i