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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Brochs Wochenschrift Seite 265 diesem Verhältnisse zeigt Shakespeare geradezu eine Unkenntnis des jüdischen Wesens. Die Innigkeit des Familienlebens, die dem Judentum so sehr eigen ist, vermissen wir ganz S h y l o ck hat nur eine Tochter, aber er wünscht, sie läge tot zu seinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren, er wollte, sie läge eingesargt zu seinen Füßen und hätte die Dukaten im Sarge. Alles ist bei ihm auf den Ton der gemeinsten Geldsucht gestimmt." Söffe vergaß, indem er diese Worte niederschrieb, daß S Hy lock von Jessika, die er als hinein Kind" bezeichnet, also spricht, da er sich in der „höchsten Leidenschaft des Zorns" befindet und in dieser sein Kind verwünscht. Die' Familienliebe, die angeblich Shakespeare bei ihm vermissen läßt, die wirkliche jüdische Familienliebe, tritt auch bei dem „gemeinen" S h y l o ck hecvor. Den Türkis, den ihm einst seine Gattin Lea geschenkt, er hatte ihn nicht für „einen Wald von Affen" hingegeben. Man lese nur darüber nach, was Heine in der Schilderung der Jcssika sagt. „Es war kein liebloser Vater, den sie verließ, den sie beraubte, den sie verriet..Jessika macht gemeinschaftliche Sache mit den Feinden Shylocks, spricht den Feinden des Vaters gegenüber das Schlimmste über ihn, hat kein Gemüt, langweilt sich in dem „ehrbaren" Hause des Inden, das ihr eine Hölle zu sein dünkt. Das ist keine Jüdin. Das ist „eine Tochter Evas", die fortflattert zu den geliebten Männchen". „So folgte Desdemona dem Mohren". — Mußte nicht der Seelenkenner Shakespeare, auch wenn er das Familienleben der Juden nicht kannte, seinem Shylock Worte des tiefsten Hasses über sein entartetes Kind in den Mund legen, des Hasses, der eigentlich seine Quelle in der grenzenlosen Vaterliebe hat, die verzweifelt über das Geschick seines Kindes, das sich seinen Feinden auslieferte? — Wir kennen die Quellen, aus denen Shakespeare sein Stück schöpfte, noch immer nicht ganz genau. War es Marlowes „der Jude von Malta", war es die Novelle des Giovanni Fiorentino, war es Gower oder Bocaccio für die Geschichte von den den drei Kästchen, vielleicht die Geschichtensammlung „Gesta Nomanorum", in der auch die Erzählung von dem verpfändeten Pfund Fleisch enthalten ist, oder die italienische Novellensammlung „Jl Pecorone" aus dem 14. Jahrhunderte oder ein altes, verlorenes englisches Stück. Die Sage von dem blutigen Rechtsstreit läßt sich, nach Benfly, bis in den indischen und russisch-mongolischen Sagenkreis verfolgen. Gregorio Letis Lebensbeschreibung des Papstes Sixtus V., in der der Jude als verfolgter Schuldner erscheint, ist allerdings jünger als das älteste englische Schauspiel des gleichen Inhalts. Sicher ist eines: Shakespeare wird, trotz aller sicheren und weniger sicheren Quellen, viele Inden nicht gekannt haben. Denn zu seiner Zeit gab es, obgleich Sombart dem widerspricht, wenige oder gar keine Juden in England. Die Forschungen des Engländers Lee, auf die G r ätz in seiner Schrift über „den Kaufmann von Venedig" großes Gewicht legt, haben aber erwiesen, daß damals in England viele aus Spanien und Portugal entflohene Marranen sich befanden, unter ihnen ein.einflußreicher Mann, Dr. Roderigo Lopez, der Dolmetsch in wichtigen diploumtischen Angelegenheiten und Leibarzt der Königin Elisabeth war. Er entzweite sich mit den Günstlingen der Königin, Leicester und Essex, und dem flüchtigen portugiesischen Kronprätendenten Antonio, wurde in einen Hochverratsprozeß verwickelt und hingerichtet. Er soll, nach den Akten, unschuldig verurteilt worden sein. Das Volk aber glaubte an seine Schuld, und der Grimm des Pöbels wandte sich natürlich gegen den Juden, der es vielleicht nicht einmal war. Nach Lees Behauptung sei die Maske des Lopez eine zeitlang traditionell für die S h y l o ck s geworden. Kurz, man sieht, wie wenig eigentlich Shakespeare die Juden kennen zu lernen vermochte. Wenn er uns