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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 De. Vlochs Wochenschrift Seite 361 die geradezu entsetzlichen Verfolgungen, denen sich jeder aussetzt, de seit LO Jahren es gewagt hat, sich dem Badeblatt zu widersetzen, haben jeden bisher abgeschreckt, sich in einen Kampf einzulassen. Nunmehr scheint es für Karlsbad zu dämmern: Die Furcht vor Herrn Doroschkin ist stark im Schwinden begriffen. Dr. Hans Niederer wäre der rechte Mann, zur rechten Zeit als Gegner einzugreifen, wenn man auch gestehen muß, daß er zeitweilig nicht vollkommen konsequent in seinen Anschauungen ist, und' endlich wird vom 1. Mai angefangen, die Karlsbader Zeitung täglich erscheinen, so daß den maßlosen Angriffen des Badeblatt ein scharfer Widerstand entgegengesetzt werden kann. Allem Anschein nach wird die Saat aufgehen und dann tritt eine Folge ein, die von jedem friedlichen Bürger seit Jahren ersehnt wird. Es kann wieder Frieden werden — aber vorerst kommt es zum Sturm. Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden. Im großen Saal des Logenhauses in der Kleiststraße 10 in Berlin fand die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Der Saal war von einer zahlreichen Zuhörerschaft aus den Kreisen der Mitglieder des Vereins dicht besetzt. Der Präsident des Hilfsvereins, Dr. James Simon, eröffnete die Generalversammlung mit dem Hinweis daß der Hilfsverein auf eine zehnjährige Tätigkeit zurückblicken könne. Dann erstattete Dr. Simon Bericht über die Tätigkeit des Hilfsvereins im Jahre 1911. Der Vortragende stellte zunächst fest, daß die Mitgliederzahl des Vereins im Berichtsjahre gestiegen ist. Der Hilfsverein zählt heute über 25,000 Mitglieder und hat mehr als 160,000 Mark Jahresbeiträge. Die Gesamteinnahmen für 1911 belaufen sich auf 335,000 Mark. Der Hilfsverein für die notleidenden Juden im Osten hat im Berichtsjahr keine Unterbrechung erfahren. In Galizien, wo 800,000 Juden in den ärmlichsten Verhältnissen leben, wurde die Tätigkeit im bisherigen Umfange fortgesetzt. lieber den Rahmen der gewöhnlichen Hilfstätigkeit hinaus war der Hilfsverein im Jahre 1911 gezwungen, für die türkischen Glaubensgenossen, insbesondere für die Juden in Konstantinopel, dje durch zwei Riesenbrände geschädigt worden waren, einzutreten. Bisher wurden 30,000 Francs nach Konstantinopel überwiesen. In Rumänien ist die Lage der Juden in politischer Beziehung gleich betrübend geblieben. Die wirtschaftliche Not hat aber akute Formen nicht angenommen. InRüßkand ist das System der blutigen Pogrome ersetzt worden durch ein System anhaltender, immer drückender werdender Einschränkungen. Aus allen Teilen des Reiches kamen im Berichtsjahre Nachrichten über massenhafte Ausweisungen. Die Zahl derjenigen, deren Leiden zur Kenntnis der Oeffentlichkeit kamen, beträgt allein mehr als 10,000. Leider scheint dies nur die Einleitung zu weiteren Ausweisungen großen Stils zu fein, die sich in mancherlei Maßnahmen der russischen Behörden bereits ankündigen. Hat man schon früher aus dem sogenannten Hlnsiedlerrayon eine Reihe von Städten, wie zum Beispiel Rostow am Don, Taganrog, Jalta und teilweise auch Kiew, herausgehoben und den Juden dort die Niederlassung verwehrt, so drohen ihnen in Zukunft noch weitere derartige Beschränkungen. Die Zurückdrängung der jüdischen Jugend von den Bildungsstätten jeglicher Art wurde im Jahre 1911 noch weiter durchgeführt. Nachdem für die Aufnahme der Juden in die höheren Schulen im Jahre 1910 der geringe Prozentsatz von 3 Prozent in den Hauptstädten, 5 Prozent in den anderen Städten außerhalb des Rayons und 10 Prozent im Rayon festgesetzt war, verfolgte man auch diejenigen Juden, die infolge der Prozentnorm eine Schule zwar nicht besuchen konnten, -aber