Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3021998--21073-3046147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 387 die Direktorin der Wärterinnenschule, die 3 Jahre unentgeltlich dienen. Anna van Kirk, im ganzen Reich oft konsultierte Fach aut oritäten bei Einrichtung von allgemeinen Spitälern sind. Außerdem leiten 56 Aerzte mit der doppelten und dreifachen Anzahl von Assistenten das Ambulatorium mit seinen vielen Unterabteilungen (für Zahnheilkunde, Orthopädie. Radiotherapie, physikalische Heilmethoden). Dann besoldet das Spital aber eine ganze Reihe von Distriktsärzten für die Fälle von Krankheiten, die es ausschließt (ansteckende Ausschläge, unheilbare Tuberkulose, Alterserkrankungen, störende Nervenerkrankungen, Entbindungen und chronisch Unheilbare), die die Kranken unentgeltlich aufsuchen und mit Medikamenten versehen. Auch hat es einen Rebnvaleszentenfonds in bescheidenem Maße gegründet, wie unser Rothschildspital. Daß die Kosten der Anstalt im Verhältnis zu den Leistungen relativ gering, 447,709 Dollars, sind, ist nur den enormen Spenden an Lebensmitteln, Instrumenten, Bandagen rc. und dem unter Mrs. Moses stehenden Damenhilfsverein zu danken, der die ganze Wäsche des Spitals liefert. Auch werden in Synagogen und sogar Kirchen Samstags und Sonntags Spenden gesammelt. Da aber dem Kuratorium für seine armen Kranken das Beste gerade gut genug ist, wie die Auswahl seiner Aerzte, der berühmtesten Rewyorks, zeigt (vielfach christliche, merkwürdigerweise ein einziger weiblicher für Kinderkranke und relativ wenig weibliche Assistenten), außerdem der lururiösen Ausstattung von innen und außen, so heißt es trotz alledem tüchtig arbeiten, um selbst mit Defizit weiter kommen zu können, und das wird denn auch mit intensiver Arbeitsteilung in einem Eiekutiv, Vorlesungen und medizinische Angelegenheiten. Finanz-, Rechts-, Ankaufs-, Ambulanz-, Distriktsärztegebäude. Presse, Apotheker, Sozialhilfe (für ausgetretene Krankenunterstützungl, Mitgliederwsrbungs- und Vorstandswahlausschuß getan. In allen diesen Ausschüssen fungieren ausschließlich Herren und Laien, die Aerzte werden nur zur Beratung zugezogen, außerdem besteht auch ein großes Besuchskomitee von Aufsichtsherren, von denen täglich zwei Herren fungieren, und wenn wir hören, daß der Vizepräsident des Vorstandes, Herr Wimpfheimer. jährlich 10,000 Dollars spendet, sowie daß so viele in der wilden Jagd des amerikanischen Berufslebens stehende Herren ihre Zeit unter dem gegenwärtigen Präsidenten H. Georg Blumenthal in so hohem Grade der Institution opfern, werden wir mit Bewunderung für das soziale Pflichtbewußtsein und die Großzügigkeit unserer Glaubensbrüder jenseits des Ozeans erfüUt, eine Opferwilligkeit, die allerdings in den Ländern englischer Sprache von jung und alt aller Konfessionen geteilt wird. Wenn wir in englischen Zeitungen fast täglich lesen, die Königin habe mit ihrer jungen Tochter dies oder jenes Spital besucht, wenn ich an unsere verewigte Kaiserin und die vielen hocharistokratischen Damen denke, die ich im für Laien gewiß bedrückenden „Haus der Barmherzigkeit" treffe, wenn ich schließlich die ehrenvollen Leistungen unseres jüdischen „Bikur Chaulim" betrachte, möchte ich es wünschen, es möge auch bei unfern jungen Wiener Damen zuin „bon Ton" werden, einige überflüssige Zeit, und Geld den armen A'ermsten zu widmen, die oft hilflos, verlassen, einem traurigen Tod entgegendämmern, wenn schon unsere junge Wiener Herrenwelt kaum dem Beispiel der vornehmen englischen und amerikanischen folgen dürfte, einige Sonntags- oder Sabbatstunden dem Spitalsbesuch zu widmen. Möge das Sinai-Spital, das seinen Namen von dem Berge fuhrt, von dem die Gebote unseres Glaubens ausgingen, seiner finanziellen Sorgen bald entledigt werden und weiter der leuchtende Edelstein in der Krone der jüdischen Newyorker Wohlfahrtsinstitutionen bleiben. C. Benedikt. Glieder and Schale. (Zur Geschichte des jüd. Erziehungswesens in Galizien.) Der seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dauernde Kampf zwischen Cheder und Schule ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen im kulturellen Leben der Ostjuden und stellt ihrem opferwilligen Sinne für Erziehung in gewisser Beziehung das glänzendste Zeugnis aus. Denn während bei sonst ähnlichen Reformbestrebungen, wo infolge der veränderten kulturellen Zustände und Bedingungen die Notwendigkeit eingesehen wird, eine veraltete, dem Zeitgeiste nicht mehr entsprechende kulturello Institution durch eine andere, den zeitgemäßen Bedürfnissen augepaßte zu ersetzen, über kurz oder lang eine definitive Entscheidung zu Gunsten der einen oder der anderen herbeigeführt wird, begegnen wir hier einer merkwürdigen Ausnahme: Nachdem sich Cheder und Schule über hundert Jahre mit rücksichtsloser Erbitterung auf Leben und Tod bekämpft, leben nun diese beiden Institutionen in gutem Einvernehmen nebeneinander, als ob nie Gegensätze zwischen diesen bestanden. Cheder und Schule stehen jetzt bei den Ostjuden als zwei notwendige und unentbehrliche, sich einander ergänzende Erziehungsinstitutionen da, indem der orthodoxe Jude sein Kind auch in die moderne Volksschule schickt, ebenso wie der moderne das seine, wenn auch nicht ohne "Widerstreben, das Cheder besuchen läßt. Was sich aber, wie das Cheder, ungeachtet vieler Anfechtungen, behaupten, aller ihm drohenden Stürme die Stirne bieten konnte, trägt zweifellos eine Daseinsberechtigung in sich — das sind seine besten Legitimationspapiere. Wenn aber dagegen erwogen wird, daß das Cheder sich bis heute in nichts zu seinem Vorteile verändert', sich eher, wennmöglich noch verschlechtert, indem die Unwissenheit der Melamdim sprichwörtlich geworden, die veraltete, Körper und Geist gleich tötende Lehrmethode noch heute wie vor 200 Jahren im vollen Schwünge ist, die schlechten hygienischen Bedingungen, die selbst die Anspruchlosesten nicht mehr befriedigen, dieselben geblieben und endlich die daselbst erzielten Lehrerfolge kaum jemand befriedigen, so drängt sich mit Recht die Frage auf: Welche Macht wohnt dieser Institution in ne. daß sie sich ungeachtet ihrer in die Augen springenden und allseits anerkannten Fehler bis heute behauptet? Was veranlaßt den Ostjuden, mit so vielen Geldopfern, die oft in keinem Verhältnisse zu seinem meist gelängen Einkommen stehen, das Cheder. mit dessen Unterrichtserfolge er keineswegs zufrieden ist - das soll hier ausdrücklich hervorgehoben werden - zu erhalten, selbst dort, wo ihm jüdische Volksschulen, die er auch wirklich benutzt, unentgeltlich offen stehen? Augenscheinlich erfüllt das Glieder F.rxiohungsaufgaben, die die Schule nicht erfüllt. Und dem ist es tatsächlich so. Das Cheder erfüllt neben den Aufgaben einer Religionsschule auch die eines Kindergartens und eines Kinderheims. Während nämlich die Volksschule nur die Kinder im schulpflichtigen Alter einige Stunden des Tages bei sich behält, nimmt das Cheder schon Kinder im dritten Lebensjahre auf und beaufsichtigt diese den ganzen Tag, selbst Feiertage nicht ausgenommen; es bleiben da die Kinder, bis sie sich einem praktischen Berufe oder einer praktischen Arbeit widmen. Es ist mit Bedauern zu konstatieren, daß das Cheder von seiner Höhe, auf der es sich einst befand, zu einer Kinderbewahranstalt herabgesunken, indem es einmal keine hebräische Sprachschule mehr ist. da in Orten, wo solche bestehen, die Kinder auch dorthin geschickt werden, obwohl sie das Cheder besuchen. Das ist der Grund, warum das Cheder selbst von einer jüdischen Volksschule nicht verdrängt werden konnte. Es vermochten es ebensowenig die unter der Josefinischen Regierung in Galizien gegründeten etwa 30 Schulen, die schon nach '30 jährigem Bestände spurlos verschwanden, noch die in Lembergüber Initiative des Landtagsabgeordneten Beruh. Goldmann errichtete Anstalt noc-h die von Josef Perl in Tarnopol gegründete jüdische Schule, noch die anderen in Galizien und Bukowina bestehenden, von .Kultusgemeinden oder anderen Institutionen erhaltenen jüdischen Schulen, die doch immer ausdrücklich oder stillschweigend dasselbe Ziel verfolgten — das Cheder zu verdrängen. Dagegen geht aus dem oben Angeführten mit sicherer Klarheit hervor, daß eine mit Kinderheim und Kindergarten verbundene jüdische Volksschule das Cheder mühelos verdrängen wird und sich von gezahlten Schulgeldern selbst erhalten kann. Ein Jude hier zu Lande zahlt durchschnittlich