nichtsdestoweniger eine so plastische Gestalt wie die Shylocks hinstellt, dann wollen wir in ihr nicht allein den „gemeinen Wucherer" sehen, sondern den Juden, von dem der Dichter so schön sagt: „Dulden ist das Erbteil unseres Stammes". — Aber manchmal richtet sich der gekrümmte Dulder auf, dann wird er zum Kämpfer und Rächer. Das ist und bleibt Shylock. Und jetzt kommen wir dazu, den Grund anzuführen, warum wir uns mit dem Problem Shylock wieder beschäftigen, dem wir vor Jahren eine Studie in diesen Blättern widmeten. Herr Schulrat ProfessorSoffe, ein Brunner Kunst- und Literarhistoriker, der sich mit englischer Literatur- und Kulturgeschichte, besonders mit Shakespeare, den er übrigens Shakspere schreibt, beschäftigt, ließ soeben einen Sammelbaud von „Studien" erscheinen. („Mosaik-Studien", Brünn 1912, bei F. Jrrgang.) Unter diesen Abhandlungen befindet sich auch eine über „Shylock als Rolle". In diesem Aufsätze führt Soff« aus, er könne in Shylock „einen tragischen Helden, einen Märtyrer seines Glaubens unmöglich erblicken". „Schon Gervinus hat sich gegen diese Auffassung gewendet". Mit allem Respekt vor Gervinus sei es gesagt: Dann hat sich auch dieser große Literarhistoriker, auf den man im übrigen heute längst nicht schwört, in die Volksseele nicht hineingelebt, die durch Shylock tragisch verkörpert wird. Heine erzählt: „Als ich dieses Stück (den Kaufmann von Venedig) in Drurylane aufführen sah, stand hinter mir in der Loge eine schöne blasse Britin, welche am Ende des vierten Aktes heftig weinte und mehrmals ausrief : »The poor man is wronged«, „Dem armen Manne geschieht U ur e ch t". Diese blasse, schöne Dame hat den Juden von Venedig besser verstanden, als alle Literatur- Professoren, auch als Gervinus, dessen Literatur-Geschichte Grillparzer als eine Naturgeschichte der Literatur bezeichnet. Da haben schon Männer, wie Adolf Gelber und Alfred Freiherr von Berger das Richtigere getroffen. Die voraussetzungslose Wissenschaft verzichte doch endlich darauf, Autoritäten anzurufen, die sich doch zu irren vermögen. „Dem Manne geschieht Unrecht", in diesen Worten liegt die ganze Tragik eines Volkes, liegt auch das ganze tragische Shylo ck-P r o bl e m enthalten. Mag Shylock die karikierte Judenphysiognomie tragen, er bleibt ein Mensch. Die Rachsucht mag in ihm verkörpert sein, aber diese wird durch die Schmach, die ihm angetan wurde, aufgewühlt. Das ungeheure Unrecht, das ihn niederdrückt, schreit gen Himmel und will gerächt sein. Der Rassenhaß, der Shylock erfüllt, wird zur feurigsten Verurteilung des Rassenhasses. Der Mensch, der an der Menschlichkeit verzweifelt, dem keine Billigkeit und Milde zuteil wird, er klammert sich wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an das Recht, das ihm nicht zuteil wird. „So rettet der Künstler Shakespeare, vielleicht wider Willen was Shakespeare, das Kind seiner Zeit verloren gibt". (Alfred Klaar, „Geschichte des modernen Dramas in Umrissen".) Aus diesem Charakter Shylocks brechen seine zwei gewaltigen Wutschreie der getretenen Menschenwürde hervor, die eine schildert seine erlittene Schmach, die andere will auch für den Juden das Recht fordern, denn auch er hat: „Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge" u. s. f. — Söffe sagt: „Shylock hat nichts Großes, nichts Dämonisches an sich, er ist nur bösartig und gemein und der Darsteller sollte sich den Intentionen des Dichters unterordnen". Wir aber meinen, der Darsteller, der so den S h y lo ck brächte, würde wenig Verständnis zeigen. Shylock haßt in Antonio durchaus nicht den von ihm in der Religion verschiedenen Menschen, sondern den Uebermütigen, den Unterdrücker. Das hat I h e r i n g, den ja auch Söffe zitiert, in seiner ausgezeichneten Schrift vom „Kampf ums Recht" trefflich ausgeführt und vor ihm noch besser Heine mit dem intuitiven Blicke des Dichters erschaut. Shylock ist ein Michael Kohlhaas in seiner Art. Brünn. . Dr. Max G r ü n f e l d.; i .

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