es sich so viel kosten ließen, um durch Privatunterricht sich für die Examina vorzubereiten. Diese sogenannten „Externen" werden jetzt ebenfalls nur zu einem geringen Prozentsatz zu den Prüfungen zugelassen. Den Verfolgungen der studierenden Jugend reiht sich die Verfolgung der Gebildeten an. Neben der gesetzlichen Bedrückung geht eine von den Behörden begünstigte, oft sogar inszenierte Hetze, eine Aufstachelung der niedrigsten Instinkte der Massen gegen die Juden. Es ist traurig, zu sehen, wie selbst jenes mittelalterliche Vorurteil, daß die Juden zu Ostern Christenblut brauchen, wieder hervorgeholt wird, um durch das ganze Reich eine beispiellose Agitation gegen dir Juden, die die allerschlimmsten Folgen zeitigen kann, zu entfalten. Der Hllfsverein hat wie in den früheren Jahren den größten Teil seiner Mittel und den größten Teil seiner Arbeit zu Gunsten der russischen Juden aufgewendet und bei allen Unglücksfällen das Seinige zur Linderung der Not beigetragen. Das Hilfswerk für Rußland und die Auswanderung erforderte im Jahre 1911 264,000 Mark. Wie in den Vorjahren bestand die größte Hilfe, die der Verein den Unterdrückten Rußlands bieten konnte, darin, daß er ihnen die Möglichkeit gewährte, sich den Verfolgungen zu entziehen. Die gesamte jüdische Auswanderung. die zu 70 Prozent aus Rußland kommt, betrug im Jahre 1911 mehr als 100,000 Personen. Davon gingen 83,044 nach den Vereinigten Staaten von Amerika. 41,000 Auswanderer haben ihren Weg durch Deutschland genommen. Die Komitees und Bureaus des Vereins an den Grenzorten, im Innern Deutschlands und tu den Hafenplätzen hatten 14,322 Auswanderer abzufertigen. Die Kosten, die die gesamte Fürsorge für die Auswanderer verursacht hat, betrugen 210,000 Mark. Die Versammlung nahm den Bericht des Präsidenten über die Vereinstätigkeit im Jahre 1911 mit großem Beifall auf. Hierauf gab Dr. Paul Nathan einen kurzen Aeberblick über die Tätigkeit des Vereins in den ersten zehn Jahren seines Bestehens und besprach dann eingehend die russische Iudenfrage und die Wege, auf denen sie gelöst werden könne. Der Redner führte folgendes aus: „Bei einer Unterredung mit dem Grafen Witte und dem Ministerpräsidenten Stolypin fragte ich diese Herren, was von der Regierung zum Schutze der bedrückten russischen Juden geschehen wäre. Beide Herren antworteten: „Lassen Sie uns nur Zeit: die russische Iudenfrage wird auch einmal gelöst werden." Wir meinen, daß die russischen Juden» die am Verhungern sind, nicht so viel Zeit haben wie die russische Bureaukratie. Deshalb bleibt unseren Glaubensgenossen nichts anderes übrig, als auszuwandern und sich eine neue Heimat zu suchen." Der Hauptstrom dieser Auswanderung geht bis jetzt nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es muß aber mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Vereinigten Staaten infolge einer veränderten politischen oder wirtschaftlichen Lage die Auswandererscharen nicht mehr aufnehmen. Als Ersatz kann dann nur das Osmänische Reich mit seinen großen, dünnbevölkerten Ländermassen in Betracht kommen. Dr. Nathan besprach dann im einzelnen die Ansiedlungsmöglichkeiten der russischen Juden in der Türkei. Die interessanten Ausführungen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Nach kurzer Diskussion teilte der Schatzmeister des Vereins Mit, daß der Präsident Dr. James Simon aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Hilfsvereins die Summe von 100,000 Mark und zwei andere Mitglieder 50,000 und 25.000 Mark gestiftet haben. Darauf schloß Dr. James Simon die Versammlung, nachdem bekanntgegeben worden war. daß Professor Dr. Mittwoch-Berlin und Julius VafchMünchen ins Zentralkomitee des Vereins gewählt worden waren.